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Impressionen vom Samstag (Maifeld Derby in Mannheim, 2014) © Markus Biedermann

Frühsommerliche Wärme und Sonnenschein erwartete die Besucher am Samstag und Sonntag auf dem Maifeld Derby. Entspannt und gut gelaunt begaben sie sich auf musikalische Entdeckungsreise, die zahlreiche Highlights zu bieten hatte, darunter Get Well Soon, Warpaint und St. Vincent. Aber auch unbekannte Bands sorgten für erfreuliche Eindrücke.

"If you’re going to Maifeld Derby be sure to wear some flowers in your hair", so oder so ähnlich sang bekanntermaßen schon Scott McKenzie. Blumenkinder sind jedenfalls zuhauf zu finden am Derbysamstag. Blumenkränze im Frauenhaar, wohin das Auge blickt. Auch sonst machte der Wonnemonat mal ausnahmsweise seinem Namen alle Ehre, so dass das Gelände bereits früh am Samstag gut gefüllt war.

Musik für Ohren und Beine

Im schwummrig-düsteren Palastzelt haben sich trotz der frühen Stunde einige Neugierige eingefunden, um einen Blick auf Moscow Metro zu werfen. Mit ihrem Sound irgendwo zwischen Editors und Interpol erfinden die vier Iren das Rad sicher nicht neu, doch die post-punkigen Songs gehen ins Ohr und wichtiger noch – ins Bein.

Aus dem Zelt gekommen, haben die Augen gerade noch Zeit, sich wieder an das Licht zu gewöhnen, während Mozes and the Firstborn schon mit garagigem Rocksound, einer Prise Stoner und jeder Menge Pop-Appeal das Zepter in die Hand genommen haben.  

James Hersey: Sonne und gute Laune

Einen Steinwurf von der Fackelbühne bereiteten sich derweil Buddha Sentenza auf ihren Maifeld-Einstand im Brückenaward-Zelt vor. South Western Lower Valley Rock lautet die Devise bei den Heidelbergern – übersetzt heißt das so viel wie grooviger, instrumentaler Stonerrock mit einer ordentlichen Prise Psychedelica mit Jam-Charakter, bei dem die Zeit im Nu verfliegt.

Auf James Hersey hatten die Festival-Macher im Vorfeld große Hoffnungen gesetzt. Er passe perfekt zum diesjährigen Derby, weil es nach drei Jahren einfach mal klappen müsse mit dem Sonnenschein. Hoher Druck lastete also auf dem 24-Jährigen, doch siehe da: Der Plan ging auf, die Sonne regierte unangefochten. Musikalisch servierte der Österreicher mit amerikanischen Wurzeln zusammen mit seinen Mitstreitern an Gitarre und Schlagzeug eine (Wiener) Melange aus Funk, Pop, Indie und guter Laune.

EMA: tanzbar, aber etwas verkrampft

French Nails – was so harmlos nach Maniküre klingt, hat es ganz schön in sich. Die Landauer prügeln sich mit viel Herzblut durch ein intensives Hardcore-Set, das an Emotion und Intensität und – ja, tatsächlich – Melodie nichts zu wünschen übrig lässt.

EMA wiederum hätte das Halbdunkel im Palastzelt wohl auch ganz gut zu Gesicht gestanden. Der düster-elektronische Sound von Erika M. Anderson wirkte bei Tageslicht etwas befremdlich, doch zum Glück hatte die Sonne just in dem Moment ein Einsehen und versteckte sich vorübergehend. Die Künstlerin, die momentan in aller Munde ist, stellte nicht sich, sondern die Musik in den Vordergrund. Und die war dank virtuoser Mitmusiker hör- und durchaus auch tanzbar, wenngleich die Performance von Frau Anderson stellenweise etwas verkrampft wirkte.

Wer danach Bock hatte, sich den Kopf mal richtig durchblasen zu lassen, konnte das mit Wall tun. Die Kölner machten ihrem Namen alle Ehre und bauten mit gleich drei Gitarren eine mehr als solide Lärm-Mauer. Wer sich nicht von der immensen Lautstärke abschrecken ließ, bekam ein kleines Highlight serviert, das sicher mehr Zuschauer verdient gehabt hätte.

