Katja Lucker, Musikbeauftragte des Landes Berlin

Katja Lucker, Musikbeauftragte des Landes Berlin © Quelle: persönlich

Katja Lucker ist Berlins erste Musikbeauftragte. Seit Januar baut sie in der Hauptstadt das "Musicboard" auf, das den Standort für Rock- und Popmusik stärken, Infrastruktur verbessern und die Vernetzung der Szene vorantreiben soll. Wir trafen uns mit Katja Lucker zum Gespräch über den Stand der Dinge und ihre Ziele.

Das Berliner Nachtleben gehört zu den aufregendsten der Welt. Jeden Tag locken hunderte Clubs und Live-Locations mit turbulenten Entertainment-Programmen Menschen aus der ganzen Welt an ihre Theken.

Neben massenhaft etablierten internationalen Top-Acts begeben sich auch dutzende Newcomer aus den eigenen Reihen jeden Abend wieder aufs Neue auf die Pirsch, um in einem der zahlreichen Konzert-Bunker der Hauptstadt die Werbetrommel zu rühren.

Doch die Wege zum Publikum sind lang und beschwerlich, denn zwischen aufstrebenden Künstlern, vielversprechenden Auftrittsmöglichkeiten und all den Schubkräften im Hintergrund klaffen in Berlin große Lücken.

Warum ist das so? Wie kann man da Brücken schlagen? Und was kann man in der Hauptstadt mit einem Budget von einer Millionen Euro noch so alles in die Wege leiten?

Wir sprachen Katja Lucker in der noch im Aufbau befindlichen Musicboard-Zentrale:

regioactive.de: Hallo Katja, wir sitzen hier gerade im Berliner Direktorenhaus in Mitte. Überall wird gehämmert, gewerkelt und gearbeitet. Wie kann man in so einem Umfeld in Ruhe an einem Großprojekt wie dem Musicboard arbeiten?

Katja Lucker: Nun, das gerade heute die Handwerker da sind, ist eher Zufall. Natürlich muss man hier und da noch Ausbesserungen vornehmen, aber insgesamt gesehen, lässt es sich hier schon sehr gut arbeiten. Ich habe lediglich im Januar primär von zu Hause aus oder im Rathaus gearbeitet. Mittlerweile habe ich hier mein Büro.

regioactive.de: Du bist seit Anfang Januar 2013 Musikbeauftragte des Landes Berlin und somit verantwortlich für das Musicboard, einer ganz neuen Einrichtung. In anderen Ländern ist ein derartiges Förderprojekt bereits seit vielen Jahren Gang und Gebe. Warum zieht man hier erst jetzt nach?

Katja Lucker: Das ist eine gute Frage. Popkultur wurde in Deutschland schon immer etwas stiefmütterlich behandelt, im Gegensatz zur sogenannten Hochkultur, die in Deutschland einen wesentlich höheren Stellenwert genießt. Es gibt sogar Leute, die Popkultur als Subkultur bezeichnen. Da ist schon ziemlich traurig. Letztlich sollten wir aber nicht nach hinten schauen, sondern einfach froh darüber sein, dass es jetzt endlich so weit ist.

regioactive.de: Was genau steht denn alles auf der Musicboard-To-Do-Liste?

"Das Musicboard soll ein Treffpunkt für Leute mit Ideen werden"

Katja Lucker: Oh, da steht so einiges (lacht). In erster Linie geht es darum, ein öffentliches Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig Popkultur heutzutage ist. Dafür werden gerade Programme und Projekte entwickelt. Das Musicboard soll ein Treffpunkt für Leute mit Ideen werden. Es wird eine Webseite geben, und hier im Direktorenhaus wird eine Anlaufstelle entstehen, wo sich Musikschaffende, Label-Verantwortliche, Politiker und Club-Besitzer austauschen können, um mit uns zusammen Ansätze zu finden, die den Weg zwischen verwaltender Politik und Musik um einiges kürzen werden.  

regioactive.de: Wer wird dir dahingehend in Zukunft noch zur Seite stehen?

Katja Lucker: Wir müssen natürlich gucken, dass wir die Personalkosten so gering wie möglich halten, denn das meiste Geld, das wir zur Verfügung haben, soll ja nach außen fließen. Momentan mache ich wirklich noch so ziemlich alles allein. Das wird sich aber demnächst ändern. Ich denke, dass sich letztlich ein Team aus drei oder vier Leuten um die grundlegenden Belange rund ums Musicboard kümmern wird – dazu gehören eine Büroleiterin, eine Buchhalterin und jemand, der sich um die Antragsstellungen kümmert.

regioactive.de: Das klingt nach einem großen Topf Euros, der übrig bleibt und mit dem man dann gezielt arbeiten kann. Wer kann sich denn darüber am meisten freuen? Die schon etablierte Band mit Auslandserfahrungen oder die kleine Combo aus dem Proberaum um die Ecke?

