Das Maifeld Derby 2024 fiel nicht ins Wasser: Sowohl wettertechnisch als auch musikalisch bot es drei Tage lang exzellente Bands und Soloacts, die eine ungeheure musikalische Bandbreite abdeckten und zahlreiche Entdeckungsmöglichkeiten boten.

Es dürfte nicht allzu viele geben, die dem alten Hüttenzelt nachtrauern, denn die neue Arena bewährt sich als dicht gepackte Open-Air-Bühne mit Clubfeeling. Außerdem neu ist ein ab dem späten Abend bespieltes Zelt für elektronische Musik.

Kein Traumwetter, aber auch keine Katastrophe

Noch etwas ist anders als in den Vorjahren: das Wetter. Während das Maifeld in den letzten Jahren fast immer von Traumwetter profitierte, präsentiert sich der Himmel über dem Maimarktgelände an den drei Tagen wolkenverhangen und regnerisch.

Beschwerden sind aber unangebracht, denn es hätte alles viel schlimmer kommen können. Statt Dauerregen gibt es längeres Getröpfel mit kürzeren, stärkeren Schauern am Freitag und Regen am Samstagnachmittag, ansonsten bleibt es weitgehend trocken. 

Keine Auftritte müssen ausfallen, die Bühnen können durchweg bespielt werden - im Vergleich zu den Ereignissen in Süddeutschland ist die Lage beim Maifeld Derby komfortabel.

Neue Eindrücke

Musikalisch bietet der Freitag die gewohnte musikalische Vielseitigkeit, für die das Maifeld berühmt ist. Die instrumentale Krautrockband Zahn aus Berlin reißt beim ersten Gig in der neuen Open Air Arena das Publikum mit jeder Menge Energie voll mit. 

Die australische Bands Royel Otis überzeugt im Anschluss mit leichtfüßigem und gleichzeitig mitreißendem Indie-Pop und begeistert damit nicht nur die australischen Fans vollauf. Erstmals in der Geschichte des Maifelds hallen "Aussie Aussie Aussie, Oi Oi Oi"-Rufe durch die Arena. 

Von NDW bis Post-Punk

Mit Edwin Rosen kehrt ein alter Bekannter zurück aufs Maifeld. Der Stuttgarter gilt als Mitbegründer der Neuen Neuen Deutschen Welle. Neben seinen Klassikern, die stark von NDW-Acts wie Grauzone beeinflusst sind, hat Rosen auch einige ganz neue Songs im Gepäck. 

Mit einem Cover von “Nur ein Wort” von Wir sind Helden erinnert der Künstler zur Feier des Anlasses an seinen ersten Maifeld-Auftritt 2021. Damals hatte er das Lied gemeinsam mit dem Musiker Drangsal angestimmt. 

The Vaccines geben sich entsprechend ihrer Herkunft London als coole Socken. Die Zuschauer lassen sich vom leichten Regen nicht aus der Ruhe bringen, sondern gehen bei dem geradlinigen, kurzweiligen Indie-Rock voll mit. 

Nicht nur optisch ein Highlight

Eine mitreißende Show liefert zu später Stunde im Palastzelt die irische Sängerin Róisín Murphy. Die 90 Minuten sind in jeder Hinsicht ein Erlebnis. Optisch ein stetiger Wechsel der Kostüme zwischen Kleidern aller Art mit passendem Zylinder oder Perücken, ist es ein Spiel der Mode mit Ansätzen von französischem Chic und einem häufig zelebrierten Hauch von Verruchtheit und Erotik.

Die hochenergetischen, treibenden Beats von "Pure Pleasure Seeker" setzen schon zu Beginn die Akzente, um das Publikum gleich voll mitgehen zu lassen. Nicht nur dieser Klassiker aus der Zeit von Moloko heizt dem Publikum ein. Zu "The Time Is Now" steigt Roisin Murphy zu den Fans hinunter, hauteng begleitet von einer Kamera, die alle Bilder auf die Rückwand wirft.

Gemeinsam mit ihren fünf Musikern entzündet sie mit jedem weiteren Song ein funky-grooviges Feuerwerk an Elektrobeats und so singen zahlreiche Fans die leicht reduzierte, aber auch intensive Version von "Sing IT Back" mit. Am Ende haucht sie den Fans nicht nur hautnah intime Worte ein, sondern zerfleddert mit voller Energie noch einen Strauß roter Rosen.

