Sie sind vor allem am Freitag allgegenwärtig: die "Danke, Timo"-Shirts. Am Merch-Stand befindet sich derweil ein “Kummerkasten” über den Maifeld-Besucher letzte Worte, Erinnerungen und Liebeserklärungen an das Festival und seine Möglichmacher richten können.
Tatsächlich ist es an der Zeit, Festival-Organisator Timo Kumpf zu danken für seinen unermüdlichen Einsatz. Im Verlauf von 15 Jahren hat er das Maifeld Derby zu einem Festival geformt, das nicht nur hierzulande, sondern auch im europäischen Ausland einen fabelhaften Ruf genießt.
Auch die letzte Ausgabe punktet mit den gewohnten Stärken: Die liebevolle Gestaltung und die herzliche, entspannte Atmosphäre waren schon immer Markenzeichen des Liebhaberfestivals. Da auch das Wetter größtenteils mitspielt, steht einem letzten wilden Ritt nichts im Weg.
Düsternis muss auch sein
Der Belgier Maarten Devoldere spielt bereits zum dritten Mal auf dem Maifeld Derby. Während er bisher jedoch mit seiner Band Balthazar auf den Bühnen des Maimarkt-Geländes unterwegs gewesen ist, tritt er dort nun mit seinem Soloprojekt Warhaus auf.
Mit seiner tiefen Stimme und seiner düsteren, aufwändig arrangierten Musik schafft er ein passendes Gegenstück zur sommerlichen Stimmung. Das kommt gut an, nicht nur weil Devoldere auch eben schnell noch die Lottozahlen des Tages musikalisch verliest.
Der Überraschungsgast punktet
Am Freitagmorgen stand es fest: Kraftklub sind der geheime Headliner. Wenig überraschend drängen sich am Abend die Massen vor der Open Air Bühne, um die Chemnitzer Band, die gerade zwei Tage zuvor aus dem Nichts ein neues Album angekündigt hat, live zu erleben. Auch ohne große Vorbereitungszeit erweist sich das Publikum als textsicher – sogar in den ganz neuen Song "Schief in jedem Chor" stimmt es schnell mit ein.
Die Beteiligung bleibt durchweg groß. Auf Anweisung von Frontsänger Felix Brummer fliegen bei "Randale" Becher, Hüte und Co. in die Luft, dazu gibt es Moshpits und Crowdsurfing. Die Band zeigt sich ebenso begeistert. Es ist nach der Releaseshow das erste Konzert, das die Gruppe seit einem Dreivierteljahr spielt. Die Freude daran sieht man den fünf Musikern allesamt an.
Auch der Anlass liegt der Gruppe am Herzen: Der Verlust eines Indie-Festivals schmerzt. Kraftklub spricht hier aus eigener Erfahrung. Ihr eigenes Festival-Format, das Kosmonaut-Festival, konnte nach der Corona-Pandemie nicht mehr weitergeführt werden. Eine Abschiedsausgabe hat es nie gegeben. Umso schöner, so Felix Brummer, dass die Maifeld-Fans noch einmal die Gelegenheit bekommen, das Festival gebührend zu verabschieden.
Kraftvoller Auftritt
Dazu trägt auch das darauffolgende Set der nicht ganz so geheimen Headlinerin Zaho de Sagazan bei. Die Veröffentlichung ihres Debut-Albums "La Symphonie des Éclairs" liegt gerade einmal zwei Jahre zurück, doch spätestens seit ihren Auftritten bei den Filmfestspielen in Cannes und den Olympischen Sommerspielen 2024 erfreut sich die Musik der Künstlerin großer internationaler Beliebtheit.
Die Songs zeigen sich mal ruhiger, mal sehr kraftvoll und sind laut der Sängerin das Resultat ihrer Hochsensibilität, die sie früher häufig für eine große Schwäche gehalten habe. Inzwischen jedoch, gelingt es ihr mit dieser auch das große Palastzelt zu füllen und mit ihren musikalischen Vorbildern wie etwa Tom Odell zu kooperieren.
Für das gemeinsame Lied "Old Friend" ist auf der Bühne ein Telefon platziert, das die Künstlerin pünktlich für den Einsatz Odells abnimmt. "Hello there Zaho, it’s your old friend Tom, I am very proud of the person you’ve become", erklingt es dann. Stolz auf Zaho ist an diesem Abend aber nicht nur Tom Odell, auch vom Publikum erntet de Sagazan nach ihrem finalen Song – einem Cover von David Bowies “Modern Love” – reichlich Applaus.
