Richtig gelesen. Kaum hat das Zeltfestival Rhein-Neckar begonnen, sitzt Mike Skinner auf dem Rücken eines Fans und galoppiert durchs Palastzelt. Ein ganz normaler Abend mit The Streets also. Ach ja, Musik gab es auch.

Wer The Streets kennt, ist mit der Unberechenbarkeit von Mike Skinner vertraut: Niemand weiß, was bei seinen Konzerten als nächstes passiert, vielleicht nicht einmal er selbst.

Der Mann, den sie Pferd nannten

Seine verrückte Idee für das Auftaktkonzert des Zeltfestival Rhein-Neckar: ein "Horse Race". Auf dem Rücken eines Fans dreht Skinner zwei Runden durchs Palastzelt, gefolgt von einem halben Dutzend weiterer freiwilliger "Reiter". Mike Skinner nennt es "the race of your life".

Bei so viel Action tritt die Musik teilweise fast in den Hintergrund, weil man sich unwillkürlich auf Skinners wilde Ankündigungen und irre Aktionen konzentriert. Erinnerungswürdig sind sie allemal. 

Ein ziemlich ruhiger Albumklassiker 

Schon im ersten Teil des Konzerts zeichnete Skinner die Worte "The Streets Derby" und eine Pferdeskizze an die Plexiglaswände der vom Cover von "A Grand Don't Come For Free" bekannten Busstation. Welcher Künstler hat dem Maifeld Derby, bei dem The Streets 2019 auftraten, schon auf diese Weise gehuldigt?

Ach ja, "A Grand Don't Come For Free" – da war doch etwas: die Tour bietet die erste Komplettaufführung. So großartig das Album als griechische Tragödie aus der British working class funktioniert, es ist doch ein überwiegend ruhiges Album, das nur wenige Gelegenheiten zum kollektiven Ausrasten bietet. Nur "Fit but You Know It" gibt den Fans Gelegenheit, so richtig abzugehen.

Gerade dieser Gegensatz macht den Abend interessant: Während "A Grand Don't Come For Free" als durchgängige Geschichte eher von Zwischentönen lebt, sorgt Skinner zwischen den Songs immer wieder für spontane Eskalationen, die das Publikum mindestens genauso fesseln wie die Musik selbst.

Gelungene Aufführung

Die fast an ein Theaterstück erinnernde Kulisse bietet Skinner Gelegenheit, die Handlung noch einmal mit allen Höhen und Tiefen nachzuerleben – von der ebenso zärtlichen wie selbstgerechten Liebeserklärung "Wouldn’t Have It Any Other Way" über den selbsterklärenden Trennungsong "Get Out of my House" bis zum tränenreichen Selbstmitleid von "Dry Your Eyes".

Dabei giftet Sängerin Roo Savill so böse in Skinners Richtung als wäre sie tatsächlich die auf dem Album besungene (Ex-)Freundin. Immerhin taucht das verlorene Geld am Ende wieder auf. Insgesamt gelingt die Komplettaufführung, auch wenn der Ton gerade zu Beginn etwas zu dröhend gerät.

Lustvolle Anarchie

Bei einem seiner typischen Publikumsausflüge endet Mike Skinner auf dem Rücken eines Mannes und entwickelt von dort an die Idee eines Pferderennens. Als musikalische Untermalung gibt es die Hits und Klassiker vom Debütalbum wie "Turn The Page" über "Has it Come To This", die im ersten Teil naturgemäß nicht vorkommen konnten und vom Publikum gefeiert werden.

Dazu spielen The Streets neuere Songs wie "The Escapist" und "Take Me as I Am", die sich leidlich in das Gesamtset einfügen. "Never Went to Church" – ein Lied über seinen verstorbenen Vater sorgt wie immer für ein Highlight. 

Kontrolliertes Chaos

Insgesamt ist es bemerkenswert wie sehr sich das aktuelle Konzert von der Tour des Jahres 2019 unterschied. Natürlich liegen inzwischen sieben Jahre zwischen beiden Touren. Bemerkenswert bleibt jedoch, wie viele unterschiedliche Facetten Mike Skinners kontrolliertes Chaos besitzt.

Trotz bekannter Songs und wiederkehrender Publikumseinbindung wirkt nichts routiniert oder vorhersehbar. Genau das macht The Streets auch 2026 noch zu einem Live-Erlebnis, das man so kein zweites Mal bekommt.

Setlist

It Was Supposed to Be So Easy / Could Well Be In / Not Addicted / Blinded by the Lights / Wouldn’t Have It Any Other Way / Get Out of My House / Fit but You Know It / Such a Twat / What Is He Thinking? / Dry Your Eyes / Empty Cans / Turn the Page / Who's Got the Bag / Let's Push Things Forward / Don't Mug Yourself / Never Went to Church / Utopia / The Escapist / Has It Come to This / Weak Become Heroes / Too Much Brandy / Wrong Answers Only / Take Me as I Am