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Roger Waters (live in Mannheim 2018) © Rudi Brand

Der frühere Pink Floyd-Kopf Roger Waters ist immer ein streitbarer Zeitgenosse gewesen. Ähnlich gestaltet sich auch sein Konzert in der Kölner Lanxess Arena, das dem Publikum einiges abverlangt, aber trotz vieler gelungener audiovisueller Elemente nur teilweise versöhnt.

Mit seinen Kompositionen und Konzepten für Pink Floyd-Alben wie "Dark Side Of The Moon", "Wish You Were Here" und "The Wall" veränderte Roger Waters in den 1970ern die Musikwelt. Von diesem Ruhm zehrt der inzwischen fast 75-jährige frühere Kopf der legendären Band bis heute. Seine Tourneen füllen seit Jahren die Häuser, obwohl neues Songmaterial lange auf sich warten ließ.

Auch in der Kölner Lanxess Arena haben sich nicht gerade wenige Zuschauer eingefunden, um sich den Großmeister des Art-Rock auf seiner aktuellen Konzertreise "Us + Them" anzuhören. Anders als bei anderen Konzerten ist die Halle nicht komplett voll, aber Roger Waters bleibt in gesetzten Jahren selbst ohne seine alte Stammband immer noch ein echter Publikumsmagnet.

Wish Dave Was Here

Zunächst fällt auf, wie sehr David Gilmour und auch der viel zu früh verstorbene Keyboarder Rick Wright bei den Pink Floyd-Stücken auch Jahrzehnte später immer noch fehlen. Besonders auffällig ist dies gleich zu Beginn bei "Breathe (In The Air)" und wenig später bei "The Great Gig In The Sky", denen die Magie des Originals ein wenig abhanden gekommen zu sein scheint.

Wie prägend Gilmours ganz eigener Stratocaster-Sound für die Band war, muss auch Roger Waters bewusst sein. Schließlich befinden sich nach durchwachsenen Zusammenarbeiten mit Gitarrenheroen vom Schlage eines Eric Clapton oder Jeff Beck auf seinen früheren Soloalben seit geraumer Zeit live wie im Studio immer mindestens zwei Sechssaiter unter seinen Begleitern – so auch an diesem Abend.

Floyd weniger Pink

Allerdings kann die Kombination aus Dave Kilminster, Gus Seyffert und Jonathan Wilson, der auch die Gilmour-Gesangsparts übernimmt, Roger Waters' Erzrivalen aus Pink Floyd-Tagen nicht annähernd das Wasser reichen. Daher ist es irgendwie nur konsequent, dass sich der Maestro auf Experimente einlässt und einige ältere Stücke in veränderter Form darbietet.

Teils funktioniert dieser Ansatz sehr gut, wie etwa bei "Time", das durch die zusätzlichen perkussiven Elemente gewinnen kann. Ebenso profitiert "Welcome To The Machine" von einem gitarrenlastigeren Arrangement, das zwar vom Härtegrad nicht an die Queensryche-Version auf "Take Cover" heranreicht, aber live deutlich rockiger daherkommt als das 1975er Original.

Die gesangliche Präsenz und die markanten hohen Noten einer Clare Torry bei "The Great Gig In The Sky" lassen Jess Wolfe und Holly Laessig aber leider vermissen. So dümpelt das Stück eher etwas vor sich hin, statt einen emotional abzuholen, wie es die Urfassung oder auch Gilmours aktuellere Live-Umsetzung tut. Gleiches gilt auch für "Breathe" und "Wish You Were Here".

Schlussspurt vor der "Halbzeitpause"

Das soll nicht heißen, dass es vor der Pause nicht hinreichend Highlights gäbe. "Picture That" von Roger Waters‘ neuestem Album "Is This The Life We Really Want?" etwa fügt sich durch seine stilistische Ähnlichkeit zu "Animals" bestens in den Reigen der Pink Floyd-Klassiker ein, während "Another Brick In The Wall" mit tanzenden Kindern die erste Hälfte der Show versöhnlich abschließt.

Man wundert sich bei Roger Waters nach all den Jahren nur, ob nicht seine Experimentierfreudigkeit bei ihm bisweilen die Oberhand gewinnt und das frühere Korrektiv in Form von David Gilmour fehlt. Letzterem wirft man ja gelegentlich vor, er agiere zu konventionell und zeige sich zu wenig risikobereit. Dafür stehen Gilmours Konzerte dem Geist der Musik von Pink Floyd musikalisch häufig näher.

Menschgewordene Schweine

Roger Waters hingegen reichert seine Show mit vielen politischen Aussagen an – und das durchaus kontrovers. Seine Kritik am aktuellen globalen Geschehen ist häufig weniger inhaltlich problematisch, sondern irritiert durch die Art und Weise, wie er sie äußert. Bei aller berechtigten Kritik an Donald Trump verstört die Art und Weise der Auseinandersetzung mit Sicherheit nicht wenige Zuschauer.

