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At the Gates (live in Wiesbaden, 2019) © Johannes Rehorst

In der doch etwas ungewöhnlichen Kombination mit Nifelheim und Deserted Fear statten At The Gates dem Schlachthof Wiesbaden einen Besuch ab. Dort überzeugt die Band durch spielerische Fähigkeiten und einzigartige Bühnenpräsenz.

At The Gates haben vor allem mit ihrem 1995er Album "Slaughter of the Soul" unzählige Metalcore- und Melodic-Death-Metal-Bands beeinflusst. Sieht man sich das doch etwas spärliche Publikum im Schlachthof Wiesbaden an, dann kann man nicht umhin festzustellen, dass diese Bands oftmals erfolgreicher waren als das Original.

Angst macht sich breit

Bevor jedoch At The Gates die Bühne betreten, dürfen zunächst Deserted Fear zeigen, was sie können. Die Death Metal-Band aus Thüringen gibt sich grundsympathisch und wirkt sowohl was ihr Auftreten als auch was ihre technischen Fähigkeiten angeht sehr professionell.

Leider kann das Songmaterial der Band da nicht ganz mithalten. Trotz einiger guter Ansätze versacken die Songs zu oft im Midtempo und wirken zudem nicht besonders eigenständig. Insgesamt ist der etwa dreiviertelstündige Auftritt zwar nicht schlecht, aber auch nicht sonderlich erinnerungswürdig.

Die Stirn bieten

Der Kontrast zu den Schweden Nifelheim ist dementsprechend groß. Das Einzige, was die Auftritte der beiden Bands gemeinsam haben ist auch das große Manko des Abends: die Lightshow auf der Bühne. Während beider Vorbands und Teilen des Headliner-Auftritts sind die Lichter auf der Bühne geradezu absurd hektisch, was bereits das Zusehen nach einer Weile anstrengend macht.

Nifelheim sprechen nur begrenzt ein ähnliches Publikum wie der Headliner an, aber an ihrem Auftritt gibt es nicht viel zu kritisieren. Wer die Band bis dato tatsächlich nicht gekannt haben sollte, könnte vom generellen Auftreten der Band und ihrem doch sehr chaotischen Black Thrash etwas irritiert sein; allerdings muss man zugeben, dass die Band um die beiden Gustavsson-Brüder ihre Songs erstaunlich tight und mit geringem Rumpelfaktor darbietet.

Wie schon bei Deserted Fear ist der Sound wirklich hervorragend und das lässt die oft überraschenden melodischen Gitarrenharmonien besonders auffallen, die häufig einen gelungenen Kontrapunkt zum Lärm setzen, der Nifelheim ansonsten ausmacht. Ein starker Auftritt, der mit dem neuen Song "The Burning Warpath to Hell" und "Storm of the Reaper" zwei absolute Hits beinhaltet.

An den Toren

Nach einer kurzen Umbaupause erklingt mit "Der Widerstand" das Intro des Headliners At The Gates. Diese steigen anschließend ohne großes Aufhebens mit dem Titelsong des letztjährigen Albums "To Drink from the Night Itself" ein und natürlich fallen sofort zwei der großen Pluspunkte der Schweden auf: ihre spielerischen Fähigkeiten und das enorme Charisma von Sänger Tompa Lindberg.

Problematisch ist zu Beginn jedoch der Sound, der ja bei beiden Vorbands noch herausragend war. Tatsächlich verbessert sich dieser schon zum zweiten Song "Slaughter of the Soul", bleibt aber dennoch etwas matschig und verwaschen. So gehen besonders die Feinheiten in der Gitarrenarbeit von Martin Larsson und Jonas Stålhammar manchmal unter, was sehr schade ist.

Insgesamt ist das aber zu verschmerzen, denn erstens ist der Sound immer noch besser als sonst häufig bei Metal-Konzerten dieser Größe ist und außerdem liefern At The Gates einen so überzeugenden Auftritt ab, dass kleinere Schönheitsfehler komplett verzeihlich sind.

Songwriting der Extraklasse

Wer At The Gates live sieht, kann schnell feststellen, wieso viele von ihnen beeinflusste Bands austauschbar klingen, die Band selbst jedoch bis heute unverwechselbar bleibt: Während sich viele spätere Gruppen nur auf die Kombination von harten Riffs und melodischen Passagen konzentriert haben, hatten At The Gates stets das gewisse Etwas. Ihr Songwriting klang selbst auf einem mit Hits gefüllten Album wie "Slaughter of the Soul" nie konventionell, von den Frühwerken ganz zu schweigen.

Der Fokus der Setlist liegt auf dieser Tour auf den beiden Alben nach der Reunion sowie dem erwähnten Klassiker "Slaughter of the Soul", während die ersten drei Alben mit jeweils einem Song vertreten sind. Dennoch wirkt das Konzert komplett wie aus einem Guss und das trotz des musikalischen Wandels, den die Band schon in den 90ern durchlaufen hat.

At the Gates verfügen eben über die Fähigkeit, Songs kurz und knackig auf den Punkt zu komponieren, ohne dass das Ergebnis stumpf oder simpel klingt. Stattdessen glänzen die Songs durch Abwechslungsreichtum und innovative Ideen. Zudem setzt die Band in Wiesbaden auf ein gelungenes Gleichgewicht zwischen schnellen und langsameren Songs.

Einzigartige Präsenz

So unvergleichlich wie die Musik seiner Band ist sicherlich auch die Bühnenpräsenz von Tomas "Tompa" Lindberg. Es ist schwer in der Metalszene einen sympathischeren Frontmann zu finden, der gleichzeitig in diesem Maße mit Talent und Ausstrahlung glänzt. Da sich die Instrumentalfraktion der Band live oft sehr zurückhaltend gibt, liegt der Fokus meist auf ihm.

Dass sich insbesondere die beiden Gitarristen etwas zurücknehmen was Stageacting angeht ist tatsächlich nachvollziehbar. Was die beiden in Songs wie "Under a Serpent Sun" oder "A Stare Bound in Stone" leisten müssen, ist schlicht beeindruckend.

Das Ende der Fahnenstange

Zwar verlässt die Band die Bühne nicht wirklich, aber durch eine kurze Pause im Ablauf kündigt sich dennoch nach etwa einer Stunde der Zugabenblock an. Dieser fällt mit fünf Songs sehr großzügig aus und zeigt noch einmal auf, dass wohl niemand mehr einen größeren Hit in diesem Genre komponieren wird als "Blinded by Fear" (der zudem etwas flotter dargeboten wird als auf Platte).

Schließlich beendet die Band mit dem melancholischen und etwas getrageneren "The Night Eternal" ihren gut 75-minütigen Auftritt. Man hat den Eindruck eine absolut runde Show gesehen zu haben, bei der alles genauso abgelaufen ist, wie es sollte. At The Gates zählen ohne Zweifel zu den besten Livebands ihres Genres und vielleicht auch der ganzen Metalszene.

Setlist At The Gates

Der Widerstand (Intro) / To Drink from the Night Itself / Slaughter of the Soul / At War with Reality / A Stare Bound in Stone / Cold / The Colours of the Beast / Death and the Labyrinth / Daggers of Black Haze / Under a Serpent Sun / The Swarm / Raped by the Light of Christ / Heroes and Tombs / Nausea / The Mirror Black // Suicide Nation / The Book of Sand (The Abomination) / Kingdom Gone / Blinded by Fear / The Night Eternal

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