Mark Morriss solo in Frankfurt 30.03.14

Mark Morriss solo in Frankfurt 30.03.14 © Jan Wölfer

Der Ex-Bluetones Sänger Mark Morris gastierte am Ende seiner Deutschland-Tour in der Frankfurter Brotfabrik und bot dabei einen zeitlosen Mix aus Bluetones-Klassikern, außergewöhnlichen Coversongs und Liedern von seinen beiden Soloplatten.

Nach ihren ersten Singleshits in England 1994-1995, waren The Bluetones Anfang 1996 mit Ihrem Debut "Expecting To Fly" zeitgleich zu den Schwergewichten Oasis und Blur nicht nur in England in aller Munde.

Das wunderbar homogene Debut, das alle Vorzüge des englischen Gitarrenpop der Achtziger mit traditionellem Sixties-Songwriting und einem distinguierten Sänger verband, fand auch im übrigen Europa großen Zuspruch.

Wagemut, der nicht belohnt wurde

Auf der Schwelle zum großen Durchbruch 1998 entschied sich die Band aber dafür, ein Country & Wüstenstaub-atmendes Nachfolgealbum auf den Markt zu bringen, das trotz positiver Kritiken kommerziell nicht den erhofften Anklang fand. Die Karriere der Band geriet ins Schlingern und trotz insgesamt dreizehn UK Top 40-Singles war 2011 vorerst Schluss mit The Bluetones.

Bereits 2008 hatte Mark Morriss, der Sänger und Hauptsongschreiber der Bluetones, mit "Memory Muscle" ein vorsichtiges, ruhiges Solodebut mit Folkanklängen gewagt, nur um 2014 mit dem deutlich mehr Strahlkraft besitzenden Nachfolgealbum "A Flash of Darkness" endgültig dem Schatten seiner Band zu enteilen.

One-Man-Show

In England hatte Morriss die neue Platte völlig überraschend bei etlichen Dates mit der kompletten Bluetones-Besetzung vorgestellt. Ein Zeichen dafür, dass die intakte Band 2011 lediglich aus finanziellen Gründen die Reißleine ziehen musste. Bei den jetzt anberaumten Europakonzerten reicht es dann "nur" für eine kostengünstigere "One-Man-Show". 

Die teilbestuhlte Brotfabrik füllt sich am Sonntagabend leider nur spärlich: weniger als 100 Besucher sind anwesend. Morriss schüttelt vor Konzertbeginn Hände, bedankt sich fürs Kommen und gibt sich so volksnah wie nur möglich. Dabei wirkt er auch während des Konzerts in keiner Sekunde angespannt oder distanziert.

Im Gegenteil, Morriss ist ein Überlebender der "Britpopblase" der Endneunziger, die spätestens nach dem Millennium viele Karrieren platzen ließ. Sehr eloquent und nie wirklich verbittert wirkend setzt er seinen britischen Charme bestens ein. Er weiß um die Wichtigkeit seiner kleinen Zuhörerschaft und wird später auch offen zugeben: "Thanks for being here tonight. You are the only audience I’ve got."

A Flash of Darkness

Der Schwerpunkt liegt, neben zwei feinen Stücken seines Solodebuts, natürlich auf der neuen Platte, die alle Stärken von Mark Morriss ins rechte Licht rückt und dabei alten Bluetones Glanz problemlos mit Folk, Supetramp-Seventiespop und US-Westcoast verbindet.

Die geschmackvolle Instrumentierung der Platte (Saxophone, Vintage-Keyboards, Vaudeville-Piano) sowie illustre Gäste wie Matt Berry und Bluetones-Kumpel Adam Devlin an der Lead-Gitarre lassen sich natürlich alleine nicht ersetzten. Das gibt Morriss während der Songs auch augenzwinkernd zu: "Kauf die Platte nicht, wenn ihr kein Saxofon mögt" und: "Hier käme der Mittelteil des Songs mit einem Soli. Das überspringen wir".