Obwohl sich speziell "Pigs (Three Different Ones)" geradezu für eine Auseinandersetzung mit dem US-Präsidenten anbietet, kommen die Schmähbildchen bisweilen doch zu platt daher, als wollte Roger Waters seine Sicht der Dinge dem Publikum mit dem Holzhammer einprügeln. Es drängt sich die Frage auf, ob er es wirklich nötig hat, sich auf ein derartiges Niveau herabzubegeben.

Tierisch gute Musik

Hinzu kommt, dass die kunterbunten Animationen des entstellten "Führers der freien Welt" streckenweise die eigentliche Musik zu sehr in den Hintergrund rücken lassen. Gerade "Animals", der mit monolithischen Longtracks wie “Dogs“ vielleicht unterschätztesten Platte im gesamten Pink Floyd-Katalog, wäre an dieser Stelle eine etwas andere Inszenierung zu wünschen gewesen.

Dass Waters‘ Kritik am weltpolitischen Geschehen auch besser funktionieren kann, zeigen Passagen im Mittelteil von "Pigs" sowie Teile von "Money", in denen nicht nur Donald Trump sein Fett wegbekommt, sondern diverse andere globale Führungskräfte gleich mit. Ähnliches gilt für die Zitatauswahl des US-Präsidenten, mit deren Hilfe sich der Mann im Weißen Haus mehr oder minder selbst demontiert.

Über das Ziel hinaus geschossen

Erstaunlich ist in diesem Kontext zudem Waters‘ Verzicht auf Material von "Amused To Death", das mit seiner Thematik einer sich selbst zu Tode amüsierenden Gesellschaft wunderbar in den heutigen Zeitgeist gepasst hätte. Denn dass sich zumindest ein Teil seines Solo-Oeuvres wunderbar mit dem Pink Floyd-Katalog ergänzt, beweist das an "Have A Cigar" angelehnte "Smell The Roses" von seinem aktuellen Studioalbum.

Roger Waters war aber schon immer ein streitbarer Charakter. Einerseits muss man ihm das hoch anrechnen. Schließlich gehört er zu denjenigen Künstlern, die sich Gedanken machen und ihre eigene Meinung lautstark vertreten. Dabei schießt er allerdings des Öfteren über das Ziel hinaus. Das macht seine plakative Schmähkritik an Trump auch so ärgerlich: Sie wäre intelligenter möglich gewesen.

Ehre, wem Ehre gebührt…

Ebenso diskussionswürdig ist auch seine kurze Rede vor dem großen Finale "Comfortably Numb", in der er auf die Beendigung der Zusammenarbeit mit ihm seitens des WDR eingeht. Eigentlich wollte die Kölner Rundfunkanstalt nämlich seine Tour präsentieren, zog aber die Förderung zurück, als in einer Petition Unterschriften gegen Waters aufgrund seines BDS-Engagements gesammelt wurden.

Es ist auf alle Fälle begrüßenswert, dass sich das frühere Pink Floyd-Mastermind hierbei auf die Menschenrechte als Grundlage seiner Weltsicht beruft und die aufgetauchten Antisemitismus-Vorwürfe von der Hand weist. Wie sehr man ihm das abnimmt, steht allerdings auf einem völlig anderen Blatt – auch wenn natürlich nicht jeder Israelkritiker gleich automatisch ein Antisemit ist.

Audiovisuelles Gourmetmenü

Versucht man diese Komponente aus dem Konzert des ewig polarisierenden Waters auszublenden (was an sich schon schwierig genug ist), so wird man als Zuschauer mit einem audiovisuellen Spektakel belohnt, das in der zweiten Hälfte des Abends sehr viel stimmiger wirkt. Gerade das Waters-zentrierte "Animals" würde man von einer Gilmour-geführten Band nie zu hören bekommen.

Die optische Komponente an sich dürfte bereits die eine oder andere Gruppe vor Neid erblassen lassen. Während "Money" bewegen sich diverse überdimensionierte Bildschirme in der Mitte der Halle oberhalb des Publikums auf und ab – und zum "Dark Side Of The Moon"-Doppelfinale aus "Brain Damage" und "Eclipse" gibt es die markante Pyramide vom Albumcover als riesige Lasershow.

Keine leichte Kost

Was trotz vieler positiver Aspekte am Ende bleibt, ist ein zwiespältiger Auftritt, den man mit Sicherheit beim weniger kontroversen David Gilmour so nie erlebt hätte. Vermutlich will aber Roger Waters genau dieses Gefühl erreichen. Denn wie er selbst unlängst lautstark bemerkte: Wer leichte Unterhaltung und Alltagsflucht suche, sei bei ihm falsch und solle es lieber mit Katy Perry versuchen.

Setlist

Speak To Me / Breathe (In The Air) / One Of These Days / Time / Breathe (Reprise) / The Great Gig In The Sky / Welcome To The Machine / Déjà Vu / The Last Refugee / Picture That / Wish You Were Here / The Happiest Days Of Our Lives / Another Brick In The Wall, Part 2 / Another Brick In The Wall, Part 3 // Dogs / Pigs (Three Different Ones) / Money / Us & Them / Smell The Roses / Brain Damage / Eclipse // Comfortably Numb

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