King Crimson (Pressebild, 2018)

King Crimson (Pressebild, 2018) © Dean Stockings & David Singleton

Mit einem fulminanten Auftritt feiern King Crimson in der Frankfurter Jahrhunderthalle ein halbes Jahrhundert Bandgeschichte. Dabei demonstriert die britische Progressive Rock-Institution, dass die Band auch weiterhin in jeglicher Hinsicht auf der Höhe der Zeit ist.

Es ist keineswegs übertrieben, King Crimson als legendär zu bezeichnen. Im halben Jahrhundert ihrer Bandgeschichte waren sie die temporäre Heimat großer Namen wie Greg Lake, John Wetton, Adrian Belew oder Bill Bruford.

Dabei wiesen sie Zeit ihres Daseins – wohl unter anderem aufgrund der stetigen Besetzungswechsel – eine stilistische Vielfalt auf, die in vielerlei Hinsicht ihresgleichen sucht.

Mal anders feiern

Auch für die "2019 Celebration"-Tour hat Bandkopf und Saitenhexer Robert Fripp wieder eine illustre Truppe um sich geschart: Tieftöner Tony Levin an Bass und Chapman Stick, Sänger und Gitarrist Jakko Jakszyk, Bläser Mel Collins sowie die drei Drummer Gavin Harrison, Pat Mastelotto und Jeremy Stacey (letzterer in einer Doppelrolle als Schlagzeuger und Keyboarder) bilden die aktuelle Formation der britischen Progressive Rock-Institution.

Bevor das Septett allerdings die Bühne der Jahrhunderthalle betritt, kündigt eine Ansage vom Band erst einmal an, dass King Crimson an diesem Abend eine Party feiern möchten – oder vielmehr das, was die Herren Fripp und Co. darunter verstehen, wenn sie sich durch krumme Takte arbeiten, die wohl selbst die meisten der Anwesenden aus denselbigen bringen dürfte. Feiern ist nämlich nicht gerade das, womit man die Gruppe üblicherweise assoziiert.

Eine runde Sache

Dafür können sich King Crimson von der ersten Sekunde an der ungeteilten Aufmerksamkeit ihrer Frankfurter Fans sicher sein. Im Gegensatz zu so vielen anderen Konzerten in der heutigen Zeit bleiben die Mobiltelefone und Kameras des Publikums in den Taschen. Stattdessen lauschen die Zuschauer beinahe andächtig den komplexen Klängen, die von der mit Instrumenten und Musikern gefüllten Bühne der Jahrhunderthalle auf sie herab prasseln.

King Crimson wagen zu ihrem runden Jubiläum eine Werkschau und damit zugleich den Spagat zwischen den verschiedenen Bandphasen. Während gerade die neueren Stücke wie "EleKtriK" oder dem fulminanten Dreier aus zweimal "Radical Action" und "Meltdown" als wahre experimentelle Rhythmusfeuerwerke daherkommen, stellen die älteren, dramatischen Songs wie "Epitaph" und das namensgebende "The Court Of The Crimson King" geradezu spirituelle Erlebnisse dar.

Logis(tis)ches Meisterwerk

Maestro Fripp und seine Mannen lesen in Frankfurt eine musikalische Messe, die sich gewaschen hat. Ihr Auftritt ist klanglich wie logistisch eine absolute Meisterleistung. Hierbei sei einmal die Leistung der Soundtechniker und Crewmitglieder besonders hervorgehoben. Mehrere Dutzende Mikrofone alleine an den drei Drumkits, dazu zahlreiche Tasten- und Saiteninstrumente sowie die Frippschen "Soundscapes", sind auch in Zeiten von Digitalpulten nicht leicht abzumischen.

Ebenso wenig möchte man wissen, wie viel Zeit der Aufbau der mit Instrumenten nur so gespickten Bühne das Team von King Crimson wohl vor jedem Konzert kosten mag. Entgegen jeglicher Vermutung stehen nämlich nicht einmal die ausufernden Schlagzeuge von Harrison, Mastelotto und Stacey auf irgendeiner Art von Podest, das man einfach verladen und in die bzw. aus der Halle rollen könnte. Alles sieht von vorne bis hinten nach Handarbeit aus.

Wahre Könner am Werk

Gleiches gilt auch für die spielfreudigen Musiker, die genau wissen, wie sie sich in Szene setzen und wann sie sich besser in Zurückhaltung üben sollten. Peter Gabriels Stammtieftöner Tony Levin brilliert gleichermaßen als minimalistischer Bassist wie als virtuoser Stickspieler, während sich Meister Robert Fripp meistens dezent im Hintergrund hält, wenn er in die Tasten statt in die Saiten greift. Die Gitarrenparts überlässt er lieber dem singenden Kollegen Jakszyk.

Nicht weniger grandios präsentieren sich die drei Rhythmusgeber. Es ist schon erstaunlich, wie koordiniert und eingespielt Harrison, Mastelotto und Stacey agieren und interagieren, ohne sich dabei in die Quere zu kommen. Dass das Ganze auch noch klanglich völlig transparent aus den Boxen der Jahrhunderthalle tönt, ist mindestens genauso bemerkenswert und zeugt nicht nur vom Können des trommelnden Trios, sondern ebenfalls von den Fähigkeiten der Soundmänner.

(Fast) wunschlos glücklich

Den (vergleichsweise) entspanntesten Job des Abends hat womöglich Mel Collins, der sich bei den Stücken der 1980er und 1990er Jahre immer wieder Auszeiten gönnen darf, während seine Talente an Saxophon und Flöte speziell bei den Nummern der späten 1960er und frühen 1970er gefragt sind. Dann ist der bereits in der damaligen Zeit bei King Crimson beschäftigte Bläser aber jederzeit zur Stelle und weiß auf dem gleichen Niveau zu überzeugen wie seine Mitstreiter.

Damit man King Crimson auch nicht vorwerfen kann, dass sie sich lediglich wiederholen, spielt die Band auf der aktuellen Tour einige Raritäten wie "Cat Food" von "In the Wake of Poseidon" oder "The Sheltering Sky" von Discipline, zwei Songs, die sie jahrzehntelang nicht mehr gespielt haben. Sie fügen sich nahtlos in das Gesamtkonzept ein.

Frisch und unverbraucht

Als sich das neuerdings um Drummer und Keyboarder Bill Rieflin geschrumpfte Septett nach beinahe drei Stunden Spielzeit mit einer epischen Version von "Starless" vom Frankfurter Publikum verabschiedet, gibt es wenig bis gar nichts am Auftritt von King Crimson zu bemängeln.

Einige Besucher hätten sich vermutlich gewünscht, dass Klassiker wie "21st Century Schizoid Man" und "Red" zum Zuge gekommen wären, aber das Werk der Band ist eben so umfangreich, dass man nicht alles haben kann. King Crimson sind ein Phänomen. Welche andere Band der 1960er Jahre wirkt 2019 noch so frisch und unverbraucht?

Setlist

Larks‘ Tongues In Aspic, Part One / Cirkus / ConstruKction Of Light / EleKtriK / Epitaph / Cat Food / Lizard (Bolero & Dawn Song & Last Skirmish) / Pictures Of A City / Islands / Discipline / Indiscipline // Drumzilla / The Sheltering Sky / Easy Money / Radical Action III / Meltdown / Radical Action II / Level Five / Moonchild / Cadenzas / The Court Of The Crimson King (inklusive Coda) // Starless

 

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