Rainer Kern Enjoy Jazz (Pressebild, 2013)

Rainer Kern Enjoy Jazz (Pressebild, 2013) © Enjoy Jazz / Rainer Kern

Enjoy Jazz zählt seit jeher zu den Highlights des Musikjahrs in der Metropolregion Rhein-Neckar. Dieses Jahr feiert das Festival sein fünfzehnjähriges Jubiläum. Wir sprachen mit dem Initiator und Festivalleiter Rainer Kern über die Anfänge von Enjoy Jazz, die Sinnhaftigkeit staatlicher Förderung von Kultur und die Frage, warum es bei Enjoy Jazz keine Vorgruppen gibt.

regioactive.de: Herr Kern, was sind Sie von Beruf?

Rainer Kern: Ich bin Diplom-Chemiker, arbeite aber heute als Kurator und Produzent.

regioactive.de: Worin besteht ihre Tätigkeit als Kurator und Produzent?

Rainer Kern: Ich beschäftige mich einen sehr großen Teil des Tages mit Musik, indem ich sie höre, darüber lese oder Konzerte besuche. Da ich allerdings der Gesamtleiter, und nicht nur der künstlerische Leiter des Enjoy Jazz-Festivals bin, zählen organisatorische Aufgaben zu meinen Haupttätigkeiten. Ich muss dafür sorgen, dass alle Aufgaben gut verteilt sind, alle Fragen beantwortet und alle Probleme gelöst werden. Es ist eigentlich ein 24/7-Job.

regioactive.de: Sie haben natürlich ein großes Team, das Sie unterstützt, aber letztlich sind Sie für alles verantwortlich.

Rainer Kern: Im Prinzip, ja. Angesichts dessen, was wir leisten, ist unser Team aber vergleichsweise klein. Da unsere Mitarbeiter sehr gut sind, funktioniert es dennoch.

regioactive.de: Ganz zu Beginn war Enjoy Jazz eine Reihe im Karlstorbahnhof in Heidelberg, aber bald entwickelte es sich zu einem eigenen Festival.

"Nach der Premiere ermutigten mich viele weiterzumachen"

Rainer Kern: Im ersten Jahr fand das Festival nur im Karlstorbahnhof statt. Nach der Premiere ermunterten mich viele, weiterzumachen, aber ich wollte Enjoy Jazz nur dann zu einem großen Festival aufbauen, wenn es in der ganzen Region verankert ist. Im zweiten Jahr fand es dann bereits in Mannheim und Heidelberg statt und weitere zwei Jahre später kam Ludwigshafen dazu, übrigens auf Initiative der Stadt. Mittlerweile findet das Festival an vielen Orten in der Region statt.

regioactive.de: Damit waren Sie der Zeit voraus, denn das Bewusstsein für das, was man heute Metropolregion Rhein-Neckar nennt, war damals noch nicht so ausgeprägt.

Rainer Kern: Das stimmt, die Metropolregion gab es damals als Institution noch nicht. Wir sind ja immer noch das Festival mit der größten regionalen Ausdehnung – von Osterburken bis in die Pfalz.

regioactive.de: Alexander Schulz, der Chef des Reeperbahn-Festivals sagte mir, es habe Jahre gedauert, bis die Leute sein Konzept verstanden und akzeptiert hätten. Bei Enjoy Jazz war es offensichtlich anders.

Rainer Kern: Die Akzeptanz des eigentlichen Festivals war von Anfang an groß. Die regionale Verankerung kam allerdings in der Politik nicht gut an, weil die Verantwortlichen der einzelnen Städte es bevorzugt hätten, dass Enjoy Jazz exklusiv an einem Ort stattfindet. Das hat mich aber nie entmutigt, im Gegenteil, wir haben das Konzept konsequent weitergeführt.

"Kunst und Kultur verdienen staatliche Förderung"

regioactive.de: Wie finanziert sich Enjoy Jazz?

Rainer Kern: Enjoy Jazz ist eine gemeinnützige nicht gewinnorientierte GmbH. Das Festival finanziert sich ungefähr zu 60% aus Sponsoring-Einnahmen, zu 30% aus öffentlichen Geldern und zu 10% aus Spenden und Eigenmitteln.

regioactive.de: Wäre es möglich, Enjoy Jazz ohne öffentliche Gelder zu finanzieren? Es gibt Leute, die teilweise vehement vertreten, dass privatwirtschaftliche Unternehmen wie eine GmbH keine öffentlichen Gelder erhalten sollten.

