Das SWR3 New Pop Festival 2024 war definitiv ein Tanzwochenende. Alle Künstler haben es auf ihre Art geschafft, das Publikum mit viel Energie in Bewegung zu versetzen - zumindest bei den Konzerten, die drinnen stattfanden. Im Freien spielte leider das Wetter nicht mit.

Mit nur neun Konzerten und der abschließenden DJ-Party mit Alle Farben geht das SWR3 New Pop Festival 2024 einen etwas anderen Weg. Laut Aussage von SWR3 Musikchef Gregor Friedel hat man auf ein Bezahlkonzert in den Locations verzichtet.

Dafür wurde auf der Außenbühne bei den Gratiskonzerten die Show von Il Civetto von einem Kurzkonzert über 25 Minuten auf rund 50 Minuten verlängert. So sollten auch Menschen mit kleinem Geldbeutel ein nahezu vollständiges Konzert erleben dürfen.

Ansonsten war alles wie gewohnt. Nur das sehr nasse Wetter hat die Festivalbesucher an den ersten beiden Tagen im Stich gelassen. Sowohl in der Stadt als auch vor dem Kurhaus waren am Donnerstag und Freitag deutlich weniger Leute unterwegs.

Gitarren-Rock von Sea Girls 

Der Bandname Sea Girls kann leicht verwirren, da die Band tatsächlich aus vier männlichen Musikern besteht. Einen tieferen Sinn hat es laut Aussage der Band nicht, sondern entstand eigentlich aus einem Missverständnis. Die jungen Musiker mit dem markant krachenden Gitarren-Rock geben auch im Kurhaus von Anfang an Vollgas. Die rockigen Riffs des Eröffnungssongs "Call Me Out" sorgen für erste kraftvolle Momente.

Jedoch zündet der explosive Sound trotz der Energie von "Paracetamol Blues" beim Publikum anfangs nur mäßig. Die sonst so erwartvoll heißblütige Stimmung beim Eröffnungskonzert des SWR3 New Pop Festivals will sich noch nicht breit machen. Erst ab dem fünften Song "Violet", der mit purer Power die Intensität nochmal steigert, steigt die Stimmung und Bewegung im Saal endlich an. Der musikalische Kontrast ist die ruhige, entspannte Akustik-Ballade "Hometown", bei der Sänger Henry Camamile nur von Oli Khan am Piano begleitet wird.

Ab diesem Punkt wird die Stimmung mit jedem Song besser. Die Up-Tempo Power von "Too Much Fun" treibt das Publikum an und bei "Do You Really Wanna Know?" klatschen und tanzen viele Zuschauer mit. Wie entscheidend bekannte Radiohits sind, merkt man bei den ersten Tönen von "Midnight Butterflies". Die ersten Töne erklingen, sofort gehen dutzende Handys in die Höhe, um den bekanntesten Song der Band mitzufilmen. Die Party geht los und endet mit dem explosiven "All I Want To Hear You Say" und nochmal "Midnight Butterflies".

Gute Laune durch Mark Ambor

Sunnyboy und Mädchenschwarm Mark Ambor ist der Inbegriff von Gute-Laune-Pop. Seine Musik mit Elementen aus Folk und einem klleinen Schuss Country ist leicht und luftig. Schon der erste Song "I Hope It All Works Out" ist geprägt von seinem flüssig, rhythmischen Spiel an der Akustik-Gitarre und der charmanten, kraftvollen Gesangsstimme. Auch zu "Academy Street" tanzen und feiern die Zuschauer lautstark mit. 

Seine Songs sind melodienstarke Geschichten, die er stimmgewaltig in die Ränge schmettert. Diese Spielfreude und der mitreißende Rhythmus lässt das Publikum enthusiastiasch mitklatschen. Als er allein auf der Bühne steht und nur mit der Akustik-Gitarre "Someone That's Better" spielt, zeigt sich seine gewaltige Präsenz noch deutlicher.

Egal ob mit Gitarre, am Piano oder mit Okulele, Mark Ambor bleibt seinem positiven Musik- und Gesangsstil treu. Mit spielerischer Leichtigkeit und Guter Laune lässt er das Publikum mitsingen. Am Ende warten alle Fans natürlich auf seinen Ohrwurm "Belong Together", den sie gemeinsam zelebrieren.

Disco-Pop und mehr von Asdis

Das Highlight des ersten Tages ist die elektrisierende Show von Asdis. Die isländische Sängerin ist das glatte Gegenteil des Klischees der unterkühlten Isländerin. Wild, laut und energiegeladen tanzt sie über die Bühne. Der energetische Disco-Pop, ihre Powerstimme und das wehende, blonde Haar sind eine geballte Ladung Power. Man merkt ihr die Freude an, hier in diesem "wunderschönen Theater" spielen zu dürfen. Dazu spielt sie, wie sie stolz verkündet, das erste Mal mit drei Background-Vocalists als Verstärkung.