Pond: fast wie Tame Impala

Pond teilen sich unter anderem drei ihrer Mitglieder mit den Psychedelic-Rockern von Tame Impala. Die haben sich Pond offenbar zur Spielwiese erkoren, um den Sounds zu frönen, die der Hauptband zu abgefahren sind. Das schützt zwar (leider) auch vor allzu großer Eingängigkeit der Songs, dennoch macht es Spaß, den Jungs zuzuhören.

Mal verfrickelt, mal punkig, mal krautig-versponnen gniedeln sie sich mit vollem Einsatz durch ihre Setlist. Gemeinsam genießt man die letzten Abendsonnenstrahlen und lässt sich von der australischen guten Laune tragen.

Weitaus düsterer, aber dafür umso beeindruckender gerät der Auftritt von SOHN im Palastzelt. Der in Wien lebende Londoner singt mit ungreifbarer, aber ausdrucksstarker Stimme seine minimalistischen elektronischen Kreationen und erntet dafür begeisterten Applaus des Publikums.

Get Well Soon: bombastisches Heimspiel

Nicht kleckern, sondern klotzen, dachten sich Get Well Soon. Schließlich hat sich schon der Auftritt der Mannheimer beim Premieren-Derby 2011 für bleibende Eindrücke gesorgt, diese noch einmal zu toppen, schien schwer. Doch wer Konstantin Gropper & Co. kennt, weiß, dass die Vollblutmusiker für solche Fälle immer noch ein Ass im Ärmel haben.

So wurde für den Samstagabend die ohnehin schon beeindruckende Anzahl an Musikern noch einmal um einen Bläser- und Streichersatz aufgestockt und der Bandname mit dem Zusatz "& le grand ensemble" versehen. In der Tat "grand", um nicht zu sagen grandios war der Auftritt zur Prime Time. Abgesehen davon, dass sich dem Zuschauer alleine schon aufgrund der Musikermenge ein atemberaubendes Bild bot, ließ sich auch der Sound schwerlich anders umschreiben, als mit bombastisch.

Den Musikern merkte man die Freude über das Heimspiel an, und dem Ganzen entkommen konnte man ja dank SAP-Marathon sowieso nicht, wie Gropper treffend feststellte. Sei’s drum. Weg wollte eh niemand. Einen Extraapplaus gab es verdientermaßen für Basser und Festivalinitiator Timo Kumpf, der von so viel Zuwendung sichtlich geplättet war.

Die Instrumental-Post-Rocker Watered aus Karlsruhe nahmen das Derby zum Anlass, ihrer Deutschlandtour das Krönchen aufzusetzen. Das Brückenaward-Zelt gut gefüllt, der Sound zwar laut, aber sauber abgemischt – die Rahmenbedingungen stimmten, und die vier holten noch einmal alles aus der Reserve, was noch unter irgendwelchen Sitzbänken im Tourvan zu finden war.

Im zweiten Teil: der Abschluss des Samstags mit Warpaint und die Highlights des Sonntags mit Temples und St. Vincent.

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Warpaint: Reise in andere Sphären

Auf Warpaint hatten wohl die meisten Derbybesucher am Samstag gewartet. Spätestens seit dem Erfolg des Anfang 2014  erschienenen, selbstbetitelten zweiten Albums sind die "new queens of the underground" (NME) in aller Munde. Die Mischung aus Dream Pop, Post-Punk und Shoegaze entfaltet live eine ganz besondere Atmosphäre: Jenny Lee Lindbergs hypnotische Basslinien und das rhythmisch ebenso komplexe wie anspruchsvolle Schlagzeugspiel von Stella Mozgawa bilden die Basis, über die Emily Kokal und Theresa Wayman ihren flimmernden Gitarrenteppich weben.

Der oft mehrstimmige, ätherisch wirkende Gesang tut das Übrige, um das Publikum für die nächsten anderthalb Stunden in andere Sphären zu transportieren. Manche Songs überzeugen eher durch die monotone Atmosphäre, als durch ausgefeilte Komposition oder eingängige Hooklines. "Undertow" sticht da beinahe schon heraus, ebenso wie David Bowies "Ashes to Ashes".