Erst sonnig, dann Gewitter
Das für Samstag angekündigte Gewitter wirbelt den Zeitplan durcheinander. Der Auftritt der britischen Newcomer-Band Dog Race fällt sogar buchstäblich ins Wasser. Die Band macht das Beste aus ihrer Situation und verkündet über die Sozialen Medien: "Yeehaw ya dogs got the whole festi shutdown". Die Zuschauer*innen werden derweil per Megaphone auf die Tribüne des Parcours d’Amour und ins Palastzelt gebeten.
An letzterem Ort unterhält die für Sylvie Kreusch eingesprungene Sophia Kennedy das Publikum, bevor das Zelt nur ein bisschen verspätet für Strongboi wieder verlassen werden kann. Hat Sophia Kennedy noch vor ein paar Tagen überhaupt nicht damit gerechnet, auf dem Maifeld aufzutreten, tut sie dies nun vor einem besonders großen Publikum.
Dabei gibt sie ihr Bestes, denn sie fragt sich, ob sie ihr Bügeleisen zu Hause in Berlin nicht versehentlich eingesteckt gelassen hat – und in diesem Fall solle sich das Ganze immerhin für ihre Zuschauer*innen gelohnt haben.
Newcomer und Klassiker
Am Abend rollen dann The Notwist ihren ganz eigenen Klangteppich im Palastzelt aus. Für die letzte Ausgabe des Maifeld Derbys gibt die Band noch einmal alles und lockt damit immer mehr neugierige Besucher*innen in das Palastzelt. Die Stücke gehen nahtlos ineinander über, die Musik wogt über die Zuschauer hinweg und erzeugt eine Faszination, die alle mitreißt. Riesiger Applaus ist der verdiente Lohn. Die Band wird live tatsächlich immer besser.
Zeitgleich füllt sich auch die Arena bis ganz ans hintere Ende und darüber hinaus. Als der österreichische Musiker Salò dann die Bühne betritt, sortiert er erst einmal das Publikum um: die ersten fünf Reihen für FLINTA* Personen, hinten dann – so scherzt er – ein Safe Space für Männer.
Während des Auftrittes behält der Künstler sein Publikum gut im Auge, als Notfallzeichen wählt er den ausgestreckten Mittelfinger. Eine gute Vorkehrung, wie sich kurz darauf erweist, denn: Während eines Salò-Auftrittes kann sich auch schonmal die ein oder andere Brille von der Nase der Zuschauenden verabschieden – und in Team-Arbeit wiedergefunden werden.
Der emotionalste Moment
Die Ankündigung des Auftritts von Konstantin Gropper & Friends ließ schon ahnen, dass Großes bevorstehen könnte. Festivalorganisator Timo Kumpf spielte bekanntlich lange Zeit Bass in Groppers Band Get Well Soon.
Und tatsächlich betritt Kumpf nach gut der Hälfte des Auftritts die Bühne, wo er mit frenetischem Jubel und standing ovations begrüßt wurde. So kam es zu einer kleinen Get Well Soon-Wiedervereinigung, denn auch Groppers Schwester Verena und andere langjährige Kollaborateure wie Ziggy Has Ardeur waren dort versammelt.
Vor dem begeisterten Publikum spielten sie sich durch Groppers Werk, das frisch und gegenwärtig wirkte. Als sich alle zum Abschluss in den Armen lagen, dürften manche die ein oder andere Träne verdrückt haben.
Die coolste Band
Franz Ferdinand zählen zu den coolsten Bands des Planeten, was vor allem, aber nicht nur an Leadsänger Alex Kapranos liegt. Auf dem Maifeld Derby spielen sie sich eineinhalb Stunden durch ihr gesamtes Werk, wobei der Schwerpunkt auf dem neuen Werk "The Human Fear" und den ersten beiden Alben liegt, die – seien wir ehrlich – weitaus besser sind, als alles, was danach kam. Das zeigt schon der fantastische Opener "The Dark of the Matinée", der die Menge sofort auf Betriebstemperatur bringt.
Die Stimmung bei diesem letzten "großen" Konzert des Samstags ist fantastisch, die Zuschauer geben alles und feiern die Schotten ausgiebig. Hits wie "Do You Want To", "Take Me Out" und das abschließende "This Fire" dienen nicht nur dazu, dem Publikum zu geben, was es will, sondern werden auch gekonnt mit neuen Ideen an die Gegenwart angepasst.
Letzte und erste Auftritte
Der Sonntag bleibt von Wetterkapriolen verschont. So kann auch das Konzert der britischen Indie-Rock-Band Porridge Radio bei Sonnenschein unter freiem Himmel stattfinden. Die Gruppe macht im Rahmen ihrer Abschiedstour Halt in Mannheim und auch das Mannheimer Festivalpublikum hält in großer Menge ein letztes Mal inne, wenn die Gruppe ihr Karrierewerk noch einmal zum Besten gibt.
