Das Kuratorenkollektiv 2017: Fabian Knierim, Kerstin Meincke, Boaz Levin, Florian Ebner, Kathrin Schönegg, Christin Müller

Das Kuratorenkollektiv 2017: Fabian Knierim, Kerstin Meincke, Boaz Levin, Florian Ebner, Kathrin Schönegg, Christin Müller © Lys Y.Seng

Die Biennale für aktuelle Fotografie, früher Fotofestival Mannheim Ludwigshafen Heidelberg, präsentiert mit "Farewell Photography" eine Auseinandersetzung über den Wandel des Genres im digitalen Zeitalter.

Die Biennale für aktuelle Fotografie ist das größte Fotofestival in Deutschland und findet alle zwei Jahre statt. Die wechselnden Kuratoren entwerfen ein übergreifendes Konzept mit dem Ziel, Trends und Tendenzen der zeitgenössischen Fotografie festzuhalten.

Drei Städte, viele Ausstellungen

In jeder der drei Städte in der Rhein-Neckar-Region finden verschiedene Einzelausstellungen statt: In Heidelberg werden Ausstellungen im Kunstverein und der Sammlung Prinzhorn präsentiert, in Mannheim im ZEPHYR – Raum für Fotografie, in der Galerie Port25 und im Wasserturm, während in Ludwigshafen im Wilhelm-Hack-Museum sogar zwei Ausstellungen für die Biennale kuratiert wurden. 

Zudem kann der Besucher selbst entscheiden, was ihm der Ausstellungsbesuch wert ist: anstatt fester Eintrittspreise gilt bei der Biennale erstmals das Pay What You Want-Verfahren. Im Folgenden geben wir euch einen kurzen Überblick über die verschiedenen Ausstellungen.

Ambivalenz politischer Fotografie im Heidelberger Kunstverein

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte und kann somit effektiver als jedes Sprachrohr einer politischen Bewegung sein, sei es als Mittel zum Widerstand oder als Propaganda. Die Ausstellung "Widerständige Bilder: Wie behauptet sich Widerstand – mit Bildern und gegen sie?" im Heidelberger Kunstverein, kuratiert von Boaz Levin, zeigt auf, wie viel Macht ein Bild auf die menschliche Psyche, die eigene Meinung und das politische Empfinden haben kann.

Einige der vertretenen Künstler arbeiten dieses Dilemma auf ziemlich paradoxe und auch ironische Weise heraus: Der kalifornische Künstler Fred Lonidier bedruckte T-Shirts des Unternehmens GAF mit Bildern und Textpassagen, die soziale Ungleichheit anprangern, um eben jenes Unternehmen zu kritisieren. Fotografie erweist sich somit als eine Art Machtspiel – und kann in den falschen Händen ziemlich riskant werden. 

Fotografische Erforschung der Identität in der Sammlung Prinzhorn

Die Ausstellung in der Sammlung Prinzhorn "Wer bist du? Das bist du!", kuratiert von Christin Müller, befasst sich dagegen mit der Definition des Individuums durch fotografische Porträts. Die Lokalität erscheint für dieses Thema perfekt geeignet, denn die Sammlung Prinzhorn stellt für gewöhnlich Werke von Psychatrieinsassen aus einer Zeit aus, in welcher es noch keine Psychopharmaka gab.

Diese zum Uniklinikum Heidelberg gehörige Institution legt somit das Augenmerk auf menschliche Einzelschicksale und nicht auf das Kollektiv. Ein bisschen unglücklich ist die Wegführung gestaltet: Bevor man die Biennaleausstellung besichtigen kann, durchquert man zunächst mehrere Räume der permanenten Sammlung. Abgesehen davon ist das Ausstellungskonzept ästethisch ansprechend gestaltet, da die Kunstwerke durch die Positionierung unter der Galerie und die Ausleuchtung in einem sonst abgedunkelten Raum in Szene gesetzt werden, ohne dass ihnen durch den Ort die Show gestohlen wird.

Ob es sich nun um die Trennung zwischen Individuum und Klischee wie im Werk von Zanele Muholi oder um den Verlust der Individualität wie in den Fotografien von Andrzej Steinbach handelt – die Frage, wie man das eigene Selbst nun gegenüber der Masse abgrenzen kann, steht immer im Raum.

Im ZEPHYR wird unserer Gesellschaft der Spiegel vorgehalten

Viele politische Ereignisse und Traumata unserer Zeit verbinden wir mit Bildern - ein einziger Schnappschuss vermag es, einer politischen oder sozialen Krise ein Gesicht zu verleihen. Doch die Ausstellung "Andere Zeugschaften – Was sagt die Einstellung über die Einstellung?" im ZEPHYR, kuratiert von Florian Ebner, hat sich nicht als Ziel gesetzt, einfach nur solche Bilder vorzuführen, sondern konzentiert sich eher auf die Reaktionen der Menschen.

Doch genau das kann den Besucher ziemlich ins Grübeln bringen: An welchem Punkt kommt der Öffentlichkeit die Empathie für die Opfer der Krisen abhanden? Woher kommt die menschliche Sensationslust und die Gier nach Bildern des Schreckens? Besonders kritisch wird diese Problematik durch die Wandzeichnungen von Emilie Josso hinterfragt, welche die Reaktionen auf die Flüchtlingskrise ad absurdum führen.

Kritische Auseinandersetzung mit menschlicher Selbstdarstellung in Port 25

Das Teilen von Bildern in sozialen Medien haben Fotos zu einer Massenware gemacht, welche die Welt regelrecht überfluten. Manchmal erscheint es fast so, als sei das Leben im Internet eine Parallelwelt geworden, mit der wir uns ständig vergleichen. Kurator Fabian Knierim hat mit "Kein Bild ist eine Insel – Wie prägt das Teilen unseren Umgang mit Bildern?" in Port25 eine Art Rundgang durch die menschliche Psyche gestaltet: Wer sind wir ohne die Identität, die wir uns durch das Internet geschaffen haben?

Der Weg zur Authentizität in der Welt der Massenmedien und ständiger Präsenz auf allen Social-Media-Kanälen erscheint nicht einfach. Die Ausstellung ist eine Gelegenheit, zu reflektieren, ob man sich selbst bewusst in ein Verhältnis zu seiner Präsentation im Internet setzt oder ob man nur ein Opfer des Mainstreams und der Reizüberflutung geworden ist.

Installation im Wasserturm: optisch ansprechend, aber wenig aussagekräftig

Eigentlich wäre der Wasserturm der perfekte Ort für eine Ausstellung unter dem Titel "Gespenstergeschichten". Doch leider stellt sich genau das als Problem heraus: Die Installation von Arno Gisinger ist so sehr darauf ausgerichtet, eine unheimliche Atmosphäre zu erzeugen, dass der Blick des Besuchers von den einzelnen Werken abgelenkt wird und der Eindruck des Gesamtwerks zwar ästethisch ist, aber oberflächlich bleibt.

Über das Wesen der Fotografie: Ausstellungen im Wilhelm-Hack-Museum 

Im Wilhelm-Hack-Museum werden zwei Ausstellungen präsentiert, die sich mit dem Schaffensprozess des Fotografierens aus künstlerischer Sicht befassen: Kuratorin Kathrin Schönegg geht mit "1x1 der Kamera. Was verspricht und was verfehlt das Material?" besonders auf Materialien und die einzelnen Arbeitsschritte bis hin zum Kunstwerk ein. Besonders interessant anzusehen ist hier die Werkskizze von Sara Cwynar. 

"Das stille Bild verlassen: Wie hoch, breit, tief und wie flexibel ist ein Bild?", kuratiert von Christin Müller, widerspricht den Ansprüchen und Konventionen, die Betrachter mit Fotografien verbinden: Die Zweidimensionalität wird durch räumliche Installationen und optische Täuschungen infrage gestellt, wie zum Beispiel durch die Werkinstallation "Sedimentaçiones" von Oscar Muñoz und die Videoproduktion "Treppe" von Sebastian Stumpf.

Insgesamt überzeugt das Fotofestival durch ein sehr stimmiges Gesamtkonzept und sehr ästhetisch gestaltete Einzelausstellungen. Aus gesellschaftspolitischer Sicht ist sicher die Ausstellung im ZEPHYR ein Hightlight, während das Wilhelm-Hack-Museum besonders für diejenigen, die selbst Kunst produzieren, einen Besuch wert ist. 

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