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The Kills (live in Mannheim 2018) © Rudi Brand

Wo kann man großartige Bands in unvergleichlich entspannter Atmosphäre genießen? Richtig, auf dem Maifeld Derby! Das Festival auf dem Mannheimer Maimarktgelände macht auch in seinem 8. Jahr wieder alles richtig.

Eröffnet wird das Maifeld Derby 2018 von den Lokalhelden Gringo Mayer. Deren staubiger Americana mit den so prägnanten deutschen Texten weiß zu überzeugen – genauso, wie auch der erste Auftritt der Mannheimer Locals Die Rauchenden Spiegel. Rein instrumental, dafür vollgepackt mit krautigen 70er-Reminiszenzen, macht die Band Lust auf mehr.

Für Lust auf weniger sorgt hingegen der Austropopper Austrofred: Die Mischung aus Queen-Instrumentals und österreichischen Pop-Klassikern – komplett mit Freddy Mercury-Imitation – fällt wohl in die Kategorie "muss man mögen". Da macht es einem der zwar nicht unbedingt innovative, aber spielfreudige und tanzbare Indie-Rock der Norweger Great News doch einfacher mit dem Mögen.

Sympathie (und der Mangel daran)

Das franko-kubanische Geschwisterpaar Ibeyi erfüllt im Anschluss das Palastzelt mit sphärischem Elektro-Soul. Die Musik überzeugt dabei nicht nur aufgrund der gelungenen Integration verschiedenster Einflüsse, sondern auch durch die sympathische und authentische Performance der beiden Frauen.

Gleichfalls authentisch, aber wesentlich weniger sympathisch ist (zumindest) die Musik von Malm, deren krachiger Noise-Rock sich perfekt mit einem sehr offensichtlichen Wortspiel ihres Namens beschreiben ließe – wenn man sowas denn mag. Die Wirkung der Gruppe wird leider durch den arg undifferenzierten Bühnensound gemindert, obwohl die Songs an sich definitiv überzeugen. 

Mit weitaus angenehmeren Sound präsentiert sich der blutjunge Emo-Rapper (ja, wirklich!) Wicca Phase Springs Eternal auf dem Parcour D'Amour. Auch dessen Songs sind eigentlich hervorragend, hier ist es jedoch die sehr unspektakuläre Bühnenpräsenz, die ein bisschen den Gesamteindruck mindert.

Genug geträumt

Mit fortschreitender Zeit füllt sich das Festivalgelände immer mehr mit feierlaunigem Publikum, das über das Gelände streift. Empfangen werden sie dabei zum Beispiel von den Niederländern Klangstof, die von der Fackelbühne aus das Gelände mit irgendwie poppigem, irgendwie aber auch verträumten Post-Rock beschallen. 

Auch ein bisschen verträumt, jedoch weitaus souliger präsentiert sich der Sänger Rhye. Seine androgyne, gefühlvolle Stimme wird dabei von einer wirklich hervorragenden Live-Band getragen, die den Songs eine Menge funkiger Power verleihen. 

Wer genug hat vom Träumen und Schwelgen, der kann sich im Brückenaward-Zelt von der australischen Gruppe Yamantaka // Sonic Titan wieder aufwecken lassen. Das Musiker-Kollektiv spielt einen schwer zu beschreibenden, eklektischen Mix aus Metal, Prog, J-Pop und asiatischer Folklore. Ein definitives Highlight ist neben den ausgefeilten Songs die teilweise zweistimmige Vocal-Performance.

Gear Porn 

Deerhunter spielen am Freitagabend die letzte Performance auf der Fackelbühne und setzen prompt ein Ausrufezeichen. Mit einem konzentrierten, aber enorm lebendigen Auftritt ziehen sie das Publikum auf ihre Seite. Besonders überzeugend gelingt die sehr differenzierte, abwechslungsreiche Instrumentierung ihrer Songs.

Danach lockt im schummrig-düsteren Palastzelt Nils Frahm mit dem wohl spektakulärsten (und wahrscheinlich auch teuersten) Bühnenaufbau des Festivals: Unzählige (Tasten-)Instrumente hat der deutsche Pianist hier aufeinandergestapelt, von einem großen Piano über zahlreiche Vintage-Synthies bis hin zu Space Echos und Drumcomputern. 

