79.000 Besucher, Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke und ein Festival, das seinen 30. Geburtstag feiert: Das restlos ausverkaufte Hurricane Festival 2026 hat alle Zutaten für ein denkwürdiges Wochenende. Schon am Donnerstag verwandelt sich Scheeßel einmal mehr vom beschaulichen Dorf in eine Festivalstadt auf Zeit.
Anreise, Vorfreude und erste Festivalmomente
Die Bilder sind vertraut: lange Staus auf den Zufahrtsstraßen, Schlangen an den Bändchenausgaben und Autos, aus denen laute Musik dröhnt. Während früher nur etwas mehr als die Hälfte der Gäste bereits am Donnerstag anreist, sind es inzwischen laut Veranstalter knapp 80 Prozent. Innerhalb weniger Stunden wächst Scheeßel damit vom 13.000-Einwohner-Ort zur temporären Großstadt an.
Trotz aller Wartezeiten ist die Vorfreude überall spürbar. Aus den Autos schallt Musik, Fahnen werden gehisst und auf den Campingplätzen entstehen die ersten teils spektakulären Pavillon-Konstruktionen. Das Hurricane-Gefühl ist sofort wieder da.
Neu ist in diesem Jahr das bargeldlose Bezahlsystem. Über einen Chip am Festivalbändchen lassen sich Getränke, Essen oder Merchandise bezahlen. Die Umstellung funktioniert überraschend reibungslos und wird vom Publikum schnell angenommen.
Noch bevor die eigentlichen Festivaltage beginnen, macht sich ein Thema bemerkbar, das das gesamte Wochenende prägen wird: die Hitze. Bereits am Donnerstag ist klar, dass dies eine der wärmsten Ausgaben in der Geschichte des Festivals werden könnte.
Die ersten Töne des Jubiläums
Als die Sonne langsam untergeht, steigt die Stimmung auf der Wild Coast Stage. Paula Carolina sorgt für einen energiegeladenen Auftakt, während Juli später das Zelt bis an seine Grenzen füllen. Der Andrang ist so groß, dass nicht alle Fans Platz finden. Das stört allerdings kaum jemanden. Schließlich beginnt für viele Besucher das Hurricane traditionell erst nach den Konzerten auf den Campingplätzen.
Hitze als größte Herausforderung
Der Freitag steht zunächst ganz im Zeichen der hohen Temperaturen. Gleichzeitig zeigt sich, wie gut das Festival auf die Bedingungen vorbereitet ist. Wasserstationen funktionieren zuverlässig, die Wartezeiten an Duschen und Sanitäranlagen bleiben erfreulich kurz und auf dem Gelände stehen ausreichend Möglichkeiten zur Abkühlung bereit. Dass es trotz der Hitze vergleichsweise wenige Kreislaufprobleme gibt, spricht für die umfangreichen Maßnahmen von Veranstalter und Crew.
Musikalisch kommen zunächst vor allem Punkrock-Fans auf ihre Kosten. Sondaschule spielen vor einer voll besetzten Forest Stage und sorgen für einen der emotionalsten Momente des Tages, als sie "Bist du glücklich?" ihrem verstorbenen Gitarristen Blubbi widmen.
Auch die Donots liefern gewohnt ab. Mit Songs wie "Stop the Clocks", "Calling" und "So Long" bringen sie die Menge in Bewegung. Für einen besonderen Moment sorgt Sänger Ingo Knollmann, der mitten im Set ins Publikum geht. Dort wartet plötzlich Leoniden-Frontmann Jakob Amr – inklusive Klavier und der Ankündigung eines Überraschungsauftritts am Samstag.
Punkrock, Party und große Headliner
Am Abend wird die Entscheidung schwer. Während The Offspring auf der Mountain Stage ihre Klassiker wie "The Kids Aren’t Alright" und "Self Esteem" zelebrieren, verwandeln die Drunken Masters die River Stage in eine einzige Party. Zwischen Hits von Mehnersmoos, Kummer und unerwarteten Publikumslieblingen wie Kelly Clarksons "Since U Been Gone" entstehen Moshpits im Minutentakt.
Mit Yungblud folgt einer der derzeit spannendsten Rock-Acts überhaupt. Feuer, große Gesten und eine perfekt inszenierte Show machen deutlich, warum er vielerorts bereits als künftiger Headliner gehandelt wird.
Diesen Status haben Kraftklub längst erreicht. Die Chemnitzer führen das Publikum durch ihre gesamte Karriere und feiern ihre Premiere als Hurricane-Headliner. Zwar nehmen die zahlreichen Ansagen von Felix Kummer dem Konzert stellenweise etwas Tempo, insgesamt bleibt es aber ein starker und würdiger Abschluss des Tages.