Aber auch stripped-down zeigen die neuen Stücke ihr Potential: Einmal mehr ist es der kühne 67er San Francisco-Spirit eines Arthur Lee (Love), der Morris beflügelt und etliche der Songs trägt. Besonders die beiden starken neuen Singles "This Is A Lie (And That’s The Truth)" und "Space Cadet" strahlen nochmals kristallklar und fokusiert wie alte Bluetones Diamanten. Aber auch "Consuela" und das feine The Shins Cover "Pink Bullets" lässt die treuen Anhänger aufhorchen.

Jukebox Hero

In der Mitte des Sets leistet sich Morriss ein kurzweiliges Medley aus 80er-Songs, die ihm "einen Platz als Coversänger auf einem Luxusliner" und damit ein sicheres Auskommen sichern sollen. Es ist schier unglaublich, wie er sich Duran Duran‘s "Rio", Foreigner‘s "I Wanna Know What Love Is“, und Lionel Richie‘s "Hello" zu eigen macht.

Was zwar vom Ansatz her Sarkasmus versprüht, hat zweifellos einen Riesen-Charme Faktor und auch hier ist steht das Publikum voll hinter seinem alten Helden. In die gleiche Kerbe schlägt später auch als Zugabe noch die einst von den Bluetones als B-Seite verarbeitete Coverversion von Barabar Streisands "Woman in Love", die er am UK-Muttertag natürlich den Müttern widmet und als "The Opposite of Fight Club" betitelt.

Weniger skurril hingegen wirkt seine Version des Teenage Fanclub-Hits "Alcoholiday" aus dem Jahr 1991. "Das haben Teenage Fanclub für mich an meinem 21sten Geburtstag gespielt", erinnert sich Morris und: "Ja, das ist jetzt auch schon 23 Jahre her".

Unverwüstliche Klassiker

Einige Jahre alt sind an diesem Abend auch schon die immer wieder eingestreuten Bluetones-Klassiker, welche vor allem Zuschauer seiner Generation (nicht wenige an diesem Abend) begierig aufsaugen.

Sie zeigen nochmals, dass das Potential der Band enorm war und die massiven Singleshits der Jahre 1994-2000 auch in ihrer skelettierten Form großen Pop darstellen; egal, ob das majestätische "Keep the Home Fires burning", der "Expecting To Fly"-Nachhall "Marblehead Johnson", das zeitlose "Bluetonic" oder natürlich: "This is the Song that made me a Millionaire" a.k.a.: "Slight Return".

Finale / A Parting Gesture

Dann wird der Sänger doch noch sentimental und erzählt von den großen finanziellen Problemen, welche die Band im Zuge ihrer 2006 angestrebten Europatournee ereilte, als der Manager und langjährige Bandmentor die Bandkonten leeräumte, um sich nachher unter Berufung auf eine Geisteskrankheit endgültig in die Vogelfreiheit zu verabschieden. The Bluetones haben sich davon bis zur Auflösung 2011 nicht mehr erholt. Ein Jammer!

Nach eineinhalb Stunden und einem "Sie wünschen, ich spiele" Zugaben-Finale, das mit einer atemberaubenden "Sleazy bed track"-Version und "Slack Jaw" nochmals der unkommerzielleren, Country-infizierten Seite der Bluetones Tribut zollt, ist Schluss. Alle Anwesenden wünschen sich, dass sich sein "Hope to see you soon" bewahrheitet. Denn vor 2014 war der Ex-Bluetones Frontmann tatsächlich letztmalig 2006 mit seiner alten Band in unseren Gefilden.

A slight return, hoffentlich!

Setlist

It’s Hard To Be Good All The Time | Keep the Home Fires Burning | Consuela | So It Goes | Bluetonic | Low Company | Pink Bullets (The Shins Cover) | “Cheesy Covers Medley” Duran Duran- Rio // Foreigner – I Wanna Know What Love Is // Lionel Richie – Hello | Marblehead Johnson | This Is A Lie (And That’s The Truth) | Slight Return | Alcoholiday (Teenage Fanclub Cover) | Lay Low | Space Cadet | Sleazy Bed Track | Slack Jaw | Woman in Love (Barbara Streisand Cover)

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