Nach diesem Opening zeigt Asdis viele unterschiedliche Facetten. Eine kraftvolle Ballade zur Abwechslung, dann wieder Disco-Power bis hin zum Dancefloor-Hit "Dirty Dancing", den sie mit dem deutschen DJ-Team von Glockenbach aufgenommen hat. Die nächste Ballade "Not Even Love" präsentiert sie in der ursprünglichen Akustik-Version mit Piano-Begleitung. So klingt es völlig anders als die Dance-Version, die sie mit Seven Lions & Illenium aufgenommen hat.

Auch die gefühlvolle Country- Ballade mit Unterstützung einer Akustik-Gitarre ist ein Genuss. Der nächste Song ist eine wahre Explosion. Ihr großer Hit "Angel Eyes" ist purer, elektrisierender Rhythmus. Asdis tanzt zuerst auf der Bühne, kommt dann runter ins Publikum und bekommt sogar eine Armkette von einem jungen Mädchen geschenkt. Dafür gibt es natürlich ein Selfie. Mit nicht endend wollender Energie reißt sie das Publikum bis zum letzten Song komplett mit und spielt "Angel Eyes" nochmal als gefeierte Zugabe.  

Dylan lässt es krachen

Schon 2023 sorgte Dylan für ein Highlight auf der Außenbühne des New Pop Festivals. 2024 eröffnet sie nun krachend den Freitag. Mit der geballten Wucht ihres rockigen Gitarrensounds und ihrer explosiven Stimme lässt sie das Publikum zu "Rebel Child" gleich komplett ausflippen. Im Gegensatz zum Donnerstag ist das Publikum von Anfang an auf Betriebstemperatur. Sie springt zu "Girl Of Your Dreams" wild über die Bühne, spielt gekonnt mit den Fotografen und strahlt eine gigantische Bühnenpräsenz aus.

Die Mischung aus Pop und Rock, schnellen Up-Tempo Songs und kraftvollen Balladen, nimmt alle Zuschauer mit. Der Energielevel ist konstant hoch, egal ob sie mit "Perfect Revenge" eine Rock-Ballade singt oder bei "Liar, Liar" ihre Kraft in der hohen Stimmlage zeigt. Auf heulende Gitarrenriffs im nächsten Song folgt eine entspannte Ballade, zu der die Zuschauer die Handylichter aktivieren und die Arme schwenken. Das Publikum tanzt und feiert alle Songs ab.

Rotzig frech und äußerst unterhaltsam ist die Rache an ihrem Ex-Freund. Für ihn hat Dylan "You're Not Harry Styles" geschrieben und zelebriert den Song zur Freude des Publikums genüsslich. Zu "No Romeo" tanzt sie mit Regenbogenflagge über die Bühne und mit "Nothing Lasts Forever" bringt sie zum Schluss die Zuschauer im Kurhaus nochmal zum Toben. Ein echtes Kracherkonzert. 

Party-Time mit Sophie & The Giants

Weltweit bekannt wurde die britische Sängerin von Sophie & The Giants in den letzten Jahren durch ihre Zusammenarbeit mit dem deutschen DJ-Star Purple Disco Machine. Um das Publikum im Festspielhaus Baden-Baden gleich voll in Fahrt zu bringen, singt sie schon beim zweiten Song mit "Paradise" einen weltweit gefeierten Dance-Hit. Sie tanzt und wirbelt über die Bühne, ihre roten Haare fliegen wild umher. Auch "Golden Nights" ist ein Dance-Song, der vom Publikum abgefeiert wird. 

In diesem Stil geht es weiter. Es wird getanzt und gefeiert bis zum nächsten Ohrwurm "In The Dark", dem zweiten Song von Purple Disco Machine. Jetzt stehen und tanzen auch zahlreiche Zuschauer auf den Oberrängen. Den einzigen Stilbruch vollzieht sie mit einer Ballade. Dazu sitzt sie auf einem Hocker vor den Stehplätzen und zeigt eine ganz andere, einfühlsame Seite. Aber schon geht es weiter mit dem Dance-Stil. Diesmal mit einer aufgemotzten Cover-Version von "All Rise", dem Popsong der englischen Boyband Blue. 

Das Finale der großen Dance-Party sind schließlich "Hypnotized", dem dritten Song von Purple Disco Machine. Jetzt stehen und tanzen wirklich alle Zuschauer im Saal bis in die letzte Reihe des Oberrangs. Am Ende feuert sie noch ihren aktuellen Hit "Shut Up And Dance" ab, kommt von der Bühne und dreht eine Runde quer durch das Publikum. Eben eine echte Party: Kein großer Tiefgang, aber großartige Stimmung.  