Wer danach noch Energie besitzt, hat die Wahl zwischen Pennywise und Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys – zwei komplett unterschiedliche, aber gleichermaßen passende Möglichkeiten, die Nacht einzuläuten.
Natasha Bedingfield sorgt für Gänsehaut
Ein kurzer Regenschauer in der Nacht zum Samstag bringt zumindest etwas Abkühlung und hilft dabei, die Staubentwicklung auf dem Gelände einzudämmen. Lange hält die Erfrischung allerdings nicht an, denn schon am Vormittag übernimmt die Sonne wieder das Kommando.
Der Samstag startet mit starken Auftritten von Scene Queen, Drei Meter Feldweg und All Time Low. Einer der größten Publikumserfolge des Tages gehört jedoch Natasha Bedingfield. Als Zehntausende bei "Pocketful of Sunshine" und "Unwritten" mitsingen, entsteht einer der schönsten Momente des gesamten Wochenendes.
Rockiger wird es anschließend mit Alexisonfire, Nothing But Thieves und Papa Roach. Letztere zeigen eindrucksvoll, warum sie aktuell eine kleine Renaissance erleben. Die Band wirkt spielfreudig, energiegeladen und zieht ein auffallend junges Publikum an. Als Sänger Jacoby Shaddix seinen Sohn für einen Song auf die Bühne holt, wird deutlich, dass hier mittlerweile eine neue Generation von Fans nachwächst. Spätestens bei "Last Resort" gibt es auf dem Gelände kein Halten mehr.
Zwischen WM-Fieber und Festivalrausch
Am Abend stehen Florence + The Machine, Twenty One Pilots und SSIO gleichzeitig auf dem Programm. Drei völlig unterschiedliche Konzerte, die jeweils ihr Publikum finden. Parallel sorgt das WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste für zusätzliche Spannung. Dank hervorragender Netzabdeckung verfolgen zahlreiche Besucher die Partie auf ihren Smartphones. Als Deutschland spät trifft, hallen plötzlich hunderte Jubelschreie über das Festivalgelände.
Auch der Sonntag zeigt sich von seiner besten Seite. Viele Besucher bringen bereits ihr Gepäck zurück zu den Autos, bevor sie die letzten Stunden des Festivals genießen. Musikalisch ist das Programm weiterhin hochkarätig.
Bei Zebrahead entstehen in der Mittagssonne noch einmal zahlreiche Circle Pits. The Beaches überzeugen mit einem starken Auftritt, während auf der River Stage ein junges Publikum Acts wie Vicky, Filow und Levin Liam feiert. Für besonders viel Unterhaltung sorgen The Butcher Sisters, die ihre ganz eigene Interpretation von Metal präsentieren und dabei nicht nur musikalisch überzeugen.
Eine Tragödie überschattet den Abschluss
Überschattet wird der Tag jedoch von einer traurigen Nachricht. Bei einer Pressekonferenz informieren Veranstalter, Polizei, Feuerwehr und DRK darüber, dass eine 41-jährige Besucherin nach einem medizinischen Notfall auf dem Festivalgelände verstorben ist.
Trotz sofortiger Reanimationsmaßnahmen kann ihr Leben nicht gerettet werden. Die Gedanken vieler Beteiligter sind in diesen Momenten bei den Angehörigen und Begleitern der Verstorbenen.
Billy Talent setzen den Schlusspunkt
Am Abend folgt schließlich ein hochkarätiger Abschluss. A Day To Remember liefern Feuerfontänen und Breakdowns, Halsey sorgt für emotionale Momente und Billy Talent übernehmen den finalen Headliner-Slot.
Die Kanadier setzen dabei einen besonderen Schwerpunkt auf ihr Album "Billy Talent II", das sie nahezu vollständig spielen. Songs wie "Red Flag", "Fallen Leaves" oder "Devil in a Midnight Mass" mobilisieren noch einmal die letzten Energiereserven der Fans und sorgen für einen würdigen Abschluss eines intensiven Festivalwochenendes.
Warum das Hurricane nichts von seiner Faszination verloren hat
Am Ende zeigt sich einmal mehr, warum das Hurricane seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Festivals Deutschlands zählt. Trotz extremer Temperaturen, eines ausverkauften Geländes und der damit verbundenen logistischen Herausforderungen funktioniert das Zusammenspiel aus Organisation, Infrastruktur und Programm bemerkenswert gut.
Musikalisch bietet das Jubiläumsjahr eine Mischung aus etablierten Headlinern, starken Überraschungen und vielen kleineren Highlights. Vor allem aber überzeugt das Festival erneut durch die besondere Atmosphäre, die Scheeßel jedes Jahr für ein Wochenende in eine eigene kleine Welt verwandelt. Wer einmal hier war, versteht schnell, warum so viele Besucher immer wieder zurückkehren.s