Rainer Kern: Darüber kann und soll man in der Tat streiten. Die Mehrheit der Gesellschaft ist der Auffassung, dass es bestimmte Bereiche gibt, die nicht allein dem Markt überlassen werden sollten. Andernfalls würden viele kulturelle Institutionen ersatzlos verschwinden, da der Markt sie nicht finanzieren kann.

regioactive.de: Was folgt daraus?

Rainer Kern: Ich bin der Meinung, dass Kunst und Kultur Förderung durch öffentliche Gelder verdienen, genauso wie auch Bibliotheken und Museen vom Staat finanziert werden.

"Die Förderung der klassischen Musik wird kaum hinterfragt"

regioactive.de: Halten sie die Verteilung der Gelder in der Kunstförderung für angemessen?

Rainer Kern: Es ist so, dass klassische Musik, in Form von Orchestern und Opernhäusern sowie Theater in Deutschland den Großteil der Fördergelder erhalten. Die Gesellschaft hat das irgendwann einmal beschlossen, aber mir missfällt, dass das kaum hinterfragt wird. Insofern leistet Enjoy Jazz einen wichtigen Beitrag zur Vielfalt im Kulturbereich. In den ersten Jahren von Enjoy Jazz habe ich übrigens keine öffentlichen Gelder erhalten und auch keine beantragt, weil ich der Auffassung war, man muss erst herausfinden, ob das Konzept sich inhaltlich trägt, ob dafür überhaupt ein Markt existiert. Erst als das klar war, habe ich die öffentliche Hand um Unterstützung gebeten.

regioactive.de: Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Rainer Kern: Ich habe den Städten ein Produkt angeboten, das sie für ihr Stadtmarketing benutzen können. Das ist ein Geschäftsdeal: Ich biete ein Produkt zum Kauf an. Die Förderung von Enjoy Jazz wird inzwischen als Investition gesehen, nicht als Subvention. Das freut mich.

"Es ist ein Fehler, sich vom Markt leiten zu lassen"

regioactive.de: Die meisten Jazz-Festivals bieten eine Kombination aus Jazz und Pop/Rock-Musik. Enjoy Jazz heißt zwar offiziell "Festival für Jazz und Anderes", aber das Andere ist im Vergleich überraschend gering. Warum?

Rainer Kern: Ein häufiger Fehler, den Kuratoren begehen, besteht darin, zu viele Kompromisse einzugehen und sich vom Markt leiten zu lassen. Es ist besser den Markt selbst zu schaffen. Ein anderer Aspekt besteht darin, dass das "Andere" bei Enjoy Jazz immer über einen Jazz-Bezug verfügen muss. Ich muss eine Verbindung zum Jazz sehen, dann kann das "Andere" kommen.

regioactive.de: Man darf sich also nicht zu sehr an anderen Festivals orientieren, sondern muss das machen, was man selbst für richtig hält.

Rainer Kern: So ist es.

"Bei Enjoy Jazz gibt es nur einen Künstler pro Abend"

regioactive.de: Bei Enjoy Jazz gibt es traditionell keine Vorgruppen. Haben Sie schon einmal erwogen, lokale Jazzkünstler einzuladen, ob eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Hauptact zu spielen?

Rainer Kern: Nein, das habe ich noch nie erwogen. Eines der Grundprinzipien von Enjoy Jazz besteht darin, dass es nur eine Band pro Abend gibt, es sei denn der Künstler wünscht sich eine Vorgruppe. Wenn ich eine lokale Band gut finde, dann lade ich sie als Hauptband ein, aber nicht als Vorgruppe. Es gibt in der Region viele Jazzmusiker und viele spielen auch bei Enjoy Jazz.

regioactive.de: Wie wichtig ist dieses Prinzip?

Rainer Kern: Sehr wichtig! Es gibt zwei Gründe: Ich möchte die Künstler nicht in ihrem Konzept beschneiden. Ich möchte nicht sagen: "Du hast 45 Minuten, dann kommt die nächste Band.“ Jeder Künstler soll genug Zeit haben, sein Konzept nach seinen Vorstellungen umzusetzen, egal ob es 30 Minuten oder 3 Stunden dauert. Ich finde es außerdem sinnvoll, wenn man sich auf einen Künstler oder eine Band am Abend konzentriert.

"Je länger Enjoy Jazz dauert, desto besser läuft es"

regioactive.de: Enjoy Jazz ist mit einer Dauer von sechs bis sieben Wochen ein sehr langes Festival. Warum ist das so?

