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The Jesus & Mary Chain (live in Darmstadt 2017) © Torsten Reitz

The Jesus And Mary Chain in Deutschland - allein das ist eine kleine Sensation. Was die Band im Jahr 2017 zu leisten vermag, verriet ihr Auftritt in der Centralstation in Darmstadt.

Macht es im Jahr 2017 noch Sinn ein Konzert von The Jesus And Mary Chain zu besuchen? Das war die Frage, die sich viele Besucher im Vorfeld der Deutschlandtour stellten, die mit einem Konzert in der gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Centralstation in Darmstadt begann.

Wenn wir richtig recherchiert haben, handelt es sich um die erste Deutschlandtour der legendären schottischen Shoegaze-Band seit 1992 und das erste Deutschlandkonzert seit ihrem Auftritt auf dem Bizarre-Festival (die Älteren werden sich erinnern) im Jahr 1998!

Was ist geblieben?

Mit anderen Worten: Dass die Band überhaupt Konzerte hierzulande spielt, ist eine kleine Sensation. Nur was können The Jesus And Mary Chain einunddreißigeinhalb Jahre nach der Veröffentlichung von "Psychocandy" noch leisten?

Wer die Komplettaufführung eben dieses Albums kennt, das beim Record Store Day 2016 unter dem Titel "Barrowlands Live" veröffentlicht wurde, dem musste nicht bange sein. Bei dieser Gelegenheit präsentierten sich JAMC in hervorragender Form. Wie würde es in Darmstadt werden?

Passender Opener

Bevor diese Frage beantwortet wird, eröffnet die junge Mannheimer Sängerin und Songwriterin Laura Carbone mit ihrer Band den Abