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Joe Bonamassa (live in Mannheim 2018) © Rudi Brand

Joe Bonamassa und seine Mitstreiter brillieren in der Mannheimer SAP Arena durchweg mit ihren musikalischen Fähigkeiten. Lediglich die Stimmung des Mannheimer Publikums kann dabei nicht mithalten, obwohl die Musiker sämtliche Register ziehen.

Joe Bonamassas kreativer Output scheint kaum zu bremsen: Gerade hat er sein neues Album "Redemption" veröffentlicht, das dritte Album, in dem er sich ausschließlich eigenen Kompositionen widmet. Gleichzeitig handelt es sich neben zahlreichen Live-Alben und diversen Veröffentlichungen mit anderen Projekten bereits um sein dreizehntes Solo-Album.

Doch obwohl auf dem Album auch kräftig gerockt wird, ist klar, dass die Besucher der Show in Mannheim kein Rockkonzert im herkömmlichen Sinn erwartet.

Für die ganze Familie

Stattdessen liefert Joe Bonamassa in der vollständig bestuhlten SAP Arena eine perfekt inszenierte Show, die dazu einlädt, sich ganz auf die Brillianz aller beteiligten Musiker einzulassen. Bedrohlich wirkende Ecken und Kanten sucht man hier vergeblich – viel eher wirkt das Ganze durch und durch rund, hochprofessionell und recht familienfreundlich.

Dass sich das Dargebotene dennoch nicht auf allzu studiertem und glattem Terrain bewegt, dürfte der gehörigen Portion Gefühl geschuldet sein, mit der die technisch ohnehin über jeden Zweifel erhabenen Musiker die Songs vortragen.

Starke neue Nummern, starker Sound

Das Material des neuen Albums hat bereits mehrere Monate vor der Veröffentlichung in das Live-Programm Bonamassas Einzug gehalten. Wie sehr die Gitarrenkoryphäe offenbar selbst davon überzeugt ist, wird dadurch verdeutlicht, dass die Shows auf der aktuellen Tour mit "King Bee Shakedown", "Evil Mama", "Just 'Cos You Can, Don't Mean You Should" und "Self-Inflected Wounds" gleich mit vier neuen Songs in Folge eröffnet werden.

Bereits der mächtig treibende Opener "King Bee Shakedown" könnte sofort zum Tanzen verführen, wären dafür geeignete Stehplätze vorhanden. Der Sound in der SAP-Arena ist von Beginn perfekt abgemischt, glasklar und druckvoll.

Alte Schule

Auch das Bühnenbild ist äußerst stimmig: Bonamassa präsentiert sich wie gewohnt in Anzug und Sonnenbrille und swingt äußerst lässig mit minimalistischer Coolness, während er seine Stratocaster mit einem Bottleneck zum aufheulen bringt und die Finger flitzen lässt. Auf Ansagen verzichtet Bonamassa weitestgehend, er lässt lieber die Musik sprechen.

Die beiden Bläser sind hinter einer Art Rednerpulte untergebracht, die Backgroundsängerinnen bieten neben exzellenter gesanglicher Unterstützung zu jedem Song die passende, dezente Choreographie. Hier herrscht sehr viel eleganter Charme der alten Schule.

Auf höchstem Niveau

Bonamassa, der einer ausgeprägten Gitarren-Sammelleidenschaft frönt und in seinem liebevoll "Nerdville" getauften Anwesen unzählige Schätze sein Eigen nennt, lässt es sich natürlich nicht nehmen, den ganzen Abend unablässig die Gitarren zu wechseln, darunter unter anderem mehrere Les Pauls, eine Stratocaster, einer Telecaster und eine ES-335.

Fast überflüssig erscheint es, Worte über die Qualität von Bonamassas Gitarrenspiel zu verlieren. In seiner Hand wirkt die Gitarre beinahe wie ein natürlicher Teil seines Körpers. Dass auch live jedes Bending absoult präzise ausgeführt wird und jedes blitzschnelle Legatospiel punktgenau landet, scheint nahezu selbstverständlich.