Noch mehr Welle

Mit Nils Keppel startet am Samstag ein weiterer Vertreter der Neuen Neuen Deutschen Welle dem Maifeld Derby einen Besuch ab. Der Newcomer überzeugt mit einem energiegeladen Auftritt, der das Publikum in Bewegung hält. 

Keppels eher düstere Songs werden zwischenzeitlich kurz von schwärmenden Worten des Künstlers über seine (ebenfalls im Festival-Lineup vertretene) Lieblingsband Slowdive unterbrochen, kurz darauf folgt dann auch ein vom Sound der britischen Band inspiriertes Lied.

Herzschmerz und Humor

Obwohl Sophie May während der Pandemie zunächst damit begann, kurze Aufnahmen eigener Songs auf TikTok hochzuladen, erweist sich ihre Musik spätestens im Parcour d’Amour als bühnenreif. 

Die britisch-australische Sängerin schreibt nicht nur von der Musik der 60er Jahre inspirierte Songs für neue Chicken Run Filme, sondern auch über Herzschmerz, ihre Zwangsgedanken und darüber, sich am liebsten sofort ein neues Leben in den italienischen Bergen aufbauen zu wollen. 

Zwischen den einzelnen Songs wird das Publikum von Mays humorvoller Moderation und kleinen Anekdoten unterhalten. Ein gelungener Auftritt.

Während Hania Ranis Set, scheint die Zeit im Palastzelt für eine Weile still zu stehen. Die polnische Pianistin und Komponistin wird von einem Cellisten begleitet, ihre Musik wird zudem von einem aufwändigen Bühnenbild inszeniert, das die Künstlerin und ihre atmosphärische Musik gekonnt in Szene setzt. 

Während sich Rani im Gegenlicht ganz versunken über die Tasten bewegt, vergisst man fast, dass sie gerade nicht nur für sich selbst spielt - wäre da nicht das Publikum, das immer wieder mit begeisterten Rufen und jeder Menge Applaus auf sich aufmerksam macht. 

Originelle Klänge

John Francis Flynn nimmt seine Zuhörer*innen mit auf eine musikalische Reise nach Irland. In seinen Werken verbindet der Künstler traditionelle Folk- und experimentelle Noise-Elemente miteinander. Abgerundet wird der Auftritt von einem Solo auf einer zweiköpfigen Tin-Whistle und Flynns Interpretation des irischen Kult-Songs "Dirty Old Town".

Am Samstag Abend zieht dann Mario Batkovic die Besucher*innen des Maifeld Derbys in seinen Bann. Der Schweizer Musiker entlockt seinem Akkordeon mal bedrohlich düstere, mal melancholische Klänge und hinterlässt das Publikum beeindruckt, wie facettenreich das Instrument doch klingen kann.

Achtung, Achtung, hier singt Yeule!

Der Sonntag gestaltet sich durchweg trocken, abgesehen von Pfützen, die vom Regen des Vortages übrig geblieben sind. Das spielt im Palastzelt jedoch keine Rolle. Dort zelebriert am Nachmittag Yeule aus Singapur eine faszinierende Show. Mal präsentiert Yeule melancholisch sphärische Klänge mit anmutigen Körperbewegungen, um dann wieder an der Gitarre den durchgängig mitreißenden Elektropop zu untermalen.

Offensichtlich befürchtet ihr Management allzu enthusiastische Fans, denn sie schrauben die Sicherheit sofort hoch: Der Bühnenaufgang aus dem Graben wird abgebaut, die Securities verdoppelt, Kanaldeckel zugeschweißt, es kreisen Polizeihubschrauber im Zelt. Okay, die letzten beiden Punkte sind erfunden, aber sogar später beim Rundgang über das Gelände ist ein Security-Mann dabei. 

Starke Newcomer

Auch die Open Air Show der britischen Indie-Band English Teacher ist gut besucht. Im Fokus des Auftritts steht das Debütalbum "This Could Be Texas", das live wie auf Platte mit einem vielseitigen Sound überzeugt. Besonders begeistert zeigt sich das Publikum von "Nearly Daffodils" - kein Wunder, das Lied wurde schon vom Time Magazin als einer der 10 besten Songs 2023 ausgezeichnet. 

