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Dream Theater (live in Mainz 2019) © Torsten Reitz

Auf dem Gelände der Mainzer Zitadelle gastiert die Prog Metal-Institution Dream Theater aus New York. Dabei geht es in nur 85 Minuten einmal im Schnelldurchlauf durch das umfangreiche Œuvre der Band.

Die größte Progmetal-Band des Planeten gibt sich im Rahmen der Konzertreihe "Summer in the City" auf dem malerischen Gelände der Mainzer Zitadelle die Ehre. In den Neunzigern haben die New Yorker mit Klassikern wie „Images And Words“, „Awake“ oder „Scenes From A Memory“ die sperrige Musik salonfähig gemacht. Nach dem Ausstieg des Gründungsmitglieds Mike Portnoy 2010 hat sich die Prog-Institution wieder gefangen und mit „Distance Over Time“ ein sattes Brett hingelegt.

Entschlackt und für Dream Theater-Verhältnisse äußerst kompakt kommt dieses Werk daher, das in Deutschland Platz 1 erreicht, was Sänger James LaBrie während des Gigs zum schnippigen Kommentar in Richtung Mainstream verleitet: "Madonna muss gesagt haben: Wer zum Teufel sind DT? Als sie es schließlich gehört hat, sind ihr die Ohren abgefallen.“

Blues und Folk als Support 

Für Unmut sorgte die im Vorfeld kolportierte Setlist: eine Stunde zwanzig plus Zugabe? Das kann doch einer Band, die normalerweise 3 Stunden abliefert, nicht gerecht werden. Auch die Anfang des Jahres lancierte Ankündigung, man wolle das 20jährige Jubiläum des Klassikers „Scenes From A Memory“ feiern, bezog sich laut Band nicht auf die Festival-Shows.

Festival hin oder her – die Spielzeit auf der Zitadelle hätte locker ausgereicht, um einen Prog-Reigen zu zelebrieren. Steve Hackett, mittlerweile im stolzen Rentenalter angekommen, hat dies vor zwei Monaten eindrucksvoll bewiesen

Der Veranstalter spannt Tarq Bowen als Support vor den Prog Metal-Schnellzug. Der Blues und Folk-Sänger ist quasi die Ruhe vor dem Sturm und hat stimmlich und spielerisch unbestritten seine Qualitäten. Nach einer kurzen Umbaupause geht es um 20 Uhr mit dem Hauptact los. 

Druckvoller Auftakt

Das Instrumental „Atlas“ aus der Film- und Gamesmusik-Schmiede Two Steps From Hell eröffnet den kurzweiligen Abend. Das klingt stark nach Hollywood. Die erste Single der neuen Platte "Untethered Angel" knallt druckvoll aus den Boxen. Ähnlich wie bei der Tour de France spielt auch hier der Wind eine Rolle; vor der Bühne lässt sich das Konzert allerdings gut genießen. Der Kompaktkracher zeigt direkt die Stärken der Band, die sich publikumsnah gibt.

Sänger LaBrie stolziert lässig mit seinem Signature-Mikrofonständer, der einen Totenkopf in der Hand eines Roboters zeigt, über die Bretter. Die Band hat offenbar stark an ihrer Performance gearbeitet: Mittlerweile agiert jedes Bandmitglied über den Aktionsradius eines Bierdeckels hinaus.

Emotionale Berg- und Talfahrt

Das epische „A Nightmare to Remember“ an zweiter Stelle ist eine viertelstündige emotionale Berg- und Talfahrt. Inhaltlich basiert es auf einem traumatischen Erlebnis aus Petruccis Kindheit. Der atmosphärische Mittelteil mit den packenden Lyrics „Hopelessly drifting, bathing in beautiful agony“ wird lautstark vom Publikum intoniert.

Tastenmagier Jordan Rudess schnallt sich zwischendurch sein Keyboard um und duelliert sich mit Gitarrenpabst Petrucci. Optisch drängt sich dabei die Frage auf: Wer hat den längsten Bart? Das Ergebnis lautet unentschieden. Während Rudess in der Spitze punktet, zieht es Petrucci in die Breite.

Keine Minute vergeuden

Es folgt die erste Ansage, die LaBrie direkt mit dem Versprechen beginnt, dass die Band im Januar und Februar mit 3 Stunden-Shows zurückkehrt. Aber heute ist Schmalhans Setlistmeister. Daher lautet die Losung: keine Minute vergeuden.

„Fall Into the Light“ macht keine Gefangenen und geht als veritable Metallica-Hommage durch. Satter Einstieg, brachiale Riffs, sphärischer Mittelteil und episches Ende, „Master Of Puppets“ lässt grüßen. Danach laden die songdienlichen „Peruvian Skies“ und „Barstool Warrior“ zum Moshen im bestuhlten Rund ein. So mancher Weekend-Warrior kommt hier voll auf seine Kosten.

Tanz der Ekstase

„In the Presence of Enemies, Part I“ vom „Systematic Chaos“-Album geizt nicht mit wilden Instrumentalabfahrten, bevor mit „The Dance of Eternity“ ein Hauch von „Scenes From A Memory“ über das Gelände weht.

Das Instrumental steht in einer Tradition der Siebziger-Heroen Emerson, Lake And Palmer und den großen Rush-Instrumentals wie „YYZ“ oder „La Villa Strangiato“ und sorgt beim Publikum für Maulsperren. Hier tritt der stoische Basser John Myung in den Vordergrund, der in seinem 20 sekündigen Solo mehr Noten unterbringt, als die meisten Bassisten in ihrem gesamten Leben spielen.

Zwischen Bombast und Brachialgewitter

Beim rockigen „Lie“ vom 94er Meisterwerk „Awake“ fällt danach auf, wie stark LaBries Gesang heute hinter den Instrumenten angesiedelt ist. Auch die Posen wirken bemüht und einstudiert.

„Pale Blue Dot“ beschreibt das Missverhältnis zwischen Mensch und Technik und dessen negative Auswirkungen auf die Natur und gießt dies in eine zehnminütige sinfonische Progmetal-Dichtung zwischen Bombast und Brachialgewitter.

Wie gewonnen, so zerronnen

Das tiefergelegte „As I Am“ läutet tatsächlich schon das Ende ein. Die meisten Zuschauer haben heute einen Euro pro gespielte Minute bezahlt. Natürlich bewegt sich die Darbietung der Band auf hohem Niveau. Viele warten jedoch auf das zweite Set und sitzen entsprechend ernüchtert auf ihren Plastik-Schalen als der Abbau beginnt.

Angesichts der Qualität und des umfassenden Backkatalogs muss man konstatieren, dass die vollmundig angekündigte „special curated“-Setlist nicht mehr als eine Mogelpackung abgibt. Die Herzen, die die Band mit dem letzten Album wiedergewonnen hat, hat sie heute nicht wirklich zufrieden stellen können.

Setlist

Atlas / Untethered Angel / A Nightmare to Remember / Fall Into the Light / Peruvian Skies / Barstool Warrior / In the Presence of Enemies, Part I / The Dance of Eternity /Lie / Pale Blue Dot / As I Am

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