Frahm bedient all diese Instrumente tatsächlich selber; steht oder sitzt oft mit dem Rücken zum Publikum, drückt Knöpfe und dreht Regler – was nach einem merkwürdigen Live-Konzept klingt, funktioniert erstaunlich gut. Frahms Musik, ein eigenwilliger Mix aus moderner Klassik, Berliner Schule-Arpeggios und leichten Dance-Beats tut ihr übriges, das Publikum zu fesseln. 

Tanzen, schreien, schlagen

Mit wesentlich weniger Tasten, dafür mehr (und härteren) Beats schließt endlich der Brite Jon Hopkins auch das Palastzelt für den Abend. Hopkins zielt definitiv auf das Tanzbein des Publikums – und ist damit immens erfolgreich. Mit ungebrochener Energie tanzt das Publikum während seines Sets, beleuchtet von den minimalistischen Video-Projektionen hinter dem DJ.

Doch auch für Menschen ohne Tanzbeine ist während und nach Hopkins' Konzert gesorgt: Das Brückenaward-Zelt bietet auch zur nachtschlafenden Stunde noch hemmungsloses auditive Gewalt. Die aus Omega Massif hervorgegangenen Phantom Winter ist dabei eher im unteren Tempo-Segment angesiedelt und bestraft die Zuhörer mit tonnenschweren Riffs und fiesem Gesang.

Cocaine Piss hingegen bieten hyper-nervösen, noisigen Hardcore Punk – kein Song dauert hier länger als zwei Minuten. Dazu liefert die Sängerin der Gruppe fast schon hysterischen, definitiv einzigartigen Gesang; ihre energiegeladenen Bühnenperformance steckt das Publikum schon mit den ersten Takten des Sets an. Schade nur, dass die Band die Bühne schon so schnell wieder verlässt.

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Der zweite Tag des Maifeld Derby lädt mit wunderbarem Wetter dazu ein, abseits der Musik das Festivalgelände zu erkunden, sich an der großen Auswahl von Speis' und Trank zu delektieren oder die zahlreichen kleinen Verkaufsstände zu erkunden. 

Doch bald schon wird man auch wieder in Richtung der Musik gelockt, so zum Beispiel durch die Spanierinnen von Hinds: Ihr Backdrop stellt die Band klar, dass sie auf der Bühne stehen, um zu rocken – und genau das tun sie auch. Eine große Menge wird auch von dem Marteria-Produzenten Kid Simius, auch aus Spanien, angezogen, der seichten, aber unbedingt stimmungsvollen Electro darbietet und dafür enormen Zuspruch erhält. 

Gleichfalls tanzbar, jedoch mit mehr Funk und weniger Dubstep, präsentieren sich die vielköpfigen Tank and the Bangas. Die Band lebt von ihrer instrumentalen Wucht, dem durchdachten Songwriting und insbesondere von der beeindruckenden Energie und Stimmgewalt der Sängerin. 

Von der Wüste in die Hölle

So, wie es in den vergangenen Jahren schon Kadavar und King Gizzard vergönnt war, das Publikum im strahlenden Sonnenschein klanglich in die Wüste zu versetzen, übernehmen in diesem Jahr die Amerikaner von All Them Witches diese ehrenvolle Aufgabe: Mit meist im Mid-Tempo angesiedeltem, staubtrockenen Stoner-Blues haben diese auch die perfekten Voraussetzungen dazu, gleiten aber gelegentlich ein bisschen zu sehr in Monotonie ab. 

Mit dem langsamen Sonnenuntergang verfinstert sich auch die Stimmung auf der Zeltbühne: Neurosis sind wohl die Helden des Post-Metal, und ihr Auftritt beim Maifeld Derby eine kleine Sensation für all jene, die es langsam, lang und atmosphärisch mögen. Und düster, vor allen Dingen düster. Für etwas über eine Stunde bieten Neurosis eine emotionale Achterbahn der negativen Emotionen, die mit "Through Silver in Blood" auf einem intensiven Höhepunkt endet. 

