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Ghostpoet (live in Heidelberg, 2018) © Johannes Rehorst

Der Londoner Ghostpoet ist kein Unbekannter in Heidelberg. Bereits 2012 spielte er im Karlstorbahnhof. Mit seinem aktuellen Album "Dark Days + Canapés" tritt er sechs Jahre später erneut dort auf und findet ein begeistertes Publikum vor. Zu Recht.

"And no, I’m not a hiphop act. I’m starting to find such behaviour insulting. #fixup", heißt es am Montag des Heidelberger Konzertabends auf dem Instagram-Profil von Ghostpoet. Es ist nicht einfach, ihn in eine musikalische Schublade zu stecken. Im Grunde ist es aber auch nicht nötig.

Den Abend eröffnen Caro aus Leeds. Vorbands sind ja immer eine Wundertüte. In diesem Fall überzeugt die Wahl, können Caro doch mit einer beachtlichen Genre-Bandbreite aufwarten. Was anfangs noch nach Klischee-UK-Indie klingt, verwandelt sich schnell in ein unerwartet wuchtiges Brett. Der Bass ist mal verspielt, mal geradlinig trocken. Das Ganze schraubt sich bis zu einem nahezu sphärischen Progressive-Solo hoch. Gerne mehr davon.

Das volle Repertoire

Ghostpoet selbst tritt nicht allein, sondern mit Band auf. Die Bühne ist vollgepackt mit Synthesizern, E‑Pianos, Saiteninstrumenten, Schlagzeug und MIDI-Controllern. Der erste Song "Many Moods At Midnight" zeigt bereits, dass das aktuelle Album wesentlich düsterer ist als Ghostpoets bisherige Scheiben.

Ghostpoet zählte allerdings nie zu den Gute-Laune-Musikern. Schon auf seinem Debüt "Peanut Butter Blues & Melancholy Jam" (2011) lotet der Musiker die Untiefen des Sich-über-Wasser-Haltens im London des 21. Jahrhunderts aus, ohne dabei völlig schwarz zu sehen. "Dark Days + Canapés" hingegen ist noch einmal eine ganze Spur deprimierender, schneidet Themen von Beziehungsproblemen bis hin zu ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer an.

In my head, it’s all palm trees and appletinis

Diese Entwicklung schlägt sich auch musikalisch nieder. Die Band leistet ganze Arbeit, überträgt die auf den Alben vorhandene Dynamik mühelos in die Wirklichkeit, ohne sich sklavisch an die Studio-Arrangements zu halten. Dabei spannt sich der musikalische Bogen von Trip-Hop bis zu verstärkerberstendem Postpunk. In Stücken wie "Woe Is Meee" zeigt sich aber auch eine überraschende Verspieltheit, die trotz der Grundstimmung einen nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert beisteuert.

Ghostpoet selbst geht als Künstler dabei nie verloren, muss sich aber auch nicht in den Vordergrund drängen. Seine dunkle und trockene Stimme dringt mühelos durch die Klangwand und in den Saal. Mal ist sein Sprechgesang die maßgebliche Linie eines Stücks, dann wieder akzentuiert er lediglich und lässt Raum für Instrumental-Parts.

Exemplarisch für diesen Stil kann "Blind as a Bat…" vom neuen Album stehen. In dem getragenen Stück sind nur vereinzelte Textzeilen inklusive eines repetitiven Refrains zu hören, die jedoch völlig ausreichen, um die melancholische Wirkung um ein Vielfaches zu verstärken. Der stärkste Akzent aber ist ein zwischen Strophe und Refrain gesetztes Hauchen Ghostpoets, das zwar nur den Bruchteil einer Sekunde dauert, aber dennoch die ganze Essenz des Liedes in sich trägt.

A Silver Lining

Nach neunzig Minuten endet der Hauptteil, das Publikum aber will sich damit noch nicht zufriedengeben und klatscht Ghostpoet plus Band zurück auf die Bühne. Zum Abschluss kramt der Londoner tief in seinem bisherigen Werk und gibt zwei seiner ältesten Stücke zum Besten: "Survive It" und "Liiines", beide vom Debüt.

Beiden Stücken ist ein hoffnungsvoller Ton gemein, der vom Publikum aufgegriffen und nochmals ausgelassen betanzt wird. In diesen beiden Stücken kann man noch die Hiphop-Wurzeln Ghostpoets erahnen, auch wenn er diese lange hinter sich gelassen hat. In Heidelberg dürfte ihm dennoch oder gerade deshalb stets ein Auftritt sicher sein.

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