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So lässt er etwa seine seine Gitarre bei "No Good Place For The Lonely" vom 2016er Album "Blues Of Desperation" zunächst gekonnt die menschliche Sprache imitieren, bevor er zum höchst melodischen Teil des Solos übergeht oder bringt sie beim B. B. King-Cover "Nobody Loves Me But My Mother" durch beeindruckende Dynamik zum Lamentieren. Das ist ganz großes Blues-Kino, auch wenn das Feeling von Bonamassas ansonsten tadellosem Gesang bei letztgenanntem Song nicht an die Blueslegende heranreichen kann.

Dabei trägt der Maestro eine entschlossene Miene mit leicht vorgeschobenem Kinn, wiegt sich hin und her und nickt wahlweise im Takt oder schüttelt den Kopf als würde er einen vehementen Disput mit seiner Gitarre führen, deren Spiel ein Eigenleben entwickelt zu haben scheint.

Eine Band aus Ausnahmemusikern

Seine Mitstreiter scheinen ihm dabei hinsichtlich der musikalischen Fähigkeiten in nichts nachzustehen. Schlagzeuger Anton Fig spielt wie ein Uhrwerk und versorgt die Songs bei Bedarf mit einer ordentlichen Portion Drive, während Bassist Michael Rhodes zumeist auf seinem designierten Platz vor sich hintanzt und dabei einen gehörigen Groove unter seinen Fingern trägt.

Für besondere Zungenschnalzer sorgt immer wieder der ehemalige Second Coming- und Stevie Ray Vaughan-Keyboarder Reese Wynans, der wiederholt mit imposanten Solos glänzen darf und sich mit einem häufigen Lächeln im Gesicht ganz in seinem Element befindet. So avanciert die Show in der SAP-Arena regelrecht zur Lehrstunde im Bluesrock.

Das gewisse Etwas

Die Bläser Lee Thornberg und Paulie Cerra sowie die "lovely ladies from Australia" Juanita Tippins und Jade MacRae, die für den Backgroundgesang zuständig sind und gemeinsam mit Cerra bei "Slow Train" auch den Leadgesang übernehmen, sorgen immer wieder für das musikalische Tüpfelchen auf dem I.

Als einer der Höhepunkt des Sets erweist sich so definitiv das majestätisch-schleppende, schwermütige "Self-Inflicted Wounds", bei dem der Backgroundgesang im Chorus und Bonamassas singende Paula im Solo gleichermaßen für Gänsehautfeeling sorgen.

Passives Publikum

Trotz all dieser atemberaubenden musikalischen Leistungen gelingt es Bonamassa und Co. nicht ganz, die Spannung im Verlauf des etwa zweistündigen Konzerts komplett aufrecht zu erhalten. Spätestens beim The Alabama State Troupers-Cover "Going Down" scheint der Show langsam ein wenig die Luft auszugehen. Das scheint wohl auch Bonamassa zu spüren, und fordert die Besucher dazu auf, die Sitzplätze zu verlassen und sich nach vorne zu geben.

Doch so wirklich Stimmung will unter dem Mannheimer Publikum dennoch nicht recht aufkommen, was möglicherweise auch dem doch recht langen Sitzen oder der nicht gerade bis zum Anschlag gefüllten Arena zuzuschreiben ist. Einige Fans scheinen gar Bonamassas Gestik als Aufforderung misszuverstehen, ihre Handys für Videoaufnahmen hervorzuholen.

Bisschen wenig Stimmung

Das Publikum ist jedoch insgesamt an diesem Abend eher auf der passiven Seite verortet; willfährig streckt man zwar auf Bonamassas gelegentliche Aufforderung die Hände in die Höhe oder jubelt, von alleine passiert jedoch recht wenig.

Bei der äußerst gefühlvollen, mit wehmütig-hoffnungsvollen Harmonien versetzten Zugabe "Mountain Time" wirken die Mannheimer Zuschauer je nach Betrachtungsweise entweder gebannt oder teilweise regelrecht erstarrt. Bei einer musikalisch durchweg gelungenen Show wäre ein bisschen mehr Stimmung durchaus begrüßenswert gewesen.

Setlist

King Bee Shakedown / Evil Mama / Just 'Cos You Can Don't Mean You Should / Self-Inflicted Wounds / Don't You Lie To Me / Little Girl / No Good Place For The Lonely / How Deep This River Runs / Slow Train / Nobody Loves Me But My Mother / Going Down / Last Kiss / How Many More Times // Mountain Time

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