Entspannung am Sonntag

Fazit des zweiten Festivaltages: Der Mai hielt endlich mal das, was ihm gemeinhin nachgesagt wird, das Feld war dementsprechend trocken und Derby-Stimmung kam spätestens beim Heimspiel von Get Well Soon auf. Ansonsten: Seifenblasen, Staub und Sonnenschein. Sonntags ging es dann etwas entspannter zu.

Statt zwischen vier musste man sich nur noch zwischen zwei Bühnen entscheiden, die praktischerweise abwechselnd bespielt wurden. So stand einem entspannten Festivalmittag nichts im Weg.

Girls in Hawaii: große Melodien

Beim Auftritt von Spring Offensive kam sicher bei einigen Zuschauern die Frage auf, ob Lucas Withworth irgendwo eine eingebaute Kühlung versteckt hat. Der Sänger muss jedenfalls unter seinem Sakko ganz schön geschwitzt haben, was ihn aber nicht von spontanen Tanzeinlagen abhielt. Tanzbare Beats und eine leichte Grundmelancholie in den Songs sorgten für einen guten Start in den Nachmittag.

Dass Belgien einige gute Exporte in Sachen Indie zu bieten hat, ist bekannt. Zu dEUS, Triggerfinger & Co. gesellen sich bereits seit einigen Jahren Girls in Hawaii. Sechs Jungs, große Melodien, verzerrte Vocals, die sich mit mehrstimmigem Gesang abwechselten, und der Einsatz von teilweise vier Gitarren spornten das Publikum im Palastzelt zu Höchstleistungen an. Für so viel Energie am Sonntagnachmittag war von Bandseite aus glatt ein Lob fällig.

Temples: Zeitreise in die 70er

Weiter ging es mit den Elwins. Der Gitarrist der Kanadier, Feurd Moore, hat sich nicht nur den Preis für den schönsten Vornamen, sondern auch den für den schönsten Schnurrbart des Festivals und gleich noch den für die beste Laune auf (und vor) der Bühne verdient. Neben witzigen Publikumsanimationen fielen vor allem die eingängigen Melodien auf, die klangen, als hätten die Beach Boys zusammen mit Vampire Weekend einen über den Durst getrunken.

Im Palastzelt hieß es danach "Welcome back to the Seventies", denn dort ließen die Temples das psychedelische Jahrzehnt wieder aufleben. Der leicht nasale Gesang von Lockenkopf James Edward Bagshaw, Sitar-ähnliche Gitarrenklänge und eine Menge Bühnennebel trugen zur esoterischen Aura des Auftritts bei. Minutenlange Soundcollagen getragen von einem durchgehenden Bass, Handclap-Samples machten die Zeitreise perfekt.

St. Vincent: roboterhaft, zauberhaft

Draußen wartete neben der warmen Stimme von Hozier dann leider doch noch der Regen, aber das sind eingefleischte Derby-Besucher ja gewohnt. Auch hier passten Soul, melancholischer Pop und Gospel wieder perfekt zur Witterung. Und um kurz nach Sechs hätte es sowieso Katzen und Hunde regnen können,  denn da hieß es im trockenen Zelt Stagetime für die Dame, auf die das Maifeld schon mit Spannung gewartet hatte.

Annie Clark, besser bekannt unter dem Pseudonym St. Vincent, enterte wild zuckend mit einer Parodie auf sämtliche Popstar-Hochglanz-Choreografien die Bühne, als sei sie Lady Gagas durchgeknallte Stiefschwester. In einem Kostüm, das auch aus einem Tim Burton-Film hätte stammen können, liefert sie sich Gitarrenduelle mit ihrer Mitstreiterin, stakt roboterhaft über die Bühne, spielt mit ihrer männlich-verfremdeten Stimme und entlockt ihrer Gitarre immer wieder die abgefahrensten Sounds.

"I don’t wanna be your cheerleader no more" singt sie vom Podest herunter - das beinahe balladeske "Cheerleader" ist eines von vielen Highlight im Set, ebenso wie das hymnische "Year of the Tiger" sowie das düster-melancholische "Huey Newton". Eine gute Stunde später ist der Spuk vorbei und die Menge strömt, noch sichtlich geflasht, aus dem Zelt.

Es folgte der krönende Abschluss: The National

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