Als Morrissey im Dezember 2006 seine damals neue Platte "Ringleader Of The Tormentors" in einer ordentlich besuchten Jahrhunderthalle vorstellte, war er noch immer auf dem Zenit seines ersten Comebacks, das 2004 mit "You Are The Quarry" eingeleitet wurde.
Neues Album kommt in Kürze
Was in den 20 Jahren danach karrieretechnisch alles schieflief, sorgt in Fan-Foren wie morrissey-solo.com immer noch täglich für harte Diskussionen. Morrisseys Platten wurden mitunter medioker, seine verworrenen politischen und gesellschaftlichen Ansichten ließen die Fans in Scharen davonziehen und die Pressereaktionen fielen konstant hämisch aus.
Der Tod von Morrisseys Mutter, seiner wichtigsten Bezugsperson, im Jahr 2020 führte über einen Zeitraum von fünf Jahren als eine Art Katharsis zu einer Reihe von Studioaufnahmen. Erst jetzt fand sich jedoch mit SIRE/Warner eine Plattenfirma als Vertriebspartner, die einen ersten Schwung dieser Aufnahmen am 6. März als "Make-Up Is A Lie" veröffentlichen wird.
Alte Rituale und neue Fans
Auch im Jahr 2026 findet man im Rund der Jahrhunderthalle neben den mal voller oder eben weniger prächtig ondulierenden alten Lookalikes auch sehr viele jüngere Fans im Teenageralter, die zum Teil mit ihren Eltern da sind. Die Spotify-Playlist von Schülern hat den ein oder anderen The Smiths-Hit im Repertoire, und das sogar ganz ohne Mithilfe von "Stranger Things".
Die Jahrhunderthalle ist deutlich voller als vor 20 Jahren und dicht gedrängt konsumieren die Fans wie gewohnt das Eröffnungsritual aus alten Musikclips und Fernsehausschnitten britischer Exzentriker, die den Nährboden des Künstlers Morrissey verdeutlichen.
Tempo zu Beginn
Ein Morrissey-Konzert war und ist immer noch ein Personenkult, der immer gleichen Abläufen folgt. Sei es der frenetische Einzug des Gladiators, das kurze Innehalten, wenn er vor dem Opener die versammelte Gemeinde mit "Hallo" begrüßt, um dann mit Uptempo-Stücken loszulegen.
"Billy Budd" und "I Just Want To See The Boy Happy" verfehlen ihre Wirkung nicht und der Protagonist schwingt engagiert die Macaras.
Neues Album im Bann von Paris
Besonders gespannt sind die Anhänger auf die Live-Darbietung der Songs vom neuen Album, das zahlreiche Bezüge zur französischen Hauptstadt hat und welches man doch bitte "auf seinen eigenen zwei Beinen im Saturn-Markt" als physische Ausgabe erwerben solle, wie Morrissey seine Anhänger wissen lässt. Er ist sichtlich stolz und bei bester Laune, da er endlich neue Musik veröffentlichen kann.
Der Titelsong, der in der Studioversion fast antiseptisch mit Trip-Hop-Beats daherkommt, entfacht live deutlich mehr Wirkung und besteht hauptsächlich aus einem wuchtigen Refrain, den Morrissey mit seinen bekannten Manierismen garniert. "The Monsters Of Pig Alley" bezieht sich auf die sündige Gegend Pigalle am Fuße des Montmartre, klärt Morrissey auf. Der neue Song hat tatsächlich viele Markenzeichen, die an The Smiths und alte Solotaten erinnern.
Notre-Dame And Beyond
Sein "Aufklärer"-Song Notre-Dame hingegen sorgt für weniger Publikumsresonanz und sogar zu vereinzelten Buhrufen. Es ist ihm ein wichtiges Anliegen, wenig verklausuliert einen islamistischen Terrorakt als Ursache des Brands der Pariser Kathedrale zu einem funky Dancebeat zu besingen und er nimmt es in Kauf, dass danach eine große Stille herrscht.
"I Love You Too", sagt er danach zynisch in die Stille. "But Be Aware I’m Damaged". Morrissey ist kein Opfer. Er ist ein Verführer, der aus der harten Kritik von allen Seiten seine Kraft zu ziehen scheint. Kommerziell tut er sich damit keinen Gefallen und Notre-Dame zerstört den guten Eindruck, den andere neue Songs erwecken.
Aber auch diese Widersprüchlichkeit im Wunsch nach großem kommerziellem Erfolg und mangelndem Fingerspitzengefühl bei manchen Themen, die er besser ausgelassen hätte, war schon immer Teil der Realität auf "Planet Morrissey".
Trotz, Dünnhäutigkeit und Widerspruch
"Wir haben eine neue Krankheit im Bus aus Hamburg mitgebracht", witzelt Morrissey und spielt damit auf die hohe Frequenz von kurzfristigen Absagen seiner Konzerte gerade im Jahr 2025 an. Bei der Europatour 2026 befindet sich wieder der 2014er-Titelsong "World Peace Is None Of Your Business" im Repertoire, den er trotzig mit den Worten "This is my life and I decide what the truth is" ankündigt.
