Das zweite Album von The xx trägt den Titel Coexist.

Das zweite Album von The xx trägt den Titel Coexist.

Ob "Coexist" tatsächlich das "am sehnsüchtigsten erwartete Album des Jahres" ist, wie der Musikexpress meint, kann dahingestellt bleiben. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass die Erwartungen an The xx nach dem Überraschungserfolg ihres Debüts sehr groß sind. In Struktur, Sound und Atmosphäre knüpft die Band wenig überraschend an ihr Erstlingswerk an, ohne jedoch eine bloße Kopie zu liefern. Kann "Coexist" aber auch die verführerische Wirkung des Debüts wieder aufleben lassen?

Es ist ein immer wiederkehrender Topos in der Popmusik: Das schwierige zweite Album. In das erste Album haben viele Bands ihre besten, über einen längeren Zeitraum gereiften Songs investiert. Das zweite Album muss in viel kürzerer Zeit an das Niveau des Debüts anknüpfen. Auf einmal ist man jemand, hat etwas zu verlieren, wird von Fans und Journalisten beäugt und muss dennoch den Fokus auf die Musik richten. Vor dieser Herausforderung stehen auch The xx mit ihrem Zweitwerk Coexist. Optik und Musik knüpfen eindeutig an das Erfolgsrezept des Debüts an: Sound und Stil werden nur marginal variiert.

Vieles hat Bestand

Gemeinsam sind beiden Alben die träumerische Atmosphäre, die minimalistische Musik mit viel Resonanzraum, in dem sich der häufig ineinander verschlungene Gesang von Romy Madley Croft und Oliver Sim entfalten kann. Jamie Smiths Beats sind etwas ausgefeilter und präsenter, wodurch allerdings die Vocals manchmal zu sehr in den Hintergrund treten. Das ist aber nicht der Grund, warum Coexist in weiten Teilen als ordentliches Album erscheint, dem trotz der Ähnlichkeit der Atmosphäre die Magie des Debüts abhandengekommen ist.

Man ist geneigt, das Songwriting zu kritisieren, und zu einem Teil stimmt das auch: Kein Lied erreicht die Klasse von VCR, Crystalised oder Islands. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass auch das Debüt eher skizzenhafte Lieder wie Fantasy enthielt und in Teilen mehr von der Atmosphäre als vom Songwriting lebte. Aber wann immer das Interesse etwas abzugleiten drohte, fand sich ein musikalisches Element, das sofort die Aufmerksamkeit des Hörers auf sich zog. Die daraus resultierende herrliche Balance zwischen Musik und Gesang ist auf Coexist etwas verlorengegangen. Stattdessen wirkt die Musik häufig etwas unzusammenhängend und zerfahren.

Das Lustvolle weicht der Normalität

Thematisch beschäftigt sich Coexist ebenso wie das Debüt mit verschiedenen Stadien der Liebe, aber während bei letzterem Sex und Verführung im Mittelpunkt stand, dominiert auf Coexist der Blick auf Trennung und Distanz in Beziehungen. Das Lustvolle ist der Normalität gewichen, die in etwas eindimensionalen und vorhersehbaren Texten beschrieben wird. Die räumliche Separation beflügelt nicht etwa die Phantasie, sondern bringt nur die einsame Nacht (Fiction). So desillusioniert wie das klingt, sind weite Teile von Coexist.

"Was fehlt sonst noch?" ist man versucht zu fragen: Beispielsweise die spielerische Eleganz von Tracks wie Islands, die einer gewissen musikalischen Flachheit gewichen sind. Nichts auf Coexist zieht die Aufmerksamkeit so auf sich, wie die unaufdringlichen, aber sehr effektvollen Beats des Debüts. Man spürt, dass die Band sich wirklich Mühe mit dem Nachfolger gegeben, dass sie sich viele Gedanken gemacht hat, aber Spaß spürt man nicht, im Gegenteil: The xx klingen, als hätten sie dringend Urlaub nötig.

Fazit

Das Debüt war ein Album, das seine Faszination nur langsam entfaltete. Vielleicht wird das auch das Schicksal von Coexist sein, denn es ist beileibe kein schlechtes Werk. Häufig spürt man die Fähigkeit der Band, feine Akzente zu setzen, aber meistens gelingt es ihr nicht, das über ein ganzes Stück durchzuhalten. So bleiben Angels und Chained der Höhepunkt der ersten Seite, die sowieso besser ist als Seite 2, auf der die Band zu häufig ihren Fokus und auch die Aufmerksamkeit des Hörers verliert. Es scheint manchmal, als seien The xx zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Der Schluss ist in dieser Hinsicht bezeichnend: Coexist hört einfach auf.

Für die Vinylfreunde: Die Deluxe-Ausgabe der Platte enthält ein dickes, schön gestaltetes Booklet mit allen Texten sowie eine CD. Die Pressung auf 180gr-Vinyl spielt ohne Störgeräusche.

Wertung: +++ (von +++++)

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