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Retrogott & Hulk Hodn (live im Karlstorbahnhof 2012) © Hannes Mezger

Wer sind die bestesten Rapper Deutschlands? Dem Namen zufolge sind das wohl Hiob, Morlokk Dilemma, Audio88 und Yassin aka Die Bestesten, die am 15.12.2012 mit Unterstützung von Dj V. Raeter und Dj Breaque im einigermaßen vollen Karlstorbahnhof in Heidelberg vor Huss & Hodn die Ehre hatten. Aber ist der Name auch Programm?

Hätte man die Augen bloß auf die altersmäßig erfrischend heterogene Zuschauermenge gerichtet, hätte man zweifellos sagen können: Ja, Die Bestesten sind die Bestesten. Die 4 MCs auf der Bühne hatten sehr gute Laune, keinen Zweifel. Rappen können sie auch alle. Doch die Frage, die sich im Voraus gestellt hatte, lautete:

Funktioniert der avantgardistisch anmutende Stil der Jungs auch live, der zwischen Hiobs hoher, sich beinahe überschlagender Maschinengewehrtechnik und Audio88' reimloser, auch auf Platte an manchen Stellen schwer verständlicher Erzählweise pendelt?

Gut bis mäßig mit viel Humor

Gut bis mäßig ist hier die Antwort. In den hinteren Reihen und am Rand des Konzertsaals war mehr als Bass und ein paar herausstechenden Punchlines kaum zu hören. Lag es an der Soundmischung oder an was auch immer – hängengeblieben sind einzelne Lines und ein Bild fröhlicher Interaktion der Künstler und Zuschauer:

An die 400 Besucher schreien mit den Musikern Gott trinkt, bevor Audio88 in Die Wahrheit ist hart wie ein Schlag ins Gesicht-Manier zum Besten gibt: "Du hattest 7 Jahre Karate, ich elf Jahre Cottbus". Der Humor kommt bei der Show auf jeden Fall nicht zu kurz, sollte aber später durch Retrogott noch gesteigert werden.

Als Zugabe spielen Yassin und Audio88 den Titelsong ihrer EP Die Erde ist eine Scheide und schlussendlich mit Hiob und Morlokk Dilemma den bisher einzig releasten Track der Bestesten: Ein Job für die Bestesten. Guter Auftritt, der stellenweise abflachte und etwas anstrengend war.

Kritisch-lustiger Ton von Huss und Hodn

Nach einer kurzen Pause betreten gegen viertel vor Zwölf Huss und Hodn die Bühne. In gewohnt kritisch-lustigem Ton prügeln die kraftvollen halbintelektuellen Fäkalworte Retrogotts auf Rap-Deutschland ein. Der Zuschauerraum hat sich nach den Bestesten noch etwas verdichtet, die Laune der Menge ist genauso gut, wenn nicht sogar noch besser als vorher.

Hulk Hodn trägt das Jubiläums-Geburtstags-Shirt der Stieber Twins, die Ende November ihren 40. bzw. 80. Geburtstag im Karlstorbahnhof  gebührend gefeiert hatten (wir waren dabei). Unter den Gästen vor drei Wochen waren eben unter anderem auch die zwei Kölner Künstler, die ihrer Verehrung der Stieber Twins in ihren Songs Ausdruck verleihen: "Sie bringen Rap auf den Strich, Martin Stieber bringt ihn auf den Punkt."

Während mancher Strophen unterlaufen Kurt Huss einige Fehler, auf die er selbst aufmerksam macht, ihnen aber so den Ernst nimmt und als irritierendes Moment in die Songs integriert. Niemand stört sich daran, alle lachen, alle finden die Nummern großartig. Zwischendurch wird auch ein wenig gefreestylet, ordentlich und amüsant.

Stieber Twins-Verweise und neue Tracks

Danach geht es weiter mit rap-historischen Verweisen auf Tracks der Stieber Twins. "Klar, es gibt verschiedene Rapgeschmäcker, doch bei Grundschultexten ziehen mein Bruder und ich den Stecker" aus Doppelt nicht Stereo bildet etwas umgewandelt die Einganszeilen von Huss und Hodns Song Radiowecker. Weiter bedient sich Retrogott dem Lied Schlangen sind giftig der Stiebers und textet um: "Schlangen sind gesprächig. Wenn Rap auf deutsch, dann mäßig."

Große Unterhaltung wird hier geboten und im Gegensatz zu den Bestesten versteht man sogar das einzelne Wort aus dem Munde des selbsternannten Retrogotts. Gegen Ende des Konzerts spielen Huss und Hodn schließlich auch einige Songs von ihrem hoffentlich bald erscheinenden neuen Album. Die Beats und Texte machen den Fan auf jeden Fall heiß auf die Scheibe.

Zwei Beispiele: "Wäre die Welt eine Scheibe, hätte Gott sie längst umgedreht. Go fuck yourself" oder auch "Ich breche das Inzesttabu. HipHop macht uns zu Brüdern und ich ficke deine Crew." Phantastisch und nach wie vor frisch. Retrogott nennt Huss und Hodn an diesem Abend in einer Ansage "Die Letztesten". Und an diesem Abend waren "Die Letztesten" auf alle Fälle die Bestesten.

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