Ennio wandelt zwischen Melancholie und Tanzen

Ennio singt deutschen Pop und zeigt dabei verschiedene Seiten. Immer wichtig ist der persönlich angehauchte Text. Mal mit rockiger Unterstützung, mal selbst an der Akustik-Gitarre wie bei "Wand" oder bei "Utopie". Hier klatscht das Publikum den energetischen Song ausgelassen mit. Das eindringliche "Freister Mensch der Welt" ist eine kraftvolle Ballade, die das Publikum voll mitgeht.

Das melancholische "Die Jungs" ist eine Hymne an die Freundschaft und wird von Ennio teilweise gewispert. Im Publikum fließen ein paar Tränen. Nicht fehlen darf auch "Blaulicht", sein erster deutscher Song. Auch auf den Oberrängen stehen jetzt viele Zuschauer und tanzen mit. 

Nach einer sehr ruhigen Ballade wird der Rest des Konzerts zur Tanzzone. Alles startet mit "Unendlichkeit", später singt Ennio mit "Dance With Somebody", dem Cover von Mando Diao, den einzigen englischsprachigen Song. Das gefeierte Finale sind "König der Nachbarschaft" und "Zeit". Das Publikum im ausverkauften Theater ist begeistert.

Benjamin Ingrosso ist kaum zu bändigen

Der schwedische Popstar Benjamin Ingrosso liebt große Auftritte. Mit klassischer Musik in moderne Melodie eingebettet, betritt er die Bühne und legt direkt los wie wie aufgezogen. Energiegeladen jagt er von Seite zu Seite und nutzt jeden Zentimeter Bühnenbreite aus. Vor ihm feiern zahlreiche Fans mit schwedischen Flaggen und Grußbotschaften auf Schildern.

Ein erstes Highlight ist der Song "Angela". Benjamin Ingrosso singt mit klarer Stimme und so viel Gefühl, ohne dabei die Energie zu verlieren. Am Ende sitzt er auch noch am Keyboard und spielt. Ein echter Hingucker ist er halt. Groß, muskulös, lange Haare und ein charmantes Auftreten. Die große Zahl weiblicher Fans ist verständlich. Kaum zu glauben bei all der Energie, aber auch gefühlvolle Balladen kann er singen. Dazu spielt er wieder Keyboard bei "Worst In Me", während um ihn herum die Gitarren heulen.

Meistens rennt er jedoch wie aufgedreht über die Bühne und heizt wie bei "All My Life" permanent das Publikum an. Um ihn herum feuern Schlagzeug und Gitarrenklänge. Im Publikum springen, klatschen und tanzen viele begeisterte Zuschauer. Bis zum Finale mit seinem Ohrwurmhit "Kite" peitscht er die Zuschauer hoch, lässt sie sich total auspowern und feiert mit ihnen eine große Party.

Tom Walker geht unter die Haut

Nach der Premiere des Homecoming-Konzerts 2023 mit Dermot Kennedy kehrt in diesem Jahr mit Tom Walker ein weiterer Künstler nach Baden-Baden zurück. Wie auch letztes Jahr eine gute Idee, zeigt es doch die enorme Entwicklung eines Musikers. Das ist bei Tom Walker nicht anders.

Schon beim ersten Song "Holy Ghost" durchschneiden seine brachiale Stimme und die elektrisierenden Gitarrenriffs förmlich die Luft. Im Duettsong "Wait For You", den Tom Walker im Original mit Zoe Wees aufgenommen hat, übernimmt seine gefühlvolle Backgroundsängerin Laura den weiblichen Part. So wird es eine etwas weichere Ballade, aber dennoch wunderschön.

Das schnellere "Head Underwater" heizt mit seiner rhythmischen Melodie dem Publikum richtig ein. Gerade hier sieht man die künstlerische Entwicklung von Tom Walker, der sich nicht nur auf seine durchdringende Stimme verlässt, sondern das Publikum mit einbindet.

Gänsehautatmosphäre

Er ist noch viel selbstsicherer und extrovertierter geworden: Auch bei der gefühlvollen Ballade "Just You & I" ,lässt er das Publikum als Chor mitsingen. Der neue Song "I Am", der Titeltrack des am Freitag erscheinenden neuen Albums, ist ein echter Knaller. Die fließende Melodie lässt den Körper mitschwingen und wenn Tom Walker am Ende seine Stimme mit solcher Urgewalt nach oben drückt, ist Gänsehaut am ganzen Körper angesagt.

Jeder Song versetzt das Publikum im Festspielhaus in Ekstase. Auf die kraftvolle Ballade "Angels" folgt mit "Cry Out" ein Gitarrengewitter, bei dem auch hier Toms Stimme die Luft förmlich zerfetzt. Dagegen ist "Echoes" fast ein Tanzsong, bei dem der Schlagzeuger dem Song große Dynamik gibt.