Der Song positioniert sich gegen das politische Wählen als solches. Dabei vergisst er wohl kurzfristig, dass er im Jahr 2018 selbst eine Wahlempfehlung für eine bestimmte englische Partei ausgesprochen hatte, was ihm bis heute wie ein Mühlstein um den Hals hängt. Bei "I Will See You In Far Off Places" ersetzt er "And If The U.S.A. Doesn’t Bomb You" mit "And If The E.U. Doesn’t Bomb You" und zeigt dabei nochmal, was er von der EU als friedenssicherndes Projekt Europas hält.
Neben spontanen "Morrissey"-Gesängen des Publikums und "We Love You" aus der ersten Reihe entgegnet er: "Very Dangerous. Hazardous. Every Death concerns Me". Unter der Oberfläche brodelt es sichtlich und man spürt, wie alles eine andere Wendung nehmen könnte, wenn sich der Wind dreht.
Exquisite Solosongs
"Now My Heart Is Full" von "Vauxhall & I" (1994) erstrahlt an diesem Abend besonders hell und zeigt eindrucksvoll, was seine stärkste Solophase ausmachte. Unwiderstehlich hymnische Popsongs, in denen der Protagonist zwischen Ablehnung und Verlangen romantisch, wehmütig und anachronistisch pendelt. "Alma Matters" ist immer noch ein starker Popsong genau in diesem Stil.
"Life Is A Pigsty" von "Ringleader Of The Tormentors" ist als dreiteilige Suite ein anspruchsvoller düsterer Song, der alle Aufmerksamkeit benötigt. Die in Deutschland "beliebten Radio Hits" "Everyday Is Like Sunday" und "Suedehead" holen dann wirklich jeden ab. Die Nahtstelle zwischen dem Ende von The Smiths und seinem Solo-Debüt 1988, das Smiths-Produzent Stephen Street ihm auf den Leib schneiderte, ist bis heute tief in das kollektive Gedächtnis vieler Indie-Musikhörer eingebrannt.
Die B-Seite "Jack The Ripper" ist seit 1992 eine erstaunliche Konstante in der dramatischen Schlussphase des Konzerts, samt Nebel und Soho-Atmosphäre. Mit "Lost", einer Single-B-Seite, hat Morrissey einen Deep Cut am Start, der vor allem die Fans seines mittleren 90s-Outputs verzückt, als ihm der kommerzielle Erfolg zwar abhandenkam, aber ihm unter der Regie von Steve Lillywhite immer noch großartige Songs mit zeitloser Grandezza gelangen.
Starke Band
Obwohl seit Morrisseys Liveaktivitäten 1991 ein reges Kommen & Gehen unter den Musikern herrscht und manche Abgänge wie Alain Whyte und Boz Boorer von Fans immer noch bitterlich beweint werden, muss man im Jahr 2026 konstatieren, dass die neue, um die jüngeren Mitglieder Camila Grey an den Keyboards, Juan Galeano am Bass sowie Carmen Vandenberg an der Gitarre ergänzte Band, mittlerweile bestens eingespielt ist. Der Gesamtsound ist hervorragend.
Der US-Drummer Matthew Ira Walker ist schon seit Mitte der 2000er-Jahre dabei, wie auch der Texaner Jesse Tobias an der Gitarre. Die Band darf kurz vor Schluss selbst ein paar Worte an das Publikum richten und manch radebrechendes Deutsch wird frenetisch gefeiert. Zum Publikumsliebling avanciert dabei die Italienerin Carmen Vandenberg, die ihre Sporen bei Jeff Beck verdiente und an der Gitarre immer mehr wächst.
The Smiths als ewiger Fixstern
Egal, ob man nun z. B. die jüngsten Johnny-Marr-Konzerte besucht hat oder Morrissey live sieht, die alten The-Smiths-Stücke sind einfach eine Herzensangelegenheit, trotz des unappetitlichen Streits der beiden Protagonisten, der immer wieder eskaliert und auch eine lukrative Reunion unmöglich macht.
Dieses Drama schwingt mit, wenn Morrissey formvollendet den selten gehörten Song "A Rush And A Push And The Land Is Ours" spielt oder bei "Last Night I Dreamt Somebody Loved Me" sein Publikum mal eben um den Finger wickelt. "How Soon Is Now" hat man live wohl schon etwas prägnanter gehört und bei der Zugabe "There Is A Light That Never Goes Out" singt wirklich die ganze Halle lauter als Morrissey selbst vom "Doubledecker Bus" und der grenzenlosen Liebe, die den Tod beinhaltet.
Morrissey zieht zum zweiten Mal blank, erklärt dem Publikum, dass er es sehr möge, was sich aber auch wieder ändern könne, und verabschiedet sich mit einem lockeren "Ciao". Das Auditorium bleibt beseelt zurück, sammelt Blumen- und Textilreste ein und hofft im Stillen, dass dies noch nicht das Ende des Weges war. Wohl kaum.
Setlist
Billy Budd / I Just Want To See The Boy Happy / How Soon Is Now? / Make-up Is A Lie / Notre-Dame / Alma Matters / Now My Heart Is Full / A Rush And A Push And The Land Is Ours / World Peace Is None Of Your Business / Lost / Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me / The Monsters Of Pig Alley / Everyday Is Like Sunday / Suedehead / Life Is A Pigsty / Jack The Ripper / I Will See You In Far-Off Places // There Is A Light That Never Goes Out