"Für eine Einzelkünstlerbetreuung reicht das vorhandene Budget nicht aus"

Katja Lucker: Es geht natürlich nicht darum Bands in der Größenordnung Rammstein, Die Ärzte oder Beatsteaks zu fördern – ganz klar. Dort laufen die Dinge mittlerweile von selbst. Uns ist wichtig mit dem Musicboard eine Schnittstelle für kleine Bands, Labels und Clubs zu schaffen. Für  Einzelkünstlerbetreuung reicht das vorhandene Budget aber nicht. Vielmehr sollen mit den Geldern Projekte und Ideen gefördert und unterstützt werden, die kleine Künstler und Präsentatoren zusammenführen. Es wäre halt schön, wenn wir es schaffen, dass durch Gespräche und Visionen Initiativen entstehen, die es kleinen Bands ermöglicht auch mal in einem etablierten Club aufzutreten. Das nur als Beispiel. Darüber würde ich mich freuen.

regioactive.de: Das klingt alles sehr spannend und verheißungsvoll. Es gibt aber außerhalb Berlins auch einige kritische Stimmen, die das Musicboard zusammen mit anderen Hauptstadt-Baustellen in einen Topf werfen. Man solle sich in Berlin doch erst einmal um das Großflughafen-Chaos und das Bauarbeiter-Gewusel unter den Linden kümmern, hört man oft. Wie gehst du mit derartiger Kritik um?

Katja Lucker: Das eine hat ja mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Sollen wir denn jetzt alle guten Ideen im Keller verbuddeln, nur weil es anderswo nicht reibungslos läuft? Das ist nicht zielführend. Mich interessieren solche Stimmen nicht.

"Die Bereitschaft zu helfen und zu unterstützen ist da"

regioactive.de: Du hast eine Million Euro zur Verfügung. Das ist für ein Großprojekt wie das Musicboard nicht gerade viel. Wie wichtig werden da internationale Kooperationen?

Katja Lucker: Sehr wichtig, keine Frage. Es gibt ja sowohl auf Bundesebene als auch innerhalb der EU zahlreiche Förder-Töpfe, mit denen man gemeinsam Geld für bestimmte Projekte akquirieren kann. Dabei ist natürlich immer einfacher, wenn man auf die Leute zugehen und sagen kann: Wir bringen Geld mit ein und ihr bringt Geld mit ein – und schon haben wir doppelt soviel Mittel für eventuelle kooperative Visionen und Ideen. Dahingehend finden gerade viele Gespräche statt. Die Bereitschaft zu helfen und zu unterstützen ist da.

regioactive.de: Man geht ja immer mit ganz individuellen Vorsätzen an neue Aufgaben ran. Demnach würde ich abschließend gerne von dir wissen, wo du auf deiner Musicboard-To-Do-Liste am Ende des Jahres gerne deine ersten Häkchen setzen würdest?

Katja Lucker: Was mir ganz besonders wichtig ist, ist eine Ist-Analyse über die Gesamtsituation in der Stadt. Was haben wir in der Stadt zur Verfügung? Welche Fördertöpfe gibt es? Wie heißen die jeweiligen Ansprechpartner? Wo kann man sich wie informieren? Das sollte Ende des Jahres online mit Zahlen und Fakten abrufbar sein. Dann hoffe ich, dass wir Workshops zum Thema "Clubs-Lärm-Liegenschaften" ins Leben gerufen haben. Außerdem hoffe ich auf viele spannende Gespräche mit interessanten Leuten hier im Direktorenhaus. Wenn dann am Ende des Haushaltsjahres ein positives Gesamtfazit gezogen werden kann und gewährleistet wäre, dass wir auch in den kommenden Jahren engagiert weiter arbeiten können, dann wäre ich rundum zufrieden.

regioactive.de: Viel Glück dafür und Danke für das Gespräch.

Erste Förderrunde | Call for Concepts

In der ersten Förderrunde gibt es zwei Call for Concepts zu den Schwerpunktthemen des Musicboards in diesem Jahr. Details zu "Karrieresprungbrett Berlin" und "Pop im Kiez" finden sich hier auf den musicboard-Webseiten Berlins.

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katja lucker

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