Es ist das letzte Konzert der diesjährigen Jazzopen, für das sich der Ehrenhof des neuen Stuttgarter Schloss noch einmal bis auf den letzten Platz füllt. Sogar vor dem abgesperrten Gelände haben es sich einige Neugierige mit Picknickdecken bequem gemacht.
Während sowohl vor als auch im Ehrenhof dem Auftritt von Lionel Richie entgegen gefiebert wird, stimmen gleich zwei Voracts das Stuttgarter Publikum auf dessen Show ein.
Der Wahlstuttgarter und Kandidat aus dem ESC-Vorentscheid 2025 Vincent Varus nutzt den Anlass, um gemeinsam mit seiner Band und den Besucher*innen den "Sommer zu begrüßen", während der US-amerikanische Jazzsänger José James nicht nur der "Legende" Lionel Richie sondern auch dem R&B- und Soulsänger Bill Withers Tribut zollt. 2018 hatte James anlässlich von Bill Withers 80. Geburtstag ein ganzes Album mit Neuvertonungen von dessen Werken veröffentlicht.
Die Sache mit der Jacke
Die Stimmung ist von Anfang an gut. Noch bevor Lionel Richie überhaupt die Bühne betritt, stimmt das Publikum bereits in einen herausfordernden Applaus ein.
Ähnlich wie Vincent Varus lenkt auch Lionel Richie – ganz nach deutscher Smalltalk-Manier – das Thema gleich am Anfang auf das gute Wetter. Nachdem der Musiker das Publikum mit "Hello" begrüßt hat (und ihn dieses durch lautstarken Gesang zurück gegrüßt und sich damit einen Luftkuss verdient hat), bereut er erst einmal seine Outfitwahl. "Ich glaube ich habe die falsche Jacke ausgesucht. Gestern hat es geregnet und es war kalt. Heute regnet es nicht. Heute ist es nicht kalt."
Aber Richie nimmt die Situation mit Humor. Ab sofort gibt es regelmäßige Statusupdates der Jackensituation. "Report on the jacket!", ruft er dann. "Bisher nicht unerträglich, aber es wird wärmer. Ich halte euch auf dem Laufenden."
Mit "Easy" folgt schon kurz danach der nächste Richie-Klassiker. Spätestens jetzt steht auch das Publikum auf der Tribüne mit den Sitzplätzen. Zunächst zieht sich Lionel Richie für den Song an den weißen Flügel auf der Bühne zurück, hält es so weit weg vom Publikum aber nicht lange aus. Kurze Zeit später steht er schon wieder ganz vorne auf dem Steg vor der Bühne. Der wiederum ist aber nicht alleine Richie vorbehalten. Auch dessen Mitmusiker haben dort während ihrer Soli immer wieder ihre ganz persönlichen Momente im Mittelpunkt des Geschehens.
Ein motiviertes Publikum
Die Unterstützung des Publikums fällt so großzügig aus, dass Lionel Richie nach "Penny Lover" ebenfalls in Applaus verfällt. "Immer wenn ich spiele versuche ich ganz leise und sexy zu singen", erzählt er. Das sei aber ein bisschen vergeblich denn: "Immer wenn ich in Stuttgart bin, wird es laut."
Richie freut sich jedoch sichtlich über diesen Umstand. Immer wieder signalisiert er dem Publikum, dass es jetzt einen Singeinsatz hat – und das Publikum liefert ab. "Die haben doch geprobt", richtet sich Richie an seine Band, als das Publikum textsicher und selbstbewusst ein paar Zeilen zu "Stuck on you" beisteuert. Wenn das Publikum so weitermache, so Richie, laufe Gefahr, dass die Gruppe "all night long" spiele – damit meine er nicht das Lied. Das nämlich folgt erst eine ganze Weile später.
Stattdessen revanchiert sich der Sänger für den Einsatz seines Publikums, indem er sich Mühe gibt, seinem Ruf als Kuschelrocker gerecht zu werden. Den "Guys" im Publikum erlaubt Lionel Richie seine Musik schamlos auszunutzen. Sie sollen ihren Arm um ihre Begleitung legen, ihr tief in die Augen sehen und lässig fragen: "Ist Lionel nicht toll?".
Zu lange darf das aber nicht dauern, denn die "Ladys" werden wiederum als gesangliche Unterstützung gebraucht. Das nächste Lied "Endless Love" nämlich, ist eigentlich ein Duett mit Diana Ross. Wie Lionel Richie erzählt, versucht er nun jedoch seit 41 Jahren vergeblich, die Sängerin dazu zu bewegen, das Lied gemeinsam mit ihm zu performen. Einmal versucht er es noch, fragt Richtung Band ob Diana Ross heute vielleicht vor Ort sei – die verneint bedauernd und Richie korrigiert kurzerhand die zuvor genannten 41 Jahre hoch auf 42.
Ein erfolgreicher Abend
Solche Zahlen verdeutlichen, wie viele Jahre Lionel Richies Karriere bereits umfasst. Während sich dieser davon jedoch in keinster Weise zurückhalten lässt und sich auch mit 76 noch als gekonnter Entertainer präsentiert, wird das Konzert auch sonst zum Erlebnis.
Zum Beispiel wenn sich die Menge thematisch passend zu "Sail on" in ein riesiges wogendes Händemeer verwandelt oder wenn synchron zu den "Fire"-Ausrufen Richies in "Brick House", Flammenwerfer auf der Bühne aktiviert werden. "Dancing on the ceiling" wiederum wird kurzerhand zu einem Mash-up mit Van Halens "Jump" während Richie über die Bühne hüpft und das Publikum dazu animiert es ihm gleich zu tun.
Bei Lionel Richies ruhigeren Liedern hingegen werden Taschenlampen gezückt und als als vorletztes Lied des Abends (aufs Datum genau 40 Jahre nach Live Aid) "We are the world" ertönt, werden die Besucher*inmen zu einem großen Chor.
Gegen Ende ruft Lionel noch einmal zum "Jacket report!" aus, berichtet davon nun wieder etwas abgekühlt zu sein und stellt zufrieden fest, dass das Publikum die umgekehrte Erfahrung gemacht zu haben scheint und nun ganz aufgewärmt ist – " as it's supposed to be". Damit wird die regelmäßige Bestandsname der Jackensituation von Lionel Richie kurzerhand zum abendlichen Erfolgsbarometer umfunktioniert.
Nachdem Lionel Richie nach "We are the world" mit einem großen Lob an das Publikum von der Bühne abgeht, lässt er mit seiner Zugabe nicht lange auf sich warten – im Gegenteil: Noch aus dem Off ertönt seine Stimme bevor er dann tatsächlich wieder vor dem Publikum steht und mit "All night long" das Ende eines gelungenen Konzertabends einleitet.
Setlist
Ouverture / Hello / Running with the night / Easy / Penny Lover / Stuck on you / Sail on / You are / Brick House / Three times a lady / Fancy dancer / Sweet love / Lady you bring me up / Truly / Endless love / Destiny / Dancing on the ceiling / Say you, say me / We are the world / Zugabe: All night long