Rainer Kern: Das hat sich so entwickelt. In bis zu sieben Wochen können wir natürlich mehr Ideen umsetzen und mehr Konzepte präsentieren. Für das Team ist es eine große Belastung, aber das Publikum zeigt keine Ermüdungserscheinungen. Je länger Enjoy Jazz dauert, desto besser läuft es. Die ganz schrägen Künstler lade ich gerne in der letzten Woche ein, weil dann alle mitbekommen haben, dass das Festival läuft und gerne dabei sein wollen.

"Schlechte Konzerte kommen nur selten vor"

regioactive.de: Bei Enjoy Jazz 2011 spielte Tony Malaby in der Alten Feuerwache vor vielleicht 60 Zuschauern. Es war ein tolles Konzert, wie ich auch damals geschrieben habe. Wie geht man aber als Festivalleiter mit enttäuschenden Kartenverkäufen um? Freut man sich über ein gelungenes Konzert oder ärgert man sich, dass man einen Fehler gemacht hat?

Rainer Kern: Wenn ein Konzert nicht ausverkauft ist, dann ist dieses Ziel nicht erreicht worden. Wenn das Konzert aber gut war, dann gibt es keinen Grund, die Einladung des Künstlers zu bereuen. Ich ärgere mich, wenn das Konzert schlecht war, was bei Enjoy Jazz nur selten vorkommt.

regioactive.de: Wie häufig passiert das?

Rainer Kern: Pro Jahr gibt es maximal ein oder zwei Konzerte, die mich enttäuschen. Außerdem weiß man bei Konzerten nie, wie gut es wird, obwohl die Treffsicherheit mit wachsender Routine zunimmt. Dennoch kann jeder Künstler mal einen schlechten Tag erwischen.

regioactive.de: Sie besuchen fast alle Konzerte. Wie halten Sie das durch?

Rainer Kern: Mir macht es Spaß Konzerte anzuhören, zu erleben, wie das Publikum reagiert, die Künstler zu treffen, mit den Leuten und meinem Team Kontakt zu halten. Das Büro läuft ja unvermindert weiter und dementsprechend hoch ist die Belastung. Da man Positives erlebt, ist die Beanspruchung dennoch eine große Freude.

"Wir verfügen nicht über ein angemessenes Budget"

regioactive.de: Jetzt steht erst einmal das Festival vor der Tür, aber der Blick richtet sich ja noch in die Zukunft. 2013 läuft die Förderung der EU aus, wie geht es weiter?

Rainer Kern: Wir warten gespannt darauf, dass das Europäische Parlament das neue Kulturprogramm der EU verabschiedet. Das ist bislang nicht passiert und das soll bereits 2014 beginnen. Wir werden unsere europäischen Aktivitäten intensivieren und uns mit Projektvorschlägen an die EU wenden. Wir sind sowohl in der Europäischen Union als auch regional sehr gut vernetzt. Enjoy Jazz ist eine der treibenden Kräfte in der Jazz Alliance der Metropolregion.

regioactive.de: Was leistet die Jazz Alliance?

Rainer Kern: In der Jazz Alliance hat sich die Jazzszene der Region organisiert, um gemeinsam Kräfte zu bündeln und auch über die Region hinaus sichtbar zu werden. Wir präsentieren uns beispielsweise gemeinsam auf der Fachmesse Jazzahead in Bremen und haben ein Exportbüro für Musik aus der Region aufgebaut. Interessierte Veranstalter aus ganz Europa können sich auf der Webseite von Enjoy Jazz über Künstler aus der Region informieren und diese für ihre Festivals buchen. Die Region bietet viel guten Jazz und Mannheim gilt als Jazzstadt Nr. 2 in Deutschland – das muß herausgetragen werden.

regioactive.de: Was haben Sie für die Jubiläumsausgabe von Enjoy Jazz geplant?

Rainer Kern: Wir schärfen Enjoy Jazz inhaltlich weiterhin mit Eigenproduktionen, was bei den Musikern gut ankommt. Zudem haben wir dieses Jahr erstmals einen Artist in Residence mit Michael Wollny. Das werden wir weiterführen. Schließlich müssen wir unsere Finanzierung sichern, weil wir nicht über das Budget verfügen, das der Größe und der Wichtigkeit des Projekts für Städte und Region entspricht. Wir können das Ungleichgewicht mit der klassischen Musik nicht länger hinnehmen. Daher arbeiten wir daran, eine Lösung zu finden.

regioactive.de: Herr Kern, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

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