Während der Auftritt auf dem Maifeld Derby für Porridge Radio leider die letzte Show auf einem deutschsprachigen Festival sein wird, ist es für Getdown Services die erste. Der Auftritt der Newcomer entpuppt sich als echtes Überraschungshighlight, bei dem selbst ein paar Störche neugierig über dem Gelände kreisen.
Action auf und vor der Bühne
Getdown Services haben Songs über scheinbar jegliche Themen im Gepäck: von Bristol über Jamie Oliver und Schokolade in der Hosentasche bis hin zu mentaler Gesundheit – tanzbar bleiben die Songs dennoch allesamt, das beweist das Duo aus England auch durch eigenen vollen Einsatz auf der Bühne. Die beiden Musiker haben ihr Publikum fest im Griff und auch bei einem Lied mit dem Titel "I'm not feeling it" gehen die Hände bis in die letzte Reihe nach oben.
Durch die Neuausrichtung der Arena-Bühne in Richtung Reitstadion haben auch die Besucher*innen außerhalb auf der Anhöhe Richtung Parcour d'Amour ihren Spaß an der Show und werden direkt mit ins Geschehen eingebunden. Bei einem so großen Support schwingt sich Josh Law während des letzten Songs kurzerhand für einen Stagedive ins Publikum, woraufhin Bandpartner Ben Sadler kurzerhand seinen Gesang unterbricht, um den Moment mit seinem Handy festzuhalten.
Tröstende Worte
Neben Drangsal, der das von ihm insgesamt viermal bespielte Maifeld Derby mit neuer Band musikalisch “zu Grabe trägt”, finden auch Bilderbuch als letzter Act des Festivals ein paar Abschiedsworte. Es sei sehr traurig zu sehen, wie schwer es Independent-Festivals wie das Maifeld Derby haben, die so verschiedene Musikgeschmäcker zusammenbringen. Sie seien etwas ganz Besonderes, auf das aufgepasst werden müsste.
Gleichzeitig versucht die Gruppe ihrem Publikum Hoffnung zu machen und als das dann während “Checkpoint (Nie Game Over)” laut mit einstimmt als der letzte Teil des Titels (“Nie Game Over”) in den Lyrics erklingt, scheint es als wäre das der Gruppe gelungen.
Der Abschied fällt schwer
Nachdem Bilderbuch die Bühne verlassen hat, bleibt das Publikum noch etwas länger vor der Hauptbühne im Palastzelt als gewohnt. Auf den Videoleinwänden erscheint ein zerbrochenes Herz und die Aufschrift "2011 - 2025", gleichzeitig ertönt "Here’s where the story ends" von The Sundays.
Noch ein paar Minuten lang wird applaudiert und gejubelt. Dieser Applaus gilt nicht nur Bilderbuch, sondern dem gesamten Maifeld Derby, das die Musiklandschaft weit über die Rhein-Neckar-Region hinaus geprägt hat und vielen Besucher*innen über die Jahre eng ans Herz gewachsen ist.
The future is unwritten
Ob es jemals (sicher nicht 2026!) eine Fortsetzung in anderer Form geben wird, ist unklar. Offiziell heißt es, dass das Maifeld Derby nicht mehr stattfinden wird, gleichzeitig bestätigen sowohl Organisator Timo Kumpf als auch die Stadt Mannheim in Form von Kulturbürgermeister Thorsten Riehle, dass sich beide Seiten im Gespräch befinden.
Ob die Anwesenheit des baden-württembergischen Staatssekretärs Arne Braun ein weiterer Hinweis ist, bleibt Spekulation. Jedenfalls ist unserer Meinung nach nicht nur die Stadt, sondern auch das Land gefragt, dem Maifeld mittelfristig einen Neustart zu ermöglichen oder einen adäquaten Ersatz zu schaffen.
Neben der finanziellen Ausstattung würde es dann zu den zentralen Aufgaben gehören, Timo Kumpfs unbändige Energie und Kreativität in eine Struktur einzubetten, die dem künftigen Festival eine langfristige Perspektive ermöglicht.
Indie-Festivals sind auch deshalb unter Druck, weil die enormen, keineswegs nur finanziellen Anforderungen, kaum noch von Einzelpersonen bewältigt werden können, wenn sie nicht starke Unterstützung im Hintergrund haben. Ob die Schaffung solcher Strukturen gelingt, wissen wir nicht, aber wir geben die Hoffnung noch nicht ganz auf.









