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The Streets (live in Wiesbaden, 2019) © Johannes Rehorst

Es ist kein normales Konzert, das The Streets im ausverkauften Schlachthof Wiesbaden vor enthusiastischem Publikum spielen. Es gibt fliegende Bierbecher, Crowdsurfing, Champagnerduschen und mittendrin Mike Skinner als ebenso wortgewandten wie wahnsinnigen Dompteur der Massen.

"Wer eine Jogginghose im Alltag trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren", ätzte der jüngst verstorbene Modedesigner Karl Lagerfeld. Mike Skinner, Mastermind von The Streets, ist der ultimative Jogginghosenträger.

Skinner hat sogar ein ganzes Album über den vollständigen Kontrollverlust veröffentlicht: "A Grand Don't Come For Free". Fazit: Geld weg, Freundin weg, Fernseher kaputt, viel Alkohol, viele Drogen – eine griechische Tragödie aus der British working class.

Eine Woche voller Freitage

Jemand, der Höhenflug und Absturz dermaßen auskostet wie Mike Skinner, gibt natürlich keine normalen Konzerte – und auch in Wiesbaden ist der Wahnsinn fester Bestandteil des Programms, vor allem zu Beginn. "Am I smelling pot here? You know that is illegal!", spottet Mike Skinner, der vermutlich in seinem Leben ganze Hanf-Plantagen geraucht hat. 

Auch der Alkohol fließt von Anfang an in Strömen: Mehrere Flaschen Champagner und zahlreiche Bierbecher stehen auf der Bühne. "Do you know what day it is?", fragt Skinner. Sein Ziel: eine Woche voller Freitage.  

Wahnsinn als Programm

Und gleich geht es los: Skinner erspählt die Viva Con Agua-Pfandbecher-Sammler mit ihren charakteristischen weißen Flaggen, springt in die Menge und ruft: "I must get to the flag!" Dort angekommen schwenkt er sie und schreit: "I surrender!"

Wieder zurück auf der Bühne wirft er volle Bierbecher ins Publikum. Das antwortet mit fliegenden vollen und leeren Bechern, so dass bald die ganze Halle trieft. Mike Skinner nimmt einen auf die Bühne fliegenden Becher volley und schießt ihn ins Publikum zurück: "England 1 – Germany 0" ruft er triumphierend, in Erwartung, dass die Zuschauer jetzt wütend sind. Aber er ist ja kein Holländer.

Mike Skinner verfügt über eine Bühnenroutine mit zahlreichen Elementen, die jeden Abend wiederkehren, wie beispielsweise die Aufforderung an die weiblichen Besucher zum Crowdsurfing.  Aber er zeigt auch seine Kreativität, indem er vermag, neue Ideen zu ersinnen, so die Bitte an alle, doch jetzt jemanden zu umarmen, den man nicht kennt. Grund: Dank vieler Pärchen in inniger Umarmung sei das Wiesbadener Publikum die "cuddliest audience ever". 

Ausgezeichnete Band

So viel erinnerungswürdige Momente verdecken fast etwas, dass Skinner sich auch musikalisch in exzellenter Form präsentiert. Es mag sein, dass ihm in den letzten 15 Jahren kein gutes Album gelungen ist, live ist er immer noch in der Lage seine Fans in Ekstase zu versetzen.

Dafür sorgt natürlich seine exzellente Band, die ausgesprochen unauffällig, aber wahnsinnig tight agiert. Skinner war nie der beste Rapper oder gar Sänger, aber im Zusammenspiel mit Kevin Mark Trail, Robert Harvey und dem Special Guest Grim Sickers hinterlassen seine Rhymes auch Jahre später noch Eindruck.

Gute Songsauswahl

Zum Erfolg des Abends trägt auch die gelungene Songauswahl bei. Skinner kennt seine Stärken, vertraut auf seine frühen Songs – und spielt "Original Pirate Material" fast komplett. Aber auch die besten Momente der späteren Zeit funktionieren im Kontext des Konzerts gut: Beim Anti-Gospel von "Never Went To Church" steht ausnahmsweise jemand anderes als Skinner im Rampenlicht, nämlich Kevin Mark Trail.

Auch "The Escapist", "Everything Is Borrowed", "Heaven For The Weather" und "Going Through Hell" ergeben gemeinsam mit den älteren Songs eine gute Mischung: Die ruhigeren Stücke wie "Dry Your Eyes" oder "Could Well Be In" sorgen für kurze Atempausen, während "Fit But You Know It" natürlich das Signal zum kollektiven Ausrasten liefert.

Live gewachsen

The Streets zelebrieren keineswegs nur die nostalgische Erinnerung an vergangene Großtaten oder trösten gar Millennials, dass jeder Rausch einmal enden muss. Vielmehr sind Mike Skinner & Co. im Jahr 2019 ein besserer Live-Act als zu ihren kreativen Hochzeiten, wenn meine Erinnerung an ihren doch recht normalen Auftritt im Jahr 2004 im 9:30 Club in Washington D.C. nicht trügt. 

Obwohl vieles keineswegs spontan geschah, normal war in Wiesbaden wenig: Selten wurden Kontrollverlust und Anarchie auf so mitreißende Art und Weise gefeiert wie bei diesem Konzert. Der Unterschied zu anderen Bühnenabstürzen wie dem von Pete Doherty in Frankfurt besteht darin, dass die Zuschauer lächelnd durch die Bierlachen nach Hause gehen.

Setlist

Turn The Page / Let's Push Things Forward / Same Old Thing / Sharp Darts / Don't Mug Yourself / Could Well Be In / Has It Come To This? / Geezers Need Excitement / Everything Is Borrowed / Never Went To Church / Stay Positive / Going Through Hell / Too Much Brandy / The Escapist / Heaven For The Weather / Dry Your Eyes // Your Wave God's Wave God / Call Me in the Morning / Open the Till / Weak Become Heroes / It's Too Late / Blinded By The Lights / Fit But You Know It

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