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Niedeckens BAP (live in Worms 2019) © Rudi Brand

Wenn ein Festival wie Worms: Jazz & Joy 2019 an zwei von drei Tagen von teils heftigem Regen geplagt wird, bleibt die Stimmung nicht unbeeinträchtigt. Dennoch erlebten die 20.000 Besucher ein gelungenes Festival mit einigen Highlights, die so gar nicht erwartet wurden.

Von wegen Hitzesommer! Bei Worms: Jazz & Joy 2019 dominiert am Freitag starker Regen den Festivalauftakt. Die ersten Acts profitieren noch von einigermaßem trockenen Wetter, bevor der Himmel seine Schleusen öffnet.

Während die Wormser Band Bankert & Kafruse mit einer Mischung aus Country- und Blues-Rock die passende Musik für den Schlossplatz spielt, interpretieren auf dem Platz der Partnerschaft Felix Fromm, Gary Fuhrmann und ihre Band Klassiker der 1950er und 1960er Jahre. Mit Interpretationen von Klassikern wie "Footprints" (Wayne Shorter) in ungewöhnlicher Besetzung aus Rhythmusgruppe, Sax und Posaune für einen gelungenen Auftakt des Jazzprogramms.

Funky-Time mit Pee Wee Ellis

Dann aber geht es nicht nur mit den nächsten Acts, sondern auch mit dem Regen richtig los. Besonders SWR1 Hits & Stories auf dem Marktplatz leidet unter dem Wetter, denn zum Tanzen im Regen haben nur die wenigsten Besucher Lust. Ob die Show bei besseren Umständen auf mehr Zuspruch getroffen hätte oder einfach insgesamt verzichtbar ist, kann daher nicht entschieden werden.

Deutlich mehr Action gibt es auf dem Weckerlingplatz mit der Pee Wee Ellis Funk Assembly. Mit sechs großartigen Musikern, die immer wieder mit tollen Soloeinlagen glänzen, drückt der 78-jährige Star am Tenorsaxophon aufs Tempo. Die Mischung aus Blues, Funk und Soul begeistert nicht nur die trocken gebliebenen Zuschauer unter dem Zeltdach vor der Bühne. Auch weiter hinten wird mitgefeiert.

Als der Regen endlich aufhört und sich viele Schirme schließen, steigt auch die Stimmung immer weiter an. Die Interpretationen von Songs von Van Morrison (auf denen Ellis mitgewirkt hat) sind elektrisierend, die Bandbreite reicht vom klassischen Funk-Soul bis hin zum Gipsy-Blues. Kaum treffender könnte es sein, als Pee Wee Ellis mit dem James Brown Klassiker "Make It Funky" den Funken richtig zündet und so die Show zum großen Stimmungserlebnis auf dem ganzen Platz wird.  

Coole Bands am Samstag

Der Samstag bleibt im Gegensatz zum Freitag komplett trocken und warm. Das tut der Stimmung gut, die auch gleich am Marktplatz von LionLion stark angeheizt wird. Die vier Jungs treiben das Publikum mit ihrem ausgefeilten Indie-Rocksound an. Der mehrstimmige Gesang wird getragen von clever arrangierten Melodien mit dem Keyboard als bestimmendes Element. Daraus entwickelt sich eine kraftvoll rockige Energie mit dramatischen Melodien, die immer wieder von starken Gitarrensoli durchsetzt sind. 

Ein weiteres Highlight bietet der Auftritt des israelischen Produzenten und Gitarristen Yossi Fine, der von Schlagzeuger Ben Aylon und Keyboaderin Sharon Mansur unterstützt wird. Die Kombination von Jazz-Funk mit orientalischen Instrumenten, Rhythmen und Melodien funktioniert ausgezeichnet und bringt die Menge auf dem vollgepackten Platz vor der Jugendherberge zum Tanzen.

Höhen und Tiefen

Aber auch am Samstag gibt es ein paar Acts, die nicht durchweg begeistern können. Vor allem das Bandprojekt Afrodisia kann keine wirkliche Euphorie entfachen. Der Weckerlingplatz ist einfach deshalb voll, weil man da wunderschön entspannt sitzen und zuhören kann – die Musik dient in diesem Fall nur zur Hintergrundunterhaltung.

Viel Rhythmus herrscht am Schlossplatz zunächst bei den afrikanischen Trommelklängen von Ma Belle Cherie, die sich den wohlverdienten Applaus des entspannten Publikums durch ihren African-Reggae redlich erarbeiten. Auch The Turbans pumpen mit ihrem Balkan-Dance-Pop viel Energie und Lebensfreude ins Publikum. Deren Sound bekommt im späteren Teil noch eine interessante Wendung, als sich Flötenmusik ähnlich einem indischen Schlangenbeschwörer breit macht.    

Den nächsten Volltreffer am Marktplatz landen dann Bukahara. Die Multiinstrumentalisten geben vom ersten Song an Vollgas und heizen dem Publikum mit Violine, Kontrabass, Gitarre und Schlagzeug richtig ein. Von Reggae zu Funk drückt die Kölner Band mit viel Groove voll aufs Gaspedal. Bukahara beherrschen aber auch ruhigere Töne, die ihr beeindruckend gutes Songwriting zur Geltung kommen lassen. Damit sorgen sie für ausgelassene Stimmung bei den vielen jungen und alten Besuchern auf dem Marktplatz.

