Meret Becker (Pressebild, 2018)

Meret Becker (Pressebild, 2018) © Kulturzentrum dasHaus

Meret Becker & The Tiny Teeth stellen im fast ausverkauften Ludwigshafener Kulturzentrum dasHaus unter Beweis, dass sie sich als eine universelle und unangepasste Künstlerin versteht. Ihr Publikum dankt ihre außergewöhnliche Performance mit hingebungsvollem Beifall.

Die geborene Bremerin und langjährige Wahlberlinerin ist spätestens seit ihrem prestigeträchtigen Engagement als Berliner Tatort-Kommissarin Nina Rubin ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit gerückt.

Dabei verspricht ihr Programm "La Grande Ordinaire" natürlich genau das Gegenteil. "Gewöhnlich" wird an diesem Abend so gut wie gar nichts sein. An einem milden Samstagabend füllt sich der Saal des Ludwigshafener Kulturzentrums dasHaus mit einem bunt gemischten Publikum aus neugierigen Tatort-Schauern, Kleinkunstinteressierten und jüngeren Zuschauern, die von der Anziehungskraft der Künstlerin Meret Becker fasziniert sind.

Ganz und gar nicht gewöhnlich

Die Bühne des großen Saals ist vollgestellt mit Instrumenten und Dingen, die Instrumente sein könnten. Eine hohe Leiter und daran befestigte Lampendrähte symbolisieren eine Zirkuskuppel.

Das Feld ist bestellt für Meret Becker, die in einer Art modifiziertem Hochzeitskleid zusammen mit ihren fünf Mitmusikern unter großem Beifall erscheint, um in den folgenden rund 100 Minuten einen Querschnitt ihrer Auffassung von zeitloser Musik und darstellender Kunst zu zelebrieren. Unter dem Motto "Le Grande Ordinaire" präsentiert sie dabei Lieder ihrer bisherigen, seit 1999 in großen Zeitabständen erschienen, drei Studioalben und unbekannteren Stücken.

Abwartender Beginn

Mit "Brasch" und "Blumen in Phasen" startet Meret Becker per singendem Wasserglas und teilweise a-cappella in das Konzert. Ihre Band begleitet sie dabei gesanglich und später auch an den Instrumenten. Das Publikum beäugt neugierig die Darbietung, die auf den gewöhnlichen Konzertbesucher auf den ersten Blick spröde anmuten mag.

Ein Föhn kommt zum Einsatz, der ein kleines Kinderpiano bearbeitet, Meret spielt auf der singenden Säge und The Tiny Teeth brillieren an Piano, Schlagzeug, Gitarre sowie Holz- und Blechblasinstrumenten. Langsam entsteht ein Verständnis für die Komplexität der Darbietung und der Beifall zwischen den Liedern wird immer lauter.

Wundertüte

Es ist großartig zu sehen wie die Berlinerin im weiteren Verlauf in ihrer Performance aufgeht. Die Protagonistin agiert dabei mit ihrem drahtigen Körper ganz im Stile alter Varietékünstler und wirkt dabei vollkommen authentisch. Sie ist überall auf der Bühne unterwegs, räumt Instrumente weg oder baut sie auf und untermalt ihren Auftritt gestenreich.

Natürlich merkt man ihr immer ihre Herkunft an. Die Großmutter war Komikerin, der "Ziehvater" und schmerzlich vermisste großartige Schauspieler Otto Sander, den sie einmal kurz erwähnt, eine wichtige Bezugsperson. "Ich habe ja eine gute Kinderstube genossen" teilt sie dem Publikum zwischen zwei Songs grinsend mit. Das alles zusammengewürfelt ergibt an diesem Abend eine Melange und einen Reiz, der einen Hauch von Berlin nach Ludwigshafen bringt. 

Stilmix mit hervorragender Band

Egal ob sie nun wie ein Zirkusdirektor ("Zirkus") mit "Meine Damen, meine Herren" Attraktionen per Megafon ausruft, ob es absurd und selbstironisch wird und ein Hase am gedeckten Tisch Platz nimmt ("Harvey") oder ob sie selbst in die Saiten der Gitarre greift und den dunkleren Country-Stil ihre aktuelle Platte "Deins & Done" vorstellt, Meret Becker lebt ihren Stilmix genussvoll aus.

Die Band um ihren musikalischen Langzeitpartner und Gitarristen Buddy Sacher spielt hingebungsvoll Vaudeville im Stil der 20er, Mörderballaden, Moritaten und Kirmeswalzer. Der Einfluss der späten Einstürzenden Neubauten, mit denen sie auch verbunden ist, schimmert durch. Insbesondere Peter Wilmanns, wie Sacher früher Mitglied des legendären Musikerkollektivs Ars Vitalis, einer Band mit der die Becker schon in den 90er-Jahren arbeitete, dient der Sängerin öfters als Sidekick und sorgt für lockere Momente und Lacher, gerade bei der Bandvorstellung.

Große Momente

Meret Becker ist die perfekte Personifizierung des Bordstein-Mädchens in "Das gläserne Gesicht". Sie gurgelt "La Vie En Rose" der großen Piaf, es scheppert und fiepst, eine Glasharfe erklingt, man sieht einen "gewagten" Eiertanz, Konfetti fliegt und allerlei obskure Instrumente haben ihren Kurzauftritt.

Sie singt im fließenden Wechsel mehrsprachig, klingt mal schrill und laut wie ein Kind und dann wieder leise und zärtlich flüsternd je nach Wortwitz oder Ernsthaftigkeit des jeweiligen Stückes. Sie wechselt zwischen Gesang als auch gesprochenem Wort und hält sich mit dem direkten Kontakt zum Publikum weitestgehend zurück ohne dabei jedoch unnahbar zu wirken. Das Gesamtkonzept von "Le Grande Ordinaire" steht klar im Vordergrund und ergibt ein inniges, einprägsames Bild, als die Band im weiteren Verlauf des Konzerts ganz dicht am Bühnenrand zusammenkommt und gemeinsam musiziert.

Berauschendes Finale

Das Publikum feiert die Künstler nach dem Abschlussstück "Zirkus" frenetisch und die sichtlich gerührte Chanteuse geizt nicht mit Zugaben. Egal ob sie dabei einen aufblasbaren Hund durch einen Zirkusreif springen lässt und sie ganz ihrer Varietédarstellung verpflichtet bleibt oder in "Trinklied", einem Song, dessen Text tatsächlich ihr Bruder Ben Becker mit keinem geringeren als Harald Juhnke verfasst hat: sie bleibt wunderbar unberechenbar.

Der Kreis schließt sich als die Männer ihrer Band sie wieder a-cappella hinausbegleiten und Meret Becker eine Flasche "Pfalzstoff" entgegen dem augenzwinkernden Rat ihres Gitarristen ("Du sollst doch nicht so viel trinken") in einem Zug leert und die denkwürdigen letzten Worte "Dies gehört in meiner Familie zum guten Ton" spricht.

Ein großes Ausrufezeichen am Ende eines außerordentlichen Konzertabends in Ludwigshafen. 

Setlist

Brasch / Blumen in Phasen / Föhn / Blumen in Phasen (Intro Papillon) / Papillon en Novembre / (Intro Glasharfe) / Al Compaz De Un Valz / Gläsernes Gesicht / The Road / Lentemenet / Ships Are Sinking / Walzer De Un Amore / Overture & Hermes / (Intro Harvey) / Harvey / La Vie En Rose / Blumen in Phasen (Bauchrednerin) / Sakamra / Woman With The Iron Hair / Etoile / Zirkus / Zugaben ( u.a. Trinklied)

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