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KISS (live in Frankfurt, 2017) © Dominic Pencz

Bei ihrem Auftritt in der Frankfurter Festhalle versetzen die Rocklegenden von KISS ihr Publikum mit einer grandiosen Show in Ekstase und stellen unter Beweis, dass eine überlebensgroße Stadionatmosphäre auch in geschlossenen Räumlichkeiten möglich ist.

KISS sind eine echte Institution im Musikgeschäft. Seit über vier Jahrzehnten macht das maskierte US-amerikanische Quartett inzwischen die Lande unsicher. Nach der Komplettabsage ihrer Deutschlandtour im Vorjahr sind die zumeist schwarz-weiß geschminkten New Yorker 2017 wieder in Deutschland unterwegs. Einer ihrer Stopps führt sie in die fast ausverkaufte Frankfurter Festhalle.

Feuriger Beginn

Nachdem KISS die Bühne betreten haben, feuern sie von der ersten Sekunde an aus allen Rohren – und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Denn KISS haben einmal mehr eine exquisite Pyrotechnikshow nach Europa mitgebracht.

"You wanted the best – you got the best", kündigt eine Ansage bedeutungsvoll an und verspricht damit nicht zu viel. Das Quartett sorgt nämlich gleich für Stimmung. Basser Gene Simmons, in seinem kompletten klassischen Dämonenkostüm, beginnt am Mikrofon, während sich der Rest seiner Truppe an den Instrumenten durch den straighten Rocker "Deuce" vom Debütalbum der Band arbeitet, der standesgemäß von einer kleinen feurigen Explosion am Ende des Songs zum Absch(l)uss gebracht wird.

Feiern für den Frieden

Nachdem die Zuschauer das folgende "Shout It Out Loud" gefeiert und lautstark mitgesungen haben, beweist Frontmann Paul Stanley, dass KISS durchaus ernst sein können. Er ruft das Publikum zu einer Schweigeminute für die Opfer des Anschlags beim Ariana Grande-Konzert in Manchester auf. Der Großteil der Fans hält sich auch daran. Um ein Zeichen zu setzen, schlägt er – mit einer schwarz-rot-golden gehaltenen Gitarre bewaffnet – nun vor, den Abend zu einer großen Party werden zu lassen.

Die Zuschauer gehorchen seinen Worten und machen artig mit, als KISS mit Stanley als Leadstimme und den sich in bester Beatles-Manier ein Mikrofon teilenden Gene Simmons und Tommy Thayer zu "Lick It Up" übergehen. Eine grandiose Lasershow, die mit ihren Strahlen die Arena in ein grünes Lichtermeer taucht, leistet ihr Übriges. Die New Yorker wissen eben, wie man eine anständige Feier in die Tat umsetzt. Bereits nach den ersten drei Stücken ist die Festhalle zu einer gigantischen Partyzone mutiert.

Laut, explosiv und unvergesslich

Doch auch in der Folgezeit lassen KISS nicht nach und setzen weiter auf Altbewährtes. Während des von Simmons gesungenen und vom Publikum aus voller Kehle begleiteten "I Love It Loud" überlässt Stanley für einen kurzen Moment einem kleinen Mädchen seine schwarz-rot-goldene Streitaxt. Dagegen präsentiert der dämonisch anmutende Tieftöner bei "Firehouse" nicht nur seine äußerst markante Zunge, sondern spuckt (im wortwörtlichen Sinne) sogar tatsächlich Feuer.

Eine kleine pyrotechnische Salve feuert auch das sechssaitige Instrument von Leadgitarrist Tommy Thayer während seines Solospots im Anschluss an "Shock Me" ab. Die Einlage dient dabei allerdings weniger der Demonstration seiner spielerischen Fähigkeiten, sondern – wie praktisch alles bei den vier US-Amerikanern – der Show. Deshalb bleiben ihre Auftritte auch im Gedächtnis, oder wie es Stanley so prägnant formuliert: "Nobody forgets their first KISS!"

Dämonisches Vergnügen

Bei all der auf den Konzerten der Band häufig im Vordergrund stehenden Effekthascherei sollte man dabei aber niemals außer Acht lassen, dass das Quartett dennoch über ein nicht zu unterschätzendes musikalisches Talent verfügt. So darf sich zum Beispiel Bassist Gene Simmons nicht ganz zu Unrecht auf die Fahne schreiben, einst Van Halen entdeckt zu haben.

