Seit 11 Jahren hat Bill Callahan – abgesehen von einem Auftritt im Berliner Admiralspalast 2019 – keine Deutschlandkonzerte mehr gespielt.
In der Zwischenzeit dachte Callahan sogar daran, sich nach der Geburt seines Sohnes vollkommen aus der Musik zurückzuziehen. Glücklicherweise hat er davon Abstand genommen.
Willkommene Rückkehr
Seine Rückkehr nach Frankfurt, wo er 2008 und 2011 in der Brotfabrik in Frankfurt auftrat, ist daher höchst willkommen. Im Unterschied zu damals spielt Callahan ein Solokonzert, bei dem er sich nur selbst an der Gitarre begleitet und mit der Hi-Hat einen rudimentären Rhythmus vorgibt.
Das bedeutet auch, dass Callahan das gesamte Konzert sitzend verbringt, es gibt keine nennenswerte Bewegung auf der Bühne – im Fokus steht allein die Musik, der die Zuschauer aufmerksam und konzentriert lauschen.
Direkt und unmittelbar
Umso faszinierender ist die Möglichkeit, den immer etwas unnahbar wirkenden Callahan ganz direkt und unmittelbar zu erleben. Sein ausdrucksstarker Bariton hebt ihn von vielen anderen Sängern ab und ist im Verlauf der Jahre sein Markenzeichen geworden.
Sein Gitarrenspiel sorgt für ein weiteres Highlight. Es besitzt ein glasklare, durchdringende Präsenz und wirkt ganz und gar individuell. Gitarre und Gesang verbinden sich dadurch zu einem Gesamtkunstwerk, das im Verlauf des zweistündigen Konzerts nie langweilig wird, obwohl viele Songs sechs, sieben Minuten oder gar länger dauern.
Träume und Naturerlebnisse
Erfreulicherweise spielt Callahan Songs aus seiner gesamten Karriere – von Smog-Klassikern wie einer sehr langsamen Interpretation von "Teenage Spaceship" bis zu aktuellen Songs wie "Coyotes" von seinem letzten Album "YTILAER". Zu den Höhepunkten zählen "Eid Ma Clack Shaw", das durch seinen eindringlichen, vorwärtstreibenden Rhythmus überzeugt oder "River Guard", einer der vielen Songs von Bill Callahan über Naturerlebnisse.
Die Wirkung der Natur auf den Menschen stellt ebenso eine Konstante in Callahans Werk dar wie Songs über Beziehungen. Die Personen in seinen Songs erleben die Welt aber meistens auf eine besondere Art und Weise – entweder in Träumen, in der Nacht, in der Phantasie oder in einer Kombination all dieser und anderer Bewusstseinszustände.
Klassiker neu interpretiert
Interessanterweise sind es die Songs von "Apocalypse", eines seiner besten Alben, die die größten Veränderungen erfahren. "Drover" (ein weiteres Lied, in dem der Traumzustand eine wichtige Rolle spielt), erklingt härter und schneller als in der Albumversion. Und "Riding for the feeling" beschwört die persönliche Apokalypse auf eine ebenfalls sehr eindringliche Art und Weise.
Eine besondere Rolle spielt nach wie vor das letzte Smog-Album "A River Ain't Too Much To Love", das mit nicht weniger als vier Songs vertreten ist. Davon überzeugen vor allem "Say Valley Maker" mir einem lauten Gitarren-Finale und "Cold Blooded Old Times", das Callahan viel düsterer und langsamer spielt als auf "Knock Knock".
Eine eigene Welt
Wie Will Oldham (Palace, Bonnie "Prince" Billy) einer seiner großen Songwriter-Kollegen, der ebenfalls unnahbar und rätselhaft wirkt. Callahan lebt aber noch mehr in seiner eigenen Welt, ein Mitsing-Moment wie beim Auftritt von Bonnie "Prince" Billy vor drei Jahren am gleichen Ort ist schwer vorstellbar, allerdings eignen sich Callahans Texte, die nicht dem Strophe-Vers-Schema folgen auch gar nicht dazu.
Bill Callahan bleibt ein Künstler, der konsequent seinen eigenen Weg geht, ohne sich anzubiedern oder Kompromisse einzugehen. Das verdiente zu jeder Zeit Respekt und Anerkennung – aber vielleicht in der heutigen Zeit noch mehr.
Setlist
Jim Cain / Eid Ma Clack Shaw / 747 / River Guard / Cold Blooded Old Times / Sycamore / Riding for the Feeling / Teenage Spaceship / Coyotes / Partition / Cowboy / Natural Information / Drover / Say Valley Maker / The Well / In the Pines // Let Me See the Colts / Let's Move to the Country