Nicht weniger explosiv ist der Up-Tempo Song "Castles", der mit seiner Energie das Publikum zum Tanzen und Mitklatschen bringt. Die Power-Ballade "Not Giving In" leitet das Finale ein. Seinem wütendstem Song "Burn" folgt sein bekanntester Hit "Leave The Light On". Auch hier singt er wieder mit dem ganzen Publikum und sorgt für Gänsehautmomente. Das ganze Konzert, ein großartiges Highlight.

Das Gesamtkunstwerk The Last Dinner Party 

Schon am Nachmittag beim Interview auf der Konzertmuschel wird The Last Dinner Party überrascht. Musikchef Gregor Friedel überreicht den fünf Mädels den diesjährigen SWR3 New Pop Award. Im Gegensatz zu den oft pompösen Auftritten mit Klamotten aus der Barockzeit lassen sie es am Abend im Theater eher leger angehen. Wie exzessiv sie ihre Songs präsentieren, zeigt sich schon bei "Burn Alive". Die Gesangsstimmen haben trotz der Kraft eine hochemotionale Brüchigkeit, die aber dennoch die Balance gegen den wuchtigen Sound des Keyboards und der drei Gitarren halten können.

Der von knackigen Riffs getragene Gitarrensound und die Stimmen, die mal poppig ausbrechen, mal eine fast choralen Charakter annehmen, zeigen eine atemberaubende stilistische Bandbreite. Die Show von The Last Dinner Party ist definitiv kein normales Konzert. Es ist mehr ein Pop-Theater, eine Performance-Show.

Eingebunden in poetische Melodien und rockige Gitarrenriffs singen sie mit fantastischen Stimmen. Das in Momenten fast gewisperte "On Your Side" endet mit Sängerin Abgail Morris, kniend mit dem Kopf am Boden, während um sie herum sphärische Gitarrenklänge wabern. Dann wird es wieder fast ein wildes Rock-Konzert mit kaum zu bändiger Energie, bei der alle Zuschauer im Raum mittanzen.

Aus der ruhigen Ballade mit Intro am Klavier wird eine extrovertierte Inszenierung und auch bei "The Feminine Urge" bittet Abigail mit ihren Bewegungen zum Tanz, schwebt über die ganze Bühne, während um sie herum die Gitarrenriffs fliegen. Das Blondie-Cover "Call Me" ist so leise gewispert, man muss ganz genau hinhören, bis dann die Gitarren samt Sängerin wieder rockig ausbrechen. Es ist die ganz große Show.

Mal kommt Abigail ins Publikum und singt mit den Fans am Bühnenrand. Dann wieder gehen sie zu viert im Gänsemarsch hin und her. Am Ende ist "Nothing Matters" der gefeierte Höhepunkt einer der außergewöhnlichsten Shows, die es wohl je beim SWR3 New Pop Festival gegeben hat. Es zu beschreiben reicht einfach nicht. Man muss es selbst sehen und erleben, um es in seiner Gesamtheit erfassen zu können.

Alle Farben lässt das Kurhaus erbeben

Der große Abschluss der Party beim SWR3 New Pop Festival 2024 ist das DJ-Set von Alle Farben. Es ist quasi das zweite Homecoming-Konzert, denn auch er war 2014 schon einmal beim New Pop. Jetzt heizt er den Fans von der ersten Sekunde an richtig ein. Mit "Fading" kommt direkt ein Klassiker. Unterstützung erhält er von DJ und Trompeter Lahos sowie von seinem Kumpel Graham Candy, der auch wieder wie 2014 mit dabei ist. Ihr gemeinsamer Hit "Far Away" sorgt gleich am Anfang für Riesenstimmung. 

Bei seinem Set mixt Alle Farben eigene Songs mit zahlreichen bekannten Hits. Auf seinen Sound hochgepusht, unternimmt er eine musikalische Zeitreise durch die Jahrzehnte. Alle Jahrzente bunt durcheinander gemischt spielt er, beginnend bei den 1980er Jahren, unter anderem "Our House" von Madness. Aus den 1990er Jahren hört man "Enjoy The Silence" von Depeche Mode, später kommt aus 2001 noch "Survivor" von Destiny's Child oder das 2013 veröffentlichte "Take Me To Church" von Hozier.

Ganz aktuell kommt im hinteren Teil des Sets auch noch "Komet" von Apache 207 und Udo Lindenberg. Es ist eine geballte Ladung Power, ein Lichtermeer auf den treibenden Sound, garniert mit Nebelsäulen, fliegenden Bändern und Flittern. Jeder Effekt sitzt. Das Kurhaus ist bis zum letzten Moment knallvoll, die Stimmung auf höchstem Level. Ein spektakuläuläres Finale.