87 Jahre ist der US-amerikanische Multi-Instrumentalist Charles Lloyd inzwischen, aber seine musikalische Ausdrucksstärke ist ungebrochen. Das stellte er bei seinem Auftritt in der Christuskirche in Mannheim bei Enjoy Jazz unter Beweis.

Nach dem Ende ist es noch nicht vorbei: Eineinhalb Wochen nach dem Festivalabschluss mit Anouar Brahem am gleichen Ort, kehrt Jazzlegende Charles Lloyd zu Enjoy Jazz zurück.

Der 87-Jährige hat kürzlich ein neues Album mit dem Titel "Figure In Blue" zu teilweise euphorischen Kritiken veröffentlicht.

Ruhig und meditativ

Bei Enjoy Jazz tritt der mit seinem Sky Quartet auf, das neben Lloyd aus Jason Moran, Larry Grenadier und dem neuen Schlagzeuger Kewku Sumbry.

Charles Lloyd beginnt das Konzert mit zwei ruhigen, meditativen Stücken, die sich in großer Zahl auch auf seinen aktuellen Alben finden. Die Schönheit und Klarheit seiner Musik fasziniert stets aufs Neue und sein Ton ist nach wie vor ausdrucksstark und lebendig.

Das Tempo angezogen

Als die Zuschauer sich vielleicht schon darauf eingerichtet haben, dass der Abend eher kontemplativ verlaufen würde, zieht Charles Lloyd mit einem ungefähr zwanzigminütigen Stück das Tempo deutlich an, ohne an Sicherheit zu verlieren.

Die Band, die neben Kweku Sumbry auch aus Lloyds langjährigem Mitstreiter Jason Moran und Bass-Größe Larry Grenadier besteht, zeigt sich in exzellenter Form und vermag sowohl Charles Lloyds Spiel kongenial zu unterstützen, als auch eigene Akzente zu setzen. Der neue Schlagzeuger spielt außerordentlich elegant und songdienlich und erweist sich daher als gute Wahl.

Abwechslungsreicher Abend

In der Folge entwickelt sich ein außerordentlich abwechslungsreiches und vielseitiges Konzert, das ruhige mit leidenschaftlichen Momenten verbindet und stets kleine Überraschungen bereithält wie das Zitat von "Twisted", eigentlich ein Lied von Annie Ross und Wardell Grey, das aber heute den Meisten vermutlich durch die Interpretation von Joni Mitchell auf "Court & Spark" bekannt ist.

Nicht nur hinsichtlich der Tempi und Stimmungen, auch instrumental zeigt Charles Lloyd das ganze Spektrum seines Könnens. Nachdem er die erste Hälfte des Konzerts vornehmlich Alt-Sax gespielt hat, wechselt er im zweiten Teil zu Flöte und setzt auch einmal das Tárogató, das einen der Klarinette ähnlichen Klang hat.

Bemerkenswerte Zugaben

Für den emotionalen Höhepunkt des Abends sorgt die erste Zugabe: Zur mantra-artigen Musik rezitiert Charles Lloyd ein philosophisch-spirituelles Gedicht und sorgt damit für einen berührenden Moment voller Altersweisheit.

Auch der folgende Übergang zu einem schnelleren Stück gelingt nahtlos und verdeutlicht, dass an diesem Abend alles perfekt aufeinander abgestimmt ist: die herausragende Band, ein exzellent aufgelegter Charles Lloyd und die Auswahl der Kompositionen, die wie aus einem Guss wirkt.

Nach mehr als eineinhalb Stunden und zwei Zugaben verabschieden sich Charles Lloyd und seine Band unter Standing Ovations von den Zuschauern. Man kann nur hoffen, dass Lloyds Gesundheit noch lange mitspielt, denn in dieser Form sind seine Auftritte immer ein Erlebnis.