Große Namen

Das große Zugpferd am Samstag auf dem sehr gut gefüllten Marktplatz ist Max Herre. Mit seinem neuen Album "Athen" bringt er das Publikum fast zum Abheben. Der Titelsong "Athen" ist eine anfangs ruhige Ballade, deren Tempo und Energie sich langsam steigert. Der erste große Aufschrei ertönt allerdings in dem Moment, als Joy Denalane als Gaststar die Bühne betritt. Die energetische Soullady ist endlich wieder in Worms, nachdem sie selbst 2011 ein grandioses Live-Konzert beim Worms: Jazz & Joy gespielt hat.   

Gemeinsam sind sie noch stärker, egal ob mit "Erste Liebe" oder "Esperanto", einem der großen Hits von Freundeskreis, der gerade sein 20-jähriges Jubiläum feiert. Das Publikum geht voll drauf ab. Auch der Power-Rap von "FK10", der nächste Freundeskreis Song, besitzt riesige Energie. Überhaupt sind es vor allem die Freundeskreis-Songs, die beim Publikum die größten Emotionen herauskitzeln. Das Duett "Mit Dir" schafft eine tolle Atmosphäre und die wilde Energie von "Wenn der Vorhang fällt" sorgt für wippende Köpfe und Arme, die dem Rhythmus folgen.  

Textsicher sind die Zuschauer natürlich bei "A-N-N-A", ganz besonders beim Refrain mit der berühmten Songzeile "Immer wenn es regnet, muss ich an dich denken". Da explodieren die Gefühle und es wird laut mitgesungen. Aber richtig hebt das Publikum mit "Es fühlt sich wie fliegen an" ab, als die Partylaune auf dem Höhepunkt angekommen ist. Der Abschluss "Das Wenigste" ist ein weiteres wunderschönes Duett mit Max Herre am Piano und Joy Denalane, die noch einmal ihre ganze Klasse zeigt.

Swing-Time am Sonntag

Ein echtes Highlight am Sonntag ist schon ab 15 Uhr das österreichische Trio Marina & The Kats. Die "kleinste Big Band der Welt" überzeugt mit Vintage-Swing und einem treibenden Sound, der zum Mittanzen einlädt und auch auf den Sitzbänken für Kopf- und Körperwippen sorgt. Marina an der "Beserl-Snare" und die zwei Jungs an den Gitarren begeistern mit viel Leidenschaft, Witz und Charme und erhalten am Ende Standing Ovations vom Publikum am Weckerlingplatz!

Den Abschluss am Weckerlingplatz gibt Ed Motta. Der Soulsultan aus Brasilien leidet wie schon Pee Wee Ellis am Freitag unter dem heftigen Regen. Viele Zuschauer sind schon weg, als gegen 20 Uhr endlich der Regen aufhört. Jetzt kann man den Funk-Jazz wirklich genießen. Mit ausladenden Tempo-Drums und epischen Gitarrenriffs gewürzt dominiert Ed Motta mit seiner kraftvollen Stimme.

Engagiert bei Niedeckens BAP

Ausnahmsweise findet das Sonderkonzert 2019 nicht am Freitag, sondern zum Abschluss am Sonntag statt. Mit sattem Kölschrock von Niedeckens BAP findet das Worms: Jazz & Joy 2019 einen würdigen Abschluss. Der rockige "Waschsalon" und der mit kernigem Gitarren- und Bläsersolo gewürzte "Psycho-Rodeo" sind nur der Anfang. Das Publikum ist tapfer, obwohl es anfangs wirklich heftig regnet.

Ein bunt gemischtes Programm mit politischen Songs wie "Widderlich" mit kleinem Seitenhieb zur AfD über den "Jebootsdaachspogo", dem neu aufgenommenen Kinderlied, bis hin zu kölschen Liebesliedern ist alles dabei. Echte Highlights gibt es einige. Da ist der Power-Rock von "Rita, mir zwei", angefeuert von Gitarre und Geige, die das ausgefeilte Melodienspiel der bestens aufgelegten Band antreiben. Die Hymne "Aff un zo" ist ein Mitklatschsong mit viel Rhythmus und Kraft der drei Bläser. Ebenso der handgemachte Rock von "Frau, ich freu mich", der die große Spielklasse der gesamten Band zeigt.

Politisch engagiert

Das für Niedeckens BAP typische Marathonkonzert wird von wechslenden Phasen von Regen und trockenen Momenten durchzogen. Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Wolfgang Niedecken erzählt und singt, das Publikum zieht mit und feiert Songs wie "Verdammt lang her". Ein vom Wetter nicht gerade begünstigtes Jazz & Joy geht damit zu Ende – glücklicherweise ohne die Notwendigkeit eines Abbruchs.

Musikalisch war das Programm wie immer hochwertig. Erfreulich auch, dass sich zahlreiche Künstler wie Wolfgang Niedecken und Max Herre sich politisch engagiert zeigen und sich klar gegen Rechts positionieren. Aber nicht nur das, auch das gesamte Programm von Jazz & Joy lebt von kultureller Vielfalt und musikalischen Grenzüberschreitungen. Ein Wert, den es zu verteidigen gilt, beispielsweise beim großen Jubiläum 2020.

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