KISS (live in Frankfurt, 2017)

KISS (live in Frankfurt, 2017) © Dominic Pencz

Eine Abschiedstournee ist ein schöner Gedanke. Dumm nur, wenn man es sich ein paar Jahre später anders überlegt, auf die Bühne zurückkehrt und mit Hohn und Spott überschüttet wird. Der Ausweg ist die Abschiedstournee, die einfach niemals aufhört.

Nichts ist peinlicher als ein Abschied, der gar nicht vollzogen wird. Ein gutes Beispiel dafür sind die Scorpions.

Die global erfolgreiche deutsche Hardrock-Band aus Hannover startete 2010 ihre vermeintlich letzte Tour, die bis 2012 dauern sollte. 2013 folgte dann der "Rücktritt vom Rücktritt", zunächst zaghaft, dann bis in die Gegenwart mit proppenvollem Tourplan.

Das endlose Ende

Um sich die Peinlichkeit zu ersparen, erst eine Abschiedstour anzukündigen und dann kleinlaut einen Rückzieher zu vollziehen, haben einige bekannte Bands und Solokünstler ein neues Konzept entwickelt. 

Sie gehen einfach auf Abschiedstour, die höchstens ein vage festgelegtes Ende hat – und somit immer weiter verlängert werden kann. Rockstars in fortgeschrittenem Alter verabschieden sich von der Bühne – aber gaaaanz langsam. Und natürlich können sie es sich jederzeit anders überlegen.

Voll der Durchblick

Dass die endlose Abschiedstournee voll im Trend der Zeit liegt, lässt sich an zahlreichen Beispielen verdeutlichen. Da ist zunächst Elton John. 2018 kündigte der Superstar an, sich zur Ruhe zu setzen, aber erst nach einer riesigen, vierjährigen Abschiedstour, die ihn mehrfach um die Welt führen wird. 

Los geht es im Herbst 2018 in Nordamerika, bevor er im Frühjahr 2019 nach Europa kommen wird. Es folgt eine weitere US-Tour im Spätjahr 2019, Südamerika im Frühjahr 2020 (hierfür sind noch keine Daten bestätigt) und eine Tour durch Großbritannien im Spätjahr 2020, bevor die Tour 2021 in Nordamerika ihren Abschluss finden soll – voraussichtlich, denn auch für diese letzte Etappe sind noch keine Daten bestätigt.

Pläne im Wandel

Kurios dabei ist, dass sich Elton Johns Pläne seit der Ankündigung geändert haben. Zuerst hieß es, dass er Ende 2019 durch Asien und Australien touren wird, jetzt stehen in diesem Zeitpunkt Tourdaten in den USA auf dem Programm. 

2021 soll Schluss sein – und es ist möglich, dass Elton John sich wirklich zur Ruhe setzen wird, schließlich wird der Engländer im Jahr 2021 hoffentlich seinen 75. Geburtstag feiern. Aber falls er nach einer längeren Pause immer noch bei guter Gesundheit ist, was sollte ihn davon abhalten, seine Ankündigung rückgängig zu machen und wieder live aufzutreten?

Masken ab!

KISS gehen einen ähnlichen Weg. Anders als Elton John haben sie Erfahrung mit einer Abschiedstour, die keine war, denn bereits 2000/2001 bereisten sie mit ihrer "KISS Farewell Tour" die Welt.

Die Farewell Tour war dennoch ein Abschied: Obwohl KISS danach noch mehrfach auf Tour gingen, traten sie doch nie wieder in ihrer Originalbesetzung auf, denn Ace Frehley verließ die Band nach der Tour und seit 2004 ist auch Peter Criss nicht mehr dabei.

Das endgültige Ende?

Kürzlich kündigten die Maskenmänner an, dass sie ab Januar 2019 in ihrem aktuellen Line-up auf eine dreijährige "End of the Road"-Tour gehen werden, um sich anschließend von der Bühne zu verabschieden.

Die Frage ist aber, ob sich jemand im Jahr 2022 noch jemand daran erinnern kann, unter welchen Voraussetzungen die Band ihre Tour ursprünglich angekündigt hat. Was also spricht dagegen, die Tour weiter zu verlängern? Und selbst wenn nicht: Der geschäftstüchtige Gene Simmons hat mit Sicherheit einen Plan B in petto. Vielleicht schickt er die Band ja als Hologramme auf die Bühne. Oder er macht seine Androhung war und castet neue Musiker, die zukünftig unter dem Markennamen KISS auftreten werden.

Aus die Fledermaus?

Ein ganz besonderer Fall ist Ozzy Osbourne. Der ehemalige Black Sabbath Frontmann kündigte seine Auftritte im Jahr 2018 folgendermaßen an: "Die Fans fragen mich, wann ich in Rente gehe. Dies wird meine letzte Welttournee sein, aber ich kann nicht sagen, ob ich nicht ab und zu einige Shows spielen werde."

Unter "einigen Shows" versteht Ozzy nicht nur eine US-Tour mit Megadeth und eine Europatour mit Judas Priest, sondern auch Konzerte in Australien, Neuseeland und Japan. Nun gut, in der Antarktis und in Afrika tritt der Prince Of Darkness nicht auf, eine echte Welttournee ist es daher wohl nicht. Immerhin hat Ozzy Humor: Die Europatour steht unter dem Motto "No more tours 2". 

Immer weiter

Damit hat sich der Kreis geschlossen, denn Ozzy macht es wie die Scorpions und spielt einfach nach der angeblich letzten Tour immer weitere Konzerte. Dagegen ist ja nichts einzuwenden, denn im Rock'n'Roll gibt es keine Altersgrenze.

Ärgerlich ist es nur, wenn die vollkommen legitime Abschiedstour zu einem schnöden Marketing-Gag verkommt, der nur dazu dient, die Fans an der Nase herumzuführen. Aber auch für dieses Dilemma gibt es eine Lösung: Man lässt die Abschiedstour einfach niemals zu Ende gehen.

Ist das noch die Abschiedstour?

Im Zeitalter der Social Media bzw. der Handykommunikation ist die Angst, etwas zu verpassen, immer weiter verbreitet. Obwohl die Abschiedstournee kein neues Konzept ist, bedient sie doch diese "Fear of missing out", indem sie suggeriert, dass man die Band oder den Künstler vielleicht zum letzten Mal erleben kann.

Durch die Verlängerung der Abschiedstournee auf einen gar nicht genau bestimmten, aber jahrelangen Zeitraum, reduzieren Künstler und Veranstalter die Wahrscheinlichkeit, dass Fans wirklich das Event verpassen, weil sie mehrere Gelegenheiten zum Ticketkauf über einen langen Zeitraum erhalten.

Die endlose Abschiedstournee wird uns daher vermutlich noch eine Weile begleiten, bis der unvermeidliche Abschied tatsächlich kommt.

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