Der Tieftöner ist es dann auch, der das nächste Highlight des Abends setzt. Nach dem von Foto- und Videoaufnahmen vergangener Zeiten unterlegten "Flaming Youth" taucht er als grüner Dämon aus blauem Nebel auf, spuckt von "Gene"-Sprechchören begleitet Blut und entschwebt danach, in rote Farben getaucht, in luftige Höhen – wo er am Ende seines Bass-Solos oberhalb der großen Videoleinwand gleich als Sänger mit dem nächsten Song "God Of Thunder" weitermacht.

Übriggebliebener Überflieger

Der Rest der Show gehört dann primär dem neben Simmons zweiten verbliebenen Gründungsmitglied, Paul Stanley. Zunächst merkt er an, es sei gut zu schwitzen. Dann berichtet der Frontmann von seiner in Berlin geborenen Mutter und lässt sich daraufhin vom Publikum mit Sprechchören lautstark dazu animieren, sich doch in ihre Mitte zu begeben. Ihr Wunsch ist ihm Befehl, und so fliegt er anschließend über die Köpfe der Zuschauer hinweg zu einer sich drehenden Bühne etwa auf Höhe des Mischpultes.

Dort gibt Stanley erst einmal "Psycho Circus" zum Besten, bevor er – mit einer glitzernden Gitarre um seinen Hals – unterstützt von einer ebenso funkelnden Discokugel -  unterhalb der Hallendecke seinen Solospot zelebriert. Am Ende dieser Einzeleinlage stimmt er dann den Klassiker "Black Diamond" an. Während Stanley nun zurück auf die eigentliche Bühne schwebt, darf sich der solide aufspielende Drummer Eric Singer am Gesangspart versuchen und gibt dabei auch gar keine schlechte Figur ab.

Fulminantes Finale

Mittlerweile hält es auch die Zuschauer auf den Rängen kaum noch auf ihren Sitzen. Die inzwischen prallgefüllte Halle kocht sprichwörtlich vor Stimmung, denn KISS machen völlig unbeirrt mit ihrer energiegeladenen Show weiter, die sich langsam aber sicher dem Ende entgegen neigt. Vorher jedoch haben sie noch ein paar Asse im Ärmel. Das erste davon ist das von Konfetti und lilafarbenen Strahlern spektakulär inszenierte und das reguläre Set beschließende "Rock & Roll All Nite".

Die zwei womöglich größten Klassiker der Bandgeschichte fehlen aber noch. Denn keine KISS-Show der Welt wäre wohl komplett, ohne dass "I Was Made For Lovin‘ You" und "Detroit Rock City" zu hören sind. Genau diese Hits liefern die vier maskierten Männer dann auch – und es tut der Sache auch keinerlei Abbruch, dass sich Stanley dabei stimmlich ab und an vom rechten Weg zu verirren scheint. Das Publikum und der Rest der Band stehen dem Sänger gerne mit Leibeskräften hilfreich zur Seite.

Von der (leicht alternden) Muse geKISSt

Als sich KISS nach etwa 105 Minuten von ihrem Frankfurter Publikum verabschieden, dürfte so gut wie niemand enttäuscht die Festhalle verlassen. Das US-amerikanische Quartett weiß auch in seiner aktuellen Besetzung aus Simmons, Singer, Stanley und Thayer zu überzeugen. Mancher mag vielleicht die weiterhin fehlenden Gründungsmitglieder Ace Frehley und Peter Criss vermissen, aber die derzeitige Formation versprüht jede Menge Energie und Spielfreude.

Auch nach über 40 Jahren sind KISS live immer noch eine Reise wert. Das haben sie in der Frankfurter Festhalle einmal mehr eindrucksvoll demonstriert. Natürlich muss man beim seit seiner Stimmbandoperation 2011 gesanglich etwas angeschlagenen Stanley leichte Abstriche machen. Das kompensiert der Frontmann aber durch umso mehr Tatendrang und weiterhin vorhandenes Charisma. Beim Verlassen der Arena kann man jedenfalls allerorts zufriedene Gesichter erblicken.

Setlist

Deuce / Shout It Out Loud / Lick It Up / I Love It Loud / Firehouse / Shock Me / Tommy Thayer Gitarrensolo / Flaming Youth / Gene Simmons Bass-Solo / God Of Thunder / Crazy Crazy Nights / War Machine / Say Yeah / Psycho Circus / Black Diamond / Rock & Roll All Nite // I Was Made for Lovin’ You / Detroit Rock City

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