Anschließend nimmt die Griechin Σtella ihr Publikum mit auf eine akustische Retro-Reise. Das stets dominierende Keyboard ist wie eine Zeitreise zurück in den Synth-Pop der 1980er Jahre. Dennoch ist der treibende Sound elektrisierend und topmodern, garniert mit Elementen griechischer Folklore. 

Dank Panne unvergesslich

Dank Stromausfall liefern die Lambrini Girls in der neuen Open Air Arena eine unvergessliche Show der etwas anderen Art. Nachdem sich die Punkband aus Brighton in ihren ersten Liedern laut für die Rechte von trans* Personen und gegen Faschismus und Polizeigewalt gemacht hat, wird das Set durch eine technische Störung jäh unterbrochen.

Den Lambrini Girls gelingt es dennoch, ihr Publikum bis zum Schluss bei Laune zu halten - Leadsängerin Phoebe Lunny moderiert kurzerhand per Megafon und schickt einzelne Zuschauer*innen zum Crowdsurfen. Außerdem stehen unter anderem ein Stopptanzmoshpit, Limbo unter dem Mikrofonkabel und - passend zum Veranstaltungsort - eine Runde Pferderennen an.

Währenddessen geht bei Brutus im Palastzelt alles glatt, und zwar nicht nur in Hinblick auf die Bühnentechnik, sondern auch musikalisch. Die belgische Post-Metal-Band verfügt über einen harten, aber komplett mitreißenden Sound und besitzt zudem mit Stefanie Mannaerts eine Schlagzeugerin, die gleichzeitig Sängerin ist. Das sieht man wirklich nicht alle Tage. 

Chelsea Wolfe wiederum empfängt ihr Publikum mit melancholischen, düsteren Klängen. Die Musik der US-amerikanischen Singer-Songwriterin, die sich irgendwo zwischen Gothic Rock, Doom Metal und Dark Folk bewegt, schafft es, das Publikum im einen Moment zum Headbangen und im nächsten wieder zum andächtigen Zuhören zu verleiten.

Tolle Acts zum Abschluss

Die niederländische Band Altin Gün sorgt am frühen Sonntagabend noch einmal für gute Stimmung auf dem Platz vor der großen Open-Air-Bühne. Die sechsköpfige Psychedelic Rock-Gruppe kombiniert traditionelle türkische Musik der 60er und 70er Jahre mit psychedelischen Sounds und lässt das Publikum dabei für einen Moment den nach einer kurzen Sonnensichtung wieder mit dichten Wolken verhangenen Himmel vergessen. 

Den krönenden Abschluss liefert dann Keppels Lieblingsband Slowdive. Die Gruppe, die dem Maifeld Derby nach ihrer Reunion bereits im Jahr 2017 einen Besuch abgestattet hat, lädt ihr Publikum auf eine Zeitreise durch alle ihre bisher erschienenen Alben ein und füllt das Palastzelt nicht nur mit verträumten Gitarrenwänden sondern auch mit jeder Menge sehr zufriedener Fans.

Fazit und Ausblick

Das Maifeld Derby bot nicht das Traumwetter der Vorjahre, aber es fiel glücklicherweise auch nicht ins Wasser. Musikalisch war es dank der großen Zahl exzellenter Acts vielleicht eine der besten Ausgaben seit sechs oder sieben Jahren. Einzig am Samstagabend fehlte vielleicht ein starker Headliner, der noch ein paar Kurzentschlossene hätte anlocken können. 

Auffällig war, dass viele ältere Musikfans den Weg zum Maifeld fanden. So viele Musikfans jenseits der 50, 60 und sogar 65 sieht man selten auf einem Dreitagesfestival. Ob es sich dabei um ein einmaliges Phänomen handelt oder ob sich diese Entwicklung verstetigen wird, können wir nicht sagen. Jedenfalls sendet das Maifeld eine weitere schöne Botschaft, nämlich die altersunabhängige Begeisterung für Musik abseits des Mainstreams. 

Der Termin für das Maifeld Derby 2025 steht schon fest. Das 14. Maifeld Derby wird vom 30. Mai bis 1. Juni 2025 stattfinden. Dank einer Förderzusage der Stadt Mannheim verfügt Veranstalter Timo Kumpf über Planungssicherheit. Wir finden: Das ist ein gutes Zeichen und freuen uns schon auf das nächste Jahr.