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Mit Spott, Häme und drei Akkorden in den dritten Advent: Die wiedervereinigte Terrorgruppe spielt mit Unterstützung von Radio Havanna und Lulu und die Einhornfarm eine hitlastige Comeback-Show im Schlachthof Wiesbaden.

Vor zehn Jahren ging die Terrorgruppe zum ersten Mal auf "Rohe Weihnachten"-Tour, ein Jahr später löste sie sich überraschend auf. In den zwölf Jahren zuvor erspielten sie sich einen Bekanntheitsgrad, durch den sie – ähnlich wie WIZO – für viele Jugendliche zum nächsten Schritt Richtung Punk nach den Ärzten oder den Toten Hosen wurden. Das macht durchaus Sinn: Wo die Respektlosigkeit der Ärzte, mit denen sie 1995 eine gemeinsame Split-EP veröffentlichten, ihre Grenzen findet, fängt die der Terrorgruppe an.

Beim diesjährigen Ruhrpott Rodeo Festival feierten die Berliner ihr Live-Comeback, eine neue EP folgte. Doch ehe die Reunion-Show den Schlachthof erreichen sollte, betraten zwei andere Bands aus der Hauptstadt die Bühne. Als erstes Lulu und die Einhornfarm, ein Nebenprojekt der The toten Crackhuren im Kofferraum. Deren Sängerin singt gerne über männliche Geschlechtsteile und Bier, reiht sich also nahtlos in die Proll-Funpunk-Tradition von Bands wie den Lokalmatadoren ein.

Penisse, Pathos, Punk

Interessant daran ist, dass diese männliche Domäne hier von einer Frau angegangen wird. Sich über die Show eine genauere Meinung zu bilden, ist im zu diesem Zeitpunkt noch eher mäßig gefüllten Schlachthof allerdings schwer. Die Gitarre ist überpräsent, der Gesang kaum zu verstehen. Zu allem Überfluss muss sich Lulu dann auch noch mit sexistischen Kommentaren aus dem Publikum auseinandersetzen.

Die pariert sie zwar souverän, doch fragt man sich, ob Radio Havanna das mitgekriegt haben, als sie bei ihrem Auftritt den Saal loben, weil hier ein Raum frei von Homophobie, Rassismus und Sexismus geschaffen worden sei. Schlechte Nachrichten, Jungs: Da haben wir noch einen weiten Weg vor uns, und leider ist gerade die Punk-Szene immer noch sexistischer und homophober als das viele wahrhaben wollen.

Pathos-Poesie von Radio Havanna

Die Wahl-Berliner Radio Havanna haben mit keinen Soundproblemen zu kämpfen, ihre Texte sind gut verständlich. Zum Beispiel: "Das Atmen fällt mir schwer / Die Herzkammern sind nie leer / Für eine Nacht unsterblich / nur mit dir". Das ist genau die Art von Pathos-Poesie, von der die deutschen Charts seit Jahren überfüllt sind.

Der Großteil der Songs ist plakativ und politisch motiviert, die Hooks mitgrölbar. Zumindest schaffen sie es, Die Prinzen zu covern, ohne darin in peinliche Ironie zu verfallen, weil "Alles nur geklaut" als kapitalismuskritisches Stück in das Restprogramm eingebettet wird.

"Beschimpft uns!"

Umso erfrischender wirkt da die rotzfreche Terrorgruppe, die schließlich die Bühne des inzwischen gut gefüllten Saales betritt. Die Zeilen "Deutschland schafft sich ab / Dann ist ja alles gut" eröffnen das Konzert in Anspielung auf Thilo Sarrazins fremdenfeindlichen Bestseller. "Na endlich!" bleibt der einzige Song der neuen EP "Inzest im Familiengrab", der Rest der Setlist besteht nahezu ausschließlich aus den alten Hits von Alben wie "Musik für Arschlöcher" oder "Melodien für Milliarden".

Es erklingen "Sabine", "Keine Airbags für die CSU" und andere Songs, deren Textzeilen man sich einst wahlweise auf die Lederjacke oder das Schulmäppchen geschmiert hatte. Die Gags haben sich in den neun Jahren Abwesenheit kaum verändert. Noch immer besteht Archie "MC Motherfucker" Alert darauf, dass ein von der Bühne gerufenes "Seid ihr alle gut drauf?" grundsätzlich mit Beschimpfungen zu quittieren sei (Diesmal: "Fick dich, du Fick!"), und überhaupt habe das Publikum seinen Hass auf die Band zu projizieren.

Selbsthass in Punk-Tradition

Dieser Humor ist nicht so flach, wie man meinen könnte. Er spielt darauf an, wie Punk sich in den Siebzigerjahren anschickte, mit der Idolisierung von Rockstars zu brechen. Das äußerte sich in England etwa darin, dass es auf Punkkonzerten zum guten Ton gehörte, die Musiker zu bespucken. Dementsprechend stellt sich Sänger Archie dann auch an den Bühnenrand, auf dass der Speichel fliege.

Der Band macht es im Verlauf der weiteren Show gehörigen Spaß, das Publikum vorzuführen. Ständig fliegen Gegenstände auf die Bühne. "Ihr seid aber hart hier in Wiesbaden. Mich hat jemand mit Taschentüchern beworfen!", bemerkt Gitarrist Johnny Bottrop an einer Stelle. Es ist eine der Stärken der Terrorgruppe, dass ihre Respektlosigkeit vor nichts halt macht: Nicht vor sich selbst und auch nicht vor dem eigenen Publikum.

Prolliger Humor gegen prollige Ansichten

Auch der bereits erwähnte Missstand, dass auf Punkkonzerten mit dem hohen Testosteronaufkommen oftmals hässliche Einstellungen einhergehen, wird mit einem Mittelfinger bedacht. Vor "Neulich Nacht", einer ohrwurmlastigen Pop-Punk-Nummer über die Neugier, sexuell mit dem gleichen Geschlecht zu experimentieren, etwa. Da wirft Archie den Kommentar "Die Fans von Eintracht Frankfurt sind latent homosexuell!" in den Raum, und wartet die Unruhe derer im Publikum, die sich davon beleidigt fühlen, einige Sekunden ab, ehe er grinsend hinzufügt, dass das auch gut so sei.

Dem ging die Empfehlung Johnny Bottrops voraus, dass diejenigen, die ein Problem mit der Liebe haben und sich eher vom Hass angezogen fühlen, es doch mal mit gleichgeschlechtlicher Liebe probieren sollten. So ruppig der Humor der Berliner auch ist: Er richtet sich in der Regel gegen die richtigen Feindbilder.

Punkrock für Teenager

Pubertär ist das oft, subtil eigentlich nie. Manche Songs und Gags fallen auch einfach nur flach. Die Terrorgruppe wird eben auch nicht ganz ohne Grund in der Punk-Szene immer wieder mal als "Kiddie-Band" verurteilt. Doch die Geschichte des Punk ist voll mit Bands, die sich bewusst als Gegenkultur für Teenager begriffen. Diese Entwicklung begann bereits bei den Sex Pistols und den Ramones. Zur Slacker-Hymne "Rumhängen" sind dann auch Bilder der Bandmitglieder als Teenager auf der Leinwand hinter der Bühne zu sehen.

Das Publikum lässt diese Attitüde gerne über sich ergehen. Die Stimmung ist mehr als ausgelassen, dem Pogo ist in den ersten Reihen kaum zu entgehen. Das zeugt von guter Ausdauer: 28 Songs werden gespielt, der Auftritt dauert zwei Stunden. Zur Zugabe gibt Johnny Bottrop mit "Adolf Hitler (dem sein Bart)" seine "Kollaboration mit Bertolt Brecht" zum Besten. Mit "Namen vergessen" und "Wir müssen raus" folgen noch zwei der populärsten Songs, dann ist Schluss. "Bis nächstes Jahr!", ruft Archie zum Abschied und wird dafür doch noch beklatscht statt beschimpft.

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