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Augustines (live auf der Seebühnenregatta in Mannheim, 2015) © Alex Schäfer

Freunde gemäßigter Sprache sollten ab hier nicht weiterlesen. Der folgende Artikel enthält Superlative in hoher Frequenz. Anders kann man den Auftritt der Augustines im Karlstorbahnhof Heidelberg nicht beschreiben.

Am Ende will eigentlich niemand aufhören. Nicht die Band, die in voller Akustik-Klamotte mitten im Publikum steht und auf Cajón, Gitarre, Trompete und Fußboden mit aller noch verbleibenden Kraft abliefert.

Und auch nicht besagtes Publikum, das mit nicht weniger Herzblut bei der Sache ist und im Kreis um die Band den Chorus mitschmettert, -trällert und -singt. Wir sind Zwerge auf den Schultern von musikalischen Riesen.

Je Honk, desto besser

Doch drehen wir zum besseren Verständnis die Berichterstattung zurück zum Anfang. Es ist der 28. September 2016 im herbstlichen Heidelberg. Eine große Menge Menschen hat sich im Karlstorbahnhof zwecks Ansichtigwerden der amerikanischen Band Augustines (ehem. We Are Augustines) versammelt. Der Schuppen dürfte nahezu ausverkauft sein.

Bevor aber der Hauptgang aufgetischt wird, betritt die Einmannkapelle Jakob Mayer die Bühne. Der Wahl-Mannheimer bedient sich einer Gitarre, einer Looping-Station, eines Synthies und seiner Stimme. In seinen Liedern wirft er einen ironischen, ja beinahe schon zynischen Blick auf Entwicklungen und Trends der Generation Irgendwas-mit-Medien und macht dabei erstaunlich viel Spaß.

"...und am Schluss spül ich mir den Darm aus..."

Mit seiner trockenen Art, seiner Mischung aus beinahe schon skurillen Texten und dem offensiven Einsatz von Synthie und Loop wirkt der Künstler dabei stellenweise wie eine Mischung aus den Elektropop-Veteranen von Mediengruppe Telekommander und Querkopf Peter Licht. Und ja, diese Beschreibung ist als Kompliment gemeint.

Obwohl Jakob Mayer eine mehr als ordnungsgemäße Darbietung abgibt, springt der Funke nicht gänzlich auf das Publikum über. Zu groß ist der Unterschied zwischen Vorband und Hauptgruppe des Abends, als dass wirkliche Begeisterung entstehen würde. Dennoch lässt sich der Saal auf Call-and-Response ein. Der Künstler überzeugt in jedem Fall mit seinem gut zwanzig Minuten langen Set.

Keine halben Sachen

Nach einer halben Stunde erlischt das Licht im Saal erneut und es erklingt ein wärmendes Harmonium vom Band. Mittlerweile hat auch der letzte notorische Raucher seinen Weg ins Innere gefunden, so dass die Stimmung im Karlstorbahnhof mehr als gespannt ist. Unter begeistertem Applaus beginnt das letzte Konzert der Augustines in Heidelberg.

Von Anfang an ist klar, dass dem Publikum hier kein routinierter Gig bevorsteht. Die Dynamik innerhalb der Band sollte auch einem zufällig anwesenden Stein ersichtlich werden. Nachdem zunächst Sänger Billy McCarthy allein im Rampenlicht steht, folgt nach einem Solostück der Rest der Band und greift in Saiten, Trompetentasten und Schlagfelle.

Das letzte Mal

Erst Anfang September hatte die Band, die sich 2010 um McCarthy und Eric Sanderson gebildet hatte, bekannt gegeben, dass dies die letzte Tour der Augustines sein wird. So traurig diese Nachricht auch für eingefleischte Fans und Gelegenheitshörer gleichermaßen ist, verhilft dieser Hintergrund dem ganzen Konzert aber doch zu einer aufgeladenen Nach-uns-die-Sintflut-Stimmung.

Das Publikum braucht zwar zwei bis drei Lieder, um das Potential dieser Stimmung voll auszuschöpfen, spätestens dann aber bricht sich die Begeisterung Bahn. Die Augustines kreieren mit ihren Liedern und vor allem der mal brachialen und mal verletzlichen Stimme McCarthys eine wundersame Atmosphäre, der sich zu entziehen nahezu unmöglich ist.

"We’re not gonna stop"

Besonders die Stücke vom Juni 2016 veröffentlichten "This Is Your Life" zeichnen sich durch kraftvolle Riffs und eine generelle Tauglichkeit zum Stadionrock aus. Überhaupt versprühen die Augustines eine ungeahnte Bühnenenergie. Diese Präsenz wirkt vor großem Publikum – wie beim gemeinsamen Konzert mit Noel Gallagher’s High Flying Birds in London – ebenso mitreißend wie in der familiären Kuscheligkeit des Karlstorbahnhofs.

Man merkt keine Sekunde, dass die Band gerade erst mit ihrer umfassenden Europa-Tournee begonnen hat. Jeder Handgriff sitzt, jeder Ton klingt. Dennoch wirkt das Bühnengeschehen keineswegs routiniert, im Gegenteil. Die Dynamik innerhalb der Band wirkt ungezwungen und gelöst, von Abschiedsschmerz keine Spur. Lediglich in die Ansagen mischt sich hier und da eine Spur Melancholie.

Die volle Bandbreite

Prinzipiell ist der Draht der Augustines zum Publikum hervorzuheben. Sänger McCarthy kennt keinerlei Berührungsängste, wundert sich beispielsweise über die hierzulande verbreiteten Flachspül-Toiletten. Den aktuellen US-Wahlkampf, bzw. Donald Trump reißt er nur für eine Sekunde an, möchte damit aber offensichtlich nicht die Stimmung vermiesen. Dennoch lässt sich ein Zusammenhang zwischen den beiden Themen nicht ganz von der Hand weisen.

Beinah konträr zu dieser Flapsigkeit klingen die ruhigen und teilweise nur mit Akustik-Gitarre vorgetragenen Stücke, wie etwa "Philadelphia (The City of Brotherly Love)". Einen vorläufigen Höhepunkt bietet sicherlich das völlig acapella vorgetragene "Running in Place", bei dem sich auch dem hartgesottensten Fan eine heimliche Träne davonstiehlt.

Mein Name ist Legion

Nicht zuletzt das Publikum trägt zu dem erfolgreichen Konzert bei. Sei es durch Mitklatschen, Mitsingen oder generelle Begeisterungsbekundungen, ist jede Person im Saal für diesen Abend Teil der Band. Stellenweise stampft der vordere Teil der Menge kraftvoll im Takt und macht sich somit den abgedeckten Bühnengraben zunutze. Die Resonanz ist gewaltig, hat beinahe etwas Schamanisches.

Nach gut zwei Stunden und zahlreichen "This is the last song"-Lügen folgt dann aber wirklich das letzte Lied des Abends. Nur mit Akustik-Gitarre, Cajón und Trompete bewaffnet verlassen die Augustines die Bühne und bewegen sich mitten in den Saal, umringt von Fans, umringt von Freunden. Anschließend erfolgt ein letzter Abschied von der Bühne. Eine Reise geht zu Ende. Die Erinnerung an diesen Abend nimmt aber wohl jeder mit nach Hause.

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