King Crimson (Pressebild, 2017)

King Crimson (Pressebild, 2017) © Conzertbüro Zahlmann

Die Zeiten mögen unsicher sein, doch auf Robert Fripps inzwischen achtköpfiges Prog-Rock Ungetüm ist verlass: Ohne jeglichen Eye-Candy, dafür mit unnachahmlicher Spielfreude präsentieren King Crimson eine äußerst gelungene Werkschau im Berliner Admiralspalast.

Zwischen Opulenz und Kargheit – so lässt sich der erste Eindruck beschreiben, der sich dem Besucher des Berliner Admiralspalast auf der "Uncertain Times" Tour der Progressive Rock-Legenden King Crimson beim ersten von drei Konzerten bietet.

Ohne jegliche dekorativen Elemente, nicht einmal mit einem Backdrop kommt der Bühnenaufbau daher, auch auf Lichtshow oder sonstige Visuals wird verzichtet. Gleichzeitig bietet die Bühne jedoch eine solche Vielzahl von Instrumenten, dass die einzelnen Musiker dahinter beinahe vollends verschwinden.

Staubtrocken

Der Blickfang schlechthin sind natürlich die drei Drumkits, gespielt von Pat Mastelotto, Gavin Harrison und Jeremy Stacey, die am vorderen Bühnenrand positioniert sind und einen gewissen visuellen Ankerpunkt für die ausverkaufte Show – die erste von insgesamt drei in dieser Location – bieten.

Dahinter finden sich, leicht erhöht, die weiteren Instrumentalisten: Saxophonist Mel Collins, von einer Schallschutzwand verdeckt, der hinter einem Turm aus Keyboards verborgene Bill Rieflin und natürlich Crimson-Mastermind, Lead-Gitarrist und Keyboarder Robert Fripp, der mit stoischer Miene im Schatten seines monströsen Effekte-Racks sitzt.

Einzig der bereits seit den 80ern bei King Crimson tätige, kahlköpfige Hüne Tony Levin – zuständig für Bass, Chapman-Stick und Background-Vocals –, sowie der lockige Sänger und Rhythmus-Gitarrist Jakko Jakszyk geben sich den Blicken preis, verzichten jedoch gänzlich auf Interaktion mit dem Publikum.

Vorsichtsmaßnahmen

Dass dieser Mangel an visuellen Reizen und Publikumsansprache von der Band genau so beabsichtigt ist, wird schon mit Beginn des ersten Sets schnell deutlich.

Wenngleich das Drum-Solo, das inzwischen zu Beginn einer jeden King Crimson Show fester Bestandteil ist, natürlich auch in der Betrachtung der drei Musiker einen gewissen Reiz offenbart, wird schnell deutlich, dass hier mehr als alles andere die Musik im Vordergrund steht.

Jegliche visuelle Komponente, die über das Nötigste hinausgeht, wäre zu viel des Guten: Das Konzert, das King Crimson in Berlin liefern, strotzt so vor versteckten Details, Komplexität und technischer Finesse, sodass der Zuschauer bereits denkbar ausgelastet ist, dem Spiel der Gruppe zu folgen – egal, ob nun während der Soli oder den eigentlichen Songs.

Auf höchstem Niveau

Das hohe Niveau der Gruppe zeigt sich schon gleich am Zusammenspiel der drei Drummer, das von tosenden, gemeinsam gespielten Parts bis hin zu fein aufeinander abgestimmten Teilen reicht, bei denen jeder der drei Instrumentalisten einen eigenen Stil und eine eigene Sound-Palette – von zahlreichen Glocken, Becken und gestimmten Toms über E-Drums bis hin zu Scrap-Metal-Percussion – entfaltet.

Dazu gesellt sich Tony Levin, dessen unverwechselbarer Spielstil die Rhythmus-Sektion durch sein perkussives Spiel ergänzt – insbesondere natürlich auf dem Chapman-Stick und gleichzeitig die melodische Grundlage für die komplexen Melodiebögen der Gruppe schafft. Bill Rieflin setzt währenddessen, gemeinsam mit Fripp und Stacey, der häufig die Drumsticks gegen Keyboard-Tasten austauscht, die Mellotron-lastigen Soundscapes der frühen Crimson-Jahre perfekt um.

White Magic

Angereichert werden die Melodien mit den abwechslungsreichen Texturen von Mel Collins, der im fliegenden Wechsel verschiedene Saxophone und Flöten bedient. Darüber schwebt der charakteristische Gitarrensound Fripps, häufig im detailliert durchkomponierten Zusammenspiel mit Jakszyk – dessen Stil als einziger eine gewisse individuelle Note vermissen lässt.

So erreicht die Gruppe einen vielschichtigen Sound, der durchdrungen ist von zahlreichen subtilen Details. Dabei wirkt er wohl vor allem deshalb so ungemein dicht, weil die einzelnen Instrumentalisten sich nicht unangenehm in den Vordergrund drängen, sondern als eine Gruppe gemeinsam, im ständigen Dialog miteinander musizieren. 

Coherence and Cascade

Doch funktioniert das Konzert King Crimson nicht nur in den zahlreichen einzelnen Details, sondern auch als Ganzes. Die beiden Sets, die die Gruppe spielt – getrennt durch eine kurze Pause, in der die Synapsen einmal durchatmen können – funktionieren jeweils als kohärente Einheit, und wirken wie aus einem Guss.

Dies liegt wohl vor allem in der Dynamik der Gruppe begründet: Von laut zu leise, von Komposition zu Improvisation, von Harmonie zu Disharmonie ist es bei King Crimson immer nur ein kleiner Schritt.

So wird der Auftritt schon alleine deshalb nicht langweilig, weil sich sowohl innerhalb der einzelnen Songs als auch zwischen den einzelnen Liedern stets etwas verändert, sei es der Sound, seien es kleine Variationen in Melodie oder Rhythmus.

A way of doing things

Gerade diese Kohärenz ist eine mehr als respektable Leistung: Nahtlos verknüpfen King Crimson Songs aus einer über fünfzigjährigen Schaffenszeit, die geprägt war von konstanten Besetzungs- und Stilwechseln – vom ätherischen Prog der Anfangsphase bis hin zur Wave-Phase der 80er.

Wenn man sieht, mit welcher Leichtigkeit die Gruppe ihren disparaten Backkatalog in abendlich wechselnden Setlists aufbereitet, so beginnt der Ausspruch Robert Fripps einzuleuchten, King Crimson wäre ein "way of doing things". Denn anders als mit einem grundlegenden musikalischen Kern, einer Vision, die Fripp mit verschiedenen Musikern über fünfzig Jahre weiterentwickelt hat, lässt sich die Schlüssigkeit des Konzeptes (und Konzertes) fast nicht erklären.

Nicht ganz perfekt

Einzig der Gesang Jakko Jakszyks schafft es nicht immer vollständig, die verschiedenen, ganz einzigartigen Gesangsstile der einzelnen King Crimson-Phasen abzubilden. Der Sänger ist wohl das schwächste Glied der Gruppe.

Während der cleane, technisch fast perfekte Gesang bei Songs der ersten Crimson-Alben noch einigermaßen funktioniert, gelingt ihm der kraftvolle, raue Gesang John Wettons schon nicht mehr so recht.

Am manischen, an die Talking Heads erinnernde Sprechgesang Adrian Belews, der die 80er-Ära King Crimsons so geprägt hat, versucht sich Jakszyk erst gar nicht, sondern ersetzt das irre Selbstgespräch in "Indiscipline" mit gesungenen Vocals. Das klingt nicht unbedingt schlecht, raubt dem Song aber ein Stück seiner schrägen Atmosphäre.

Natürlich kann man nicht erwarten, dass ein Sänger sämtliche Eigenarten der bisherigen Vokalisten imitieren kann – dies ist wohl auch gar nicht gewünscht. Doch fehlt Jakszyk, im Gegensatz sowohl zu seinen Bandkollegen als auch den früheren Crimson-Sängern, einfach eine Spur Charakter in der Stimme, eine individuelle Note, die den Vocals das gewisse Etwas verleihen würde.

Eigensinnig

Während das erste Set eine erstaunliche Bandbreite verschiedener King Crimson-Alben und -Inkarnationen abdeckt, liegt der Fokus des zweiten Teils stärker auf spezifischen Songs der frühen Crimson-Phasen.

Es wäre jedoch falsch, hier von einem "Greatest Hits"-Set oder gar einfachem Fanservice zu sprechen. Auch, wenn die gespielten Songs (größtenteils von "In the Court of the Crimson King", "Larks Tongues in Aspic" und "Red") die wohl beliebteste Phase der Gruppe abdecken, hat man nicht das Gefühl, dass sich hier bemüht würde, unbedingt das zu spielen, was die Fans hören wollen – die ständig wechselnden Setlists zeigen, dass das durchaus nicht der Fall ist.

Neuerfindung

Auch lässt es sich die Gruppe natürlich nicht nehmen, die gespielten Songs neu zu interpretieren. Wenngleich nie zu weit vom Original abgewichen wird, zeigt fast jedes gespielte Lied doch neue oder veränderte Elemente, seien es neue, kurze Intros oder ausgedehnte Improvisationsteile – so wie etwa ein im positiven Sinne ausufernder Instrumentalpart am Ende von "Easy Money", der dem Song ein Level an Intensität verleiht, das so auf der Studioversion definitiv nicht erreicht wird.

Gleiches gilt auch für die gut fünfzehnminütige Songfolge zum Ende des Sets, deren größtenteils instrumentale Wucht das Publikum mit Standing Ovations quittiert, sowie die Zugabe "Starless", die mit ihrem sich immer stärker zu einer Klimax steigernden Mittelteil einen weiterer emotionalen Höhepunkt des Sets darstellt.

Prog is just a Four Letter Word

Menschen mit anspruchsvoller Musik zu fesseln, ist vor allem in einem Rock-Kontext nicht leicht. Dass es King Crimson so mühelos gelingt, liegt wohl neben ihrem unbestreitbaren spielerischen Talent auch daran, dass sie eine perfekte Balance zwischen Emotion und Anspruch, zwischen Prog und Rock gefunden haben – ohne jemals in unnötig nudelige Gefilde oder allzu übertriebenen, kitschigen Pathos abzudriften.

Statt Komplexität um der Komplexität willen setzt das achtköpfige Monstrum um Robert Fripp auf vertracktes Songwriting, um ihren Liedern zusätzliche Tiefe, Faszination und Anspruch zu verleihen – ohne die emotionale Komponente je zu vernachlässigen. Dass es ihnen immer wieder aufs neue gelingt zeigt wohl am besten die Tatsache, dass selbst die frühesten Songs der Gruppe auch beinahe fünfzig Jahre später noch nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. 

Setlist

Set 1: Hell Hounds of Krim / Pictures of a City / Neurotica / Suitable Grounds for the Blues / Moonchild / The Court of the Crimson King / Discipline / Larks' Tongues in Aspic (Part IV) / Cirkus / Lizard ('Dawn Song' & 'Last Skirmish') / Islands / Indiscipline

Set 2: Red / One More Red Nightmare / Epitaph / Larks' Tongues in Aspic, Part Two / Easy Money / Cadence and Cascade / Radical Action III / Meltdown / Radical Action II / Level Five // Starless

King Crimson live in Berlin

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