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Impressionen vom 5. Mannheimer Brückenaward, 2014 © Daniel Nagel

Traditionsgemäß zeigte der Mannheimer Brückenaward auch 2014, was die Underground-Szene der Quadratestadt fernab vom "Mannheimer Modell" so alles leisten kann. Unter der Eisenbahnbrücke am Neckar feierten 700 Besucher ein Festival mit viel Musikvielfalt, auch abseits der Gitarrenfraktion. Nicht ganz zur Freude einiger Puristen.

Zum fünften Mal lud der Mannheimer Brückenaward unter die Eisenbahnbrücke am Neckar. Während wie auch in den Jahren zuvor über den Köpfen der Besucher Züge rollten, auf dem Wasser Schiffe mit erstaunten Binnenschiffern fuhren und von der andern Seite des Flusses Techno-Beats vom Hafen 49 hinübertropften, brach das Brückenaward-Team mit Traditionen: Musikpuristen der Gitarrenfraktion wurden verprellt!

Lieder aus dem Wohnzimmer im Grünen

Zuerst musste der Abend aber erstmal losgehen, und das tat man ganz ruhig: Günther, einigen besser bekannt als Songs From The Living Room, startete den Brückenaward 2014 mit entspannten Songs, zuerst allein und dann mit Unterstützung einer Band.

Etwas Dinosaur Jr.-Gitarre, dazu eine Prise Country und etwas Wilco und fertig war der perfekte Opener für ein kleines Festival am Neckar. Der alte Projektname "Songs From The Living Room" wäre dabei vielleicht passender gewesen, denn das Publikum machte es sich zur Musik mit Decken auf der Neckarwiese so gemütlich, als wären sie daheim im eigenen Wohnzimmer.

Unmissverständlich: Monopeople

Birds in Chaos wurden darauf dann schon etwas lauter. Die Band macht alternativen Post-Rock und leider genauso wenig aussagekräftig wie diese Genre-Bezeichnung kam auch der Auftritt der Mannheimer daher: Solide, aber die Musik hatte man nach dem Auftritt auch schnell wieder vergessen.

Gänzlich unmissverständlich waren dagegen Monopeople. Das Krachduo aus Trier trumpfte mal wieder mit monströsem Schlagzeug und dem Bass auf, der wie ein laufender Motor klingt. Ein Raw Power-Weckruf am Samstag Nachmittag, den das bisher noch recht gemütliche Publikum auch brauchte. Großes sollte folgen!

Wilde Fahrt mit der Schnulzen-Grindcore-Noise-Achterbahn

Spätestens jetzt begann die wilde musikalische Achterbahnfahrt beim Brückenaward. Von Grind- und Hardcore über Noisepop bis hin zu Schlager (!) ging es unter der Neckarbrücke im Stundentakt, bestimmt auch zum Ärgernis einiger Musikpuristen. Besonders im Fokus stand dabei Dagobert, der "Schnulzensänger aus den Bergen".

"Ich bin verstrahlt" sang er in die Nacht am Mannheimer Neckar und spaltete das Publikum. Mit riesiger Sonnenbrille, Reitstiefeln und in schwarz gehüllt stand Dagobert auf der Bühne, unterstützt von seiner Band, und haute Schnulze um Schnulze raus. Wer bei "Santa Maria" eher an irgendeine Südseeinsel dachte als an Roland Kaiser und mit Schlager wenig am Hut hat, wunderte sich über den Auftritt des Schweizers auf dem Brückenaward.

Spaltungen im Untergrund

Dagobert zog derweil auf der Bühne sein Programm durch und profitierte von seiner neuen Band. Wo bei früheren Auftritten noch Plastiksound aus der Konserve im Hintergrund lief, sorgten jetzt echte Instrumente für mehr Dynamik.

Dennoch gefällt die Musik nicht jedem: vereinzelte Buh-Rufe, Kopfschütteln oder einfach nur ungläubiges Staunen mit einem leichten Grinsen waren die einen Reaktionen auf Songs wie "Ich bin zu jung", "Für immer blau" oder "Ich mag deine Freunde nicht". Auf der anderen Seite feierten vor der Bühne viele genau diese Titel und sangen lauthals mit – der Underground spaltete sich. Wer sich darauf einließ, hatte eine Menge Spaß.

Eine SMS an die rote Sporthose

Vor Dagobert standen Entrails Out! auf der Bühne und hauten dem Publikum des Brückenawards die Grindcore-Keule über den Kopf. Die Songs der Kapelle sind so lang und tiefgreifend wie ihre Titel ("SMS", "Satan Is Breaking Up My Party"). Ein Kontrast zum übrigen Programm des Abends, auch optisch: Die kurze, leuchtend rote Turnhose aus längst vergangenen Schulsportzeiten von Sänger Rocko Da-Grind werden noch lange in Erinnerung bleiben. Entrails Out! veröffentlichten im März ihr aktuelles Album "Am Puls Der Zeit". Die 20 Minuten Zeit dafür sollte man sich nehmen.

Nach dem Schlagertod der Musikpuristen kam dagegen der nahtlose Wechsel zu "echter" Gitarrenmusik. Das Duo Andalucia aus Münster hielt sich nicht mit "schubidus" oder säuselnden Melodien auf: Gitarre und Schlagzeug, beides sowohl minimal als auch brachial, mussten reichen. Dazu gab es unverständlichen Gesang, der ins Genöle abdriftete und mehr Sound als Text war. Das alles war am Anfang ganz ordentlich, wurde nach dem vierten Song aber schnell eintönig.

The Tidal Sleep und ihre "Vorstellungskraft"

Plötzlich ging es dem Ende entgegen. The Tidal Sleep waren nicht nur letzte Band, sondern neben Dagobert auch der andere inoffizielle Headliner des Abends. Erst vor kurzem veröffentlichten sie ihre zweite Scheibe "Vorstellungskraft". Mit dem Auftritt auf dem Mannheim Brückenaward wurde diese auch in einer ihrer vielen Heimatstädte vorgestellt (die Bandmitglieder verteilen sich auf ganz Deutschland).

"Vorstellungskraft" wurde bei Erscheinen hochgelobt, und das auch zurecht: Die musikalische Weiterentwicklung der Band, die auf ihrem Debüt noch typisches Hardcore-Genudel abgezogen hat, ist enorm. Live hingegen bot sich ein anderes Bild: The Tidal Sleep spielten solide, aber nicht aufregend. Dem Brückenaward-Publikum wurde das typische Hardcore-Programm angeboten, wobei die Energie von "Vorstellungskraft" ein wenig flöten ging.

Jahr für Jahr lockt der Brückenaward ein immer größeres Publikum unter die Eisenbahnbrücke an den Neckar. Hier trifft sich nicht nur die Mannheimer Underground-Szene, sondern auch Musikfans aus ganz Deutschland, die erleben wollen, dass Mannheim auch jenseits der Popakademie ein lebendiges musikalisches Leben zu bieten hat. Zum Glück: das wäre ansonsten nämlich furchtbar öde.

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