Es ist ein sonniger Abend, der Schlossplatz ist gut besucht, das an diesem Tag dort stattfindende Konzert restlos ausverkauft. Hohen Anklang findet auch das Angebot an Getränken und Verpflegung, dass dafür sorgt, dass die einzelnen Besucher und Besucherinnen sich nach und nach und ganz gemütlich im Ehrenhof vor dem Neuen Schloss in Stuttgart einfinden, um dort gespannt dem Auftritt des britischen Gesangstalents entgegenzufiebern.
Eine gelungende Einleitung
Bevor Smith jedoch die Bühne betritt, gehört diese zunächst ganz der englischen Newcomerin Konyikeh und ihrer Begleitung an der Gitarre. Mit warmer, souliger Stimme gibt die Künstlerin einige Songs ihrer 2023 erschienenen Debut EP „Litany“, aber auch unveröffentlichte Werke und ihre Neuinterpretation des Buena Vista Social Club Hits „Chan Chan“ zum Besten. Damit singt sie sich im Flug in die Herzen des Publikums, dessen Applaus nicht nur durch die weiter eintrudelnden Fans immer lauter wird.
Dann ist es soweit. Die Bühne verwandelt sich in eine dystopisch anmutende Szenerie – eingenommen durch einen großen, reglos liegenden mit Graffiti beschriebenen, goldenen Körper, der dem Publikum nicht nur sehr direkt die eigene Rückseite, sondern auch Botschaften wie „Liberation“, „Power“, „Ceasefire Now“, „Peace“ und „Protect Trans Kids“ präsentiert. Nach und nach schreiten von oben bis unten in schwarz gekleidete und mit Sonnenbrillen ausgestattete Personen über diesen hinweg, reihen sich dann nebeneinander auf und zünden Bengalos, die sie andächtig in die Höhe halten.
Groß aufgefahren wird jedoch nicht nur für das Intro des Konzerts. Auch Sam Smith selbst erscheint wie magisch hinter der liegenden Figur aus dem Bühnenboden. Ebenfalls in schwarz – aber mit Glitzer.
Den Auftakt des Konzertes bilden dann mit „Stay With Me“, „I’m Not The Only One“ und „Like I Can“ gleich drei der ganz großen Hits aus Smiths Repertoire.
Herzliches Willkommen
Während den ersten Songs lässt Smith immer wieder den Blick durch das Publikum schweifen, winkt diesem fast ein wenig schüchtern zu und freut sich anschließend über die Kulisse und den guten Sound im Schlosshof. Damit sich auch wirklich alle wohl fühlen, folgen noch ein paar ergänzende Worte. Die Ansage, die heutige Show stehe für Freiheit, die Freiheit zu sein, wer immer man sei, zu singen was immer man singen wolle und zu lieben, wen immer man liebe, erntet großen Applaus im Publikum.
Dieses wiederum unterstützt Smith nicht nur durch begeisterten Beifall, sondern stellt auch immer wieder die eigene Textsicherheit unter Beweis – und das bei nahezu allen Songs.
Bevor es jedoch auch auf der Bühne etwas lauter wird, startet „Too Good At Goodbyes“ noch einmal ein wenig stiller. Der Gesang Smiths wird lediglich durch die Begleitung an der Gitarre untermalt bis dann im Refrain die restlichen Instrumente wieder einsetzen und zeigen, dass sie sich im Gegensatz zu Smith doch nicht so schnell verabschieden.
Kein Zurück mehr
Spätestens bei den nun folgenden Songs „Diamonds“ und „Lie To Me“, beginnt auch das Publikum auf der Empore aufzustehen und sich zum Takt der Musik mitzubewegen. Die Lichtshow auf der Bühne intensiviert sich, immer mehr Personen leisten Smith Gesellschaft. Die Bühne wird nun zunehmend zum Zentrum aufwändig konzipierter und teils erotisch aufgeladener Choreografien, bei denen sich die ein oder anderen Mitglieder des Ensembles auch schonmal ziemlich nah kommen.
Besonders beeindruckend ist, was sich während der Show auf den beiden an den Seiten der Bühne angebrachten Screens abspielt. Denn nicht nur auf der Bühne scheint jede Bewegung perfekt zu sitzen, auch die Kameras, die das Geschehen aus mehreren Perspektiven festhalten, scheinen genau zu wissen, wann sie wo gebraucht werden. Die Leinwände präsentieren eine cinematographische Collage, die zeitweise vergessen lässt, dass man da einen Liveauftritt und kein nach der Aufzeichnung aufwendig zusammengebasteltes Video zu Gesicht bekommt.
Ein Abend im Zeichen der Vielseitigkeit
Ein weiteres Highlight des Abends bilden die zahlreichen, auf der Bühne präsentierten Outfits. Smith trägt mal eher leger, mal extravagant, mal mehr und mal weniger. Die Outfit-Wechsel geschehen teilweise aufwändig inszeniert direkt auf der Bühne. Ein schwarzes Kleid mit großen Ballonärmeln und ein langer, gerüschter Regenbogenmantel werden besonders stark bejubelt.
Dass es an diesem Abend nicht an Regenbogen mangelt, ist angesichts des Engagements mit dem sich Smith öffentlich für die Rechte queerer Menschen einsetzt, wenig überraschend. Smith selbst hatte im Jahr 2014 bekannt gegeben, Teil der LGBTQ+ Community zu sein. Im Jahr 2019 folgte dann ein Coming-Out als nicht-binär.
Ein weiterer Regenbogen lässt sich zum Beispiel später am Abend am Dach der Zuschauertribüne finden. Zahlreiche Laser ziehen ihre Spuren von der Bühne aus über den dunklen Himmel bis hin zu dieser Leinwand der etwas anderen Art.
Stilvoller Abgang
Dann ein plötzlicher Stilbruch: Die Atmosphäre verdüstert sich. Das Bild auf den Screens zeigt Smith nun in Schwarz-Weiß und mit verschleiertem Gesicht. Es folgt der Song „Gloria“, der durch einen kirchliche Klänge verbreitenden Chor begleitet wird.
Lange hält diese Stimmung jedoch nicht an und bietet vielmehr eine kontrastreiche Überleitung zum nächsten und für diesen Abend auch letzten Lied. Dieses besingt gerade unheiliges Tun. Smith zeigt sich mit gehörntem schwarzem Zylinder an der Seite von nicht einem sondern gleich mehreren tanzenden Doubles der Sängerin Kim Petras, mit der er dieses Lied gemeinsam veröffentlicht hat.
„Unholy“ verwandelt die Menge vor der Bühne nicht nur in ein Meer aufleuchtender Handydisplays, sondern liefert auch den krönenden Abschluss einer bis ins kleinste Detail ausgetüftelten und reibungslos abgelaufenen Jazzopen-Show, in der – wenn auch etwas weniger in Jazzmanier – wirklich nichts dem Zufall überlassen worden zu sein scheint.
Am Ende hagelt es nicht nur Applaus, die Zuschauertribüne bebt geradezu. Eine Zugabe spielt Smith nicht mehr, das Publikum verlässt den Ehrenhof aus diesem Grund zunächst etwas zögerlich, aber dennoch hochzufrieden und mit leuchtenden Augen.
Setlist
Stay With Me / I'm Not The Only One / Like I Can / Too Good At Goodbyes / Diamonds / How Do You Sleep / Dancing With A Stranger / Good Thing / Lay Me Down / Gimme / Lose You / Promises / I'm Not Here To Make Friends / Desire / Latch / I Feel Love / Gloria / Unholy