Einziger Wermutstropfen ist, wie verhältnismäßig spärlich das Konzert besucht ist – was definitiv nicht an der spielerischen Qualität der Gruppe liegt. Das abtrünnige Publikum tummelt sich vielleicht am Bierstand, bei Goldroger oder Sudan Archives, oder sammelt Kräfte für die folgenden Wombats, deren tanzbarer, lockerer und sympathischer Indie-Rock (wie zu erwarten) bestens ankommt.

Synthpop und Weihrauch

Mit den Editors steht schließlich der Festival-Headliner auf der Bühne des Palastzeltes. Auch, wenn ihr langsamer Wandel hin zu elektronischeren Sounds nicht bei jedem Fan gut ankam, ist das Zelt proppenvoll. Und zumindest live funktioniert dieser synthpoppige Sound auch tadellos – das Publikum tanzt du den eingängigen Beats, hängt Sänger Tom Smith an den Lippen, und badet im Lichtermeer der effektvollen Lightshow. 

Im Brückenaward-Zelt hingegen ist (schon wieder) Weltuntergangsstimmung. Wer nach Neurosis noch Heaviness-Reserven hat, kann diese bei Wolves In The Throne Room und deren so schnellem wie über-melodischen Black Metal bestens freilassen – Weihrauch und Naturverbundenheit inklusive.

Die Qual der Wahl

Schon wieder schneller, als das dem Publikum wohl lieb ist, bricht auch schon der letzte Tag des Maifeld Derby an.

Doch Trauer ist (noch) Fehl am Platz, denn natürlich hat es auch der Sonntag in sich. Ob die stimmungsvolle Eröffnung durch die bunten Buben (und Bubinnen) des Golden Dawn Arkestras, die dem Erbe Sun Ras auf erstaunlich bodenständige, groovige Art und Weise huldigen, die vertrackten Rhythmen Ätnas oder den melodischen Post-Punk von Criminal Body, die Auswahl überzeugt.

Auch die Performance der schottischen Young Fathers hat es in sich: Live-Drums und so brachiale wie minimalistische Synthies liefern den Hintergrund für die dynamische Vocal-Performance der drei Sänger. Diese wechseln sich mit Rap- und Gesangsparts, mit Background- und Lead-Gesang immer wieder ab, bleiben ständig in Bewegung und reißen das Publikum ziemlich mühelos mit.

Kurz vor Schluss

Während Alex Cameron mit seiner relativ konventionellen Performance nicht so recht die Erwartungen erfüllt, die er mit seiner hochkreativen Musik und den abgefahrenen Musikvideos schafft, macht das Duo The Kills alles richtig. 

Ergänzt durch Bass und Schlagzeug gelingt es Gitarrist Jamie Hince und Sängerin Alice Mosshart, ihre Songs noch weitaus lebendiger und direkter zu gestalten als dies auf den Alben der Fall ist – insbesondere auch durch die mitreißende Art Mossharts und ihre kraftvollen Vocals. 

Der stampfende Groove von The Kills ist eine beinahe perfekte Überleitung zu Black Rebel Motorcycle Club, die ihren staubtrockenen, bluesigen Rock als letzte Band des Festivals auf der Fackelbühne zum Besten geben. Die Songs des neuen Albums "Wrong Creatures" fügen sich bestens in die Setlist, die einen Querschnitt der Band-Geschichte liefert, ein; der drückende Live-Sound von BMCR rundet den Gesamteindruck perfekt ab.

FEels good

Für den Abschluss sorgen dann Eels im Palastzelt. Wer vermutet hatte, dass Mark Oliver Everett und Band verschrobenen, merkwürdigen Indie-Pop spielen werden, wurde womöglich von der rockigen Härte ihres Sets überrascht. Das Arrangement der Indie-Pop-Perle "I Like Birds" in Ramones-Tempo ist nur einer der verblüffenden Momente.

Nicht alle ihre Indie-Pop-Klassiker werden bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Im Gegenteil: Eine wunderschöne Version von „Climbing To The Moon“ von „Electro-Shock Blues“ ist exemplarisch für die andere, sanfte Seite der Eels. Gleichzeitig spürt man, dass die Band Spaß daran hat, ihre Musik neu zu erfinden. Als die Besucher nach neunzig Minuten ins Freie strömen, besteht keine Zweifel daran, dass das Maifeld Derby auch 2018 wieder alle Erwartungen erfüllt hat.

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