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Archie Shepps's Attica Blues (live in Ludwigshafen, 2015) © Alexander Schäfer

Im ausverkauften BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen setzt Archie Shepps Attica Blues Orchester den bedrückenden Nachrichten der letzten Tagen jede Menge positive Energie entgegen und liefert genau das, was alle dringend nötig haben.

Das Abschlusskonzert von Enjoy Jazz 2015 steht unter dem Eindruck der entsetzlichen Terroranschläge in Paris, insbesondere für Archie Shepp, der seit langem in Paris lebt und seine Musiker, die am Morgen direkt aus der französischen Hauptstadt angereist sind.

Eine Absage des Konzerts war durchaus denkbar, man kann nur froh sein, dass es nicht so gekommen ist und dass Archie Shepp und sein Orchester dem Terror etwas Kostbares entgegensetzen.

Mit großem Gefolge

Sein Orchester besteht aus nicht weniger als 25 Musikern: Vier Trompeter, vier Posaunisten, fünf Saxophonisten, ein Streichquartett, drei Sängerinnen, Bass, Gitarre, Keyboard und Schlagzeug, dazu Shepp selbst an Alt- und Sopransax. In der Mehrzahl handelt es sich um junge französische Musiker, aber mit Drummer Don Moye ist auch ein Veteran des afro-amerikanischen Jazz vertreten. Der Schlagzeuger, bekannt von seiner Arbeit mit dem Art Ensemble of Chicago, zeigt sich an diesem Abend in bestechender Form und erhält von den Zuschauern den meisten Applaus. Dazu kommt als "special guest" Rapper Yasiin Bey, besser bekannt als Mos Def.

Der Name Attica Blues spielt auf Archie Shepps gleichnamiges Album aus dem Jahre 1972, das ebenfalls in großer Besetzung aufgenommen wurde und inhaltlich den blutig niedergeschlagenen Gefängnisaufstand im Attica State Prison im Bundesstaat New York thematisiert. Angesichts der andauernden Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner in den USA handelt es sich immer noch um ein aktuelles Thema.

Ernstes Thema, mitreißende Aufarbeitung

Wer aber glaubte, dass die traurigen Vorzeichen und die ernste Thematik für eine melancholische Stimmung sorgen würden, sah sich eines Besseren belehrt. Das Konzert nimmt einen positiven, zeitweise fast fröhlichen Verlauf. Sogar Archie Shepp, der bisweilen Züge eines Grantlers trägt, lächelt immer häufiger, je weiter das Konzert voranschreitet. 

Dafür sorgt das exzellente Orchester, das immer wieder schöne Akzente zu setzen vermag, sei es durch begeisternde Soli oder durch wunderbares Ensemblespiel. Der Gesang, häufig ein Problem in solchen Projekten, ist meistens passend, wenngleich das kitschige "Ballad For A Child" durch nichts zu retten ist. Wirklich erfreulich sind die Beiträge von Yasiin Bey, der mit seinen fast sanften, außerordentlich melodischen Raps sehr gut zum souligen Saxophonspiel von Archie Shepp passt und auch dank seiner lyrischen Kreativität überzeugt.

Der Meister thront über allen

Archie Shepp spielt die Rolle des Grandmasters, der über seine Gefolgsleute wacht. Seine Bewegungen spiegeln sein Alter wider und auch der Ton seines Saxophonspiels ist nicht mehr so kraftvoll wie früher. Der Applaus auf seine Soli ist eher verhalten, so dass sein Dirigent eingreifen muss, um das Publikum zu mehr Beifall zu animieren. Allerdings steigert sich Shepp im Lauf des Konzerts, das ihn auch verschiedentlich zum Gesangsmikro greifen lässt. 

Während das Programm mehrheitlich aus Kompositionen des originalen Albums besteht, sind sie doch komplett neu arrangiert, dass man sie nicht unbedingt auf Anhieb erkennt. Die Arrangements erinnern stärker an "klassische" Big-Bands wie Duke Ellingtons berühmtes Orchester statt an die Genre-Experimente der 1970er – und das ist auf jeden Fall positiv.

Die Zusammenarbeit mit Musikern, die seine Söhne oder Enkel sein könnten, ist ebenfalls eine gute Idee, sorgt sie doch dafür, dass der Saal mit kraftvoller Musik durchdrungen wird. Am Ende sitzt kaum noch jemand auf seinem Platz, alle Zuschauer stehen, applaudieren und feiern die Musiker mit nicht endend wollendem Applaus. Es war schlichtweg das richtige Konzert zum richtigen Zeitpunkt.

Setlist

Quiet Dawn / Blues For Brother George Jackson / Arms / The Cry Of My People / Steam / Come Sunday / Mama Too Tight / Ballad For A Child / Good-Bye Sweet Pops / Ujaama / Déjà Vu / Attica Blues 

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