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Impressionen vom Brückenaward 2018 © Louis Bort

Bereits zum neunten Mal versammelt der Mannheimer Brückenaward 2018 ein buntes Potpourri aus Bands und Künstlern unter der Jungbuschbrücke. Dieses Mal geht es von Washington, D.C. über Thailand bis ins Weltall.

Eröffnet wird der 9. Mannheimer Brückenaward an einem grauen und kühlen, aber glücklicherweise regenlosen Freitagabend von der reduzierten Akustik-Performance der Sängerin Maxi (Skinny Peaches), die für die leider kurzfristig erkrankten Atmen, Weiter einspringt.

Ihr melancholischer, zurückgenommener Sound passt perfekt zu dem von grauen Wolken bedeckten Himmel, und stellt einen ansprechenden Auftakt zum Freitagabend dar. 

Bäumchen wechsel dich

Das ulkig benannte Duo Bummel Bänger könnte im Vergleich kaum verschiedener sein: Reduziert auf Drums, Gitarre und Gesang (abwechselnd von den beiden Musikern übernommen) liefert die Band ein schwer einzuordnendes Set, dass sich irgendwo zwischen Punk, Noise Rock und Hochgeschwindigkeits-Rock'n'Roll bewegt. 

Zwar nicht immer ganz tight, aber dafür mit einer Menge Energie lassen die beiden schon das ein oder andere Ohr im Publikum aufhorchen – auch durch die eigenwillig-abstrusen Texte und Ansagen.

Pilzbefall

Mit dem Auftritt von Fungi & Foe wird es musikalisch zwar ein wenig anspruchsvoller, dafür aber nicht gerade weniger weird. Das über Backstage PRO ausgewählte Duo huldigt, wie bereits die Shirts der beiden Mitglieder erkennen lassen, den großartigen Freaks von Primus.

Vertrackte Funk-Riffs treffen auf eigenwillige Rhythmen, das Klangbild wird mit zahlreichen Samples und Effekten angereichert. Dabei bewegen sich Fungi & Foe vielleicht nicht ganz auf dem (extrem hohen) Niveau ihrer Vorbilder, bieten aber doch einen tighten und abwechslungsreichen Auftritt.

Into Outer Space

Nach der letzten Umbaupause wird es Zeit für den Auftritt des Quasi-Headliners Ax Genrich (mit Band), auch bekannt als Gitarrist der beiden legendären Krautrock-Bands Guru Guru und Agitation Free.

Selten waren die analogen Background-Projektionen des Brückenaward-Urgesteins Projektor Pearson so angebracht wie hier: Über eine minimalistische Rhythmussektion bricht Genrich traditionelle Songstrukturen durch ausufernde, effektgetränkte Gitarren-Improvisationen auf. Der wabernde Sound vermischt sich perfekt mit den psychedelischen Mustern Pearsons.

Der Auftritt des Krautrockers fühlt sich an wie eine sprichwörtliche Reise durch das Weltall, auf das sich das anfangs zögerliche Publikum mit der Zeit gerne einlässt. Die kurzen Spielpausen sind erfüllt mit Jubel, und als Genrich schließlich die Bühne verlässt verstummen die Rufe nach einer Zugabe nur allmählich.

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In alter Frische – und frisch ist es trotz der gelegentlich hervortretenden Sonne tatsächlich – geht es dann am Samstag weiter unter der Brücke.

Die Essensstände sind geöffnet, der Bierverkauf zieht an, und der Bereich vor der Bühne füllt sich, wenngleich eher allmählich. Dabei hätte das Mainzer Trio Cool Living mit ihrem introvertierten Sound zwischen Indie und Emo eigentlich jeden Zuschauer verdient.

Die schon in den 1990ern gegründete Gruppe Fluid to Gas schafft es mühelos, an den ikonischen Post-Hardcore Sound von Fugazi und Konsorten anzuknüpfen, ohne jedoch derivativ zu klingen – die Gruppe hat definitiv eine eigene Handschrift entwickelt.

Sounds of Siam

In der etwas längeren Umbaupause vor dem Set der Maastrichter Gruppe Ladyboys füllt sich das Gelände unter der Eisenbahnbrücke dann immer mehr. Zwar ist der Brückenaward 2018 seltsamerweise weniger besucht als in den Vorjahren, die augenzwinkernde Thailand-Hommage im Namen und der ungewöhnliche Exotica-Sound der Ladyboys schaffen es aber, die Leute zu mobilisieren. 

"Thaichedelic" nennt die Gruppe ihre Musik, und beruft sich damit auf die ikonischen Interpretationen westlicher Psychedelic, die im Thailand der 70er aufkamen (und die inzwischen auf einigen großartigen Samplern vertreten sind).

Was im ersten Moment ein wenig gimmick-y klingt, macht auf der Bühne eine Menge Spaß: Der Sound der Ladyboys trifft den Exotica-Flair der Vorbilder perfekt, die Melodien besitzen eine herrliche, wehmütige Melancholie und durch das großartige Gespür für Dynamik, das die Gruppe an den Tag legt, wirkt die Show sehr lebhaft und druckvoll.

Nervös

Mit doppelt so viel Druck (und ohne die exotische Schönheit der Ladyboys) übernehmen dann Caffeine die Bühne: Die Hannoveraner prügeln sich rücksichtslos durch ihre Setlist, lassen weder sich noch dem Publikum wirkliche Verschnaufpausen. Kaum verliert sich ein Song in einem dröhnenden Interlude, kommt von irgendwoher auch schon wieder das nächste Riff, dass den Zuschauer zur (Kopf-)Bewegung zwingt. 

Das durchdachte Songwriting, der hervoragende Sound (diese Gitarre!) und der Drummer, der, nach seinem Spielstil zu urteilen, eine Menge der namensgebenden Substanz konsumiert haben muss, machen den den Auftritt Caffeines definitiv zu einem der Highlights des diesjährigen Brückenawards.

Ein Wortspiel mit Gewalt

Wo Caffeine "nur" gewalttätig klangen, hat die letzte Band des Abends diese schon in ihrem Namen zum allgemeinen Prinzip erkoren: Den Berlinern von Gewalt obliegt es, den neunten Brückenaward zu beschließen. Den Drummer hat das Trio durch einen primitiven Drumcomputer ausgetauscht, der Fokus liegt auf bis zum letzten verzerrten Saiteninstrumenten und der konfrontativen Performance von Frontmann Patrick Wagner.

Dieser schreit und klagt über alles, was schlecht ist und schief läuft – manchmal in der Welt, meistens aber bei sich selbst. Dabei wirkt er mit seinem schrägen Tanzstil und dem schlecht sitzenden weißen Anzug stellenweise wie ein geistig umnachteter David Byrne, erzielt jedoch gerade durch diese allgemeine Seltsamkeit (und die kaum verhohlene Aggression hinter der Musik) einen ungemeinen Sog.

Ein Auge auf das nächste Jahr

Dass dieser (scheinbar wegen der späten Stunde) dann recht abrupt enden muss, stimmt traurig – auch Wagner will dies erst nicht hinnehmen und spielt ohne Mikrofon weiter, bis man ihm dann langsam den Verstärker leiser dreht und ohne viel Pathos den neunten Mannheimer Brückenaward beendet. 

Wie gut es doch zu wissen ist, dass es solch ein Festival gibt – und dass dies 2019 bereits seinen zehnten Geburtstag feiern darf. Man darf gespannt sein, wie die musikalische Geburtstagstorte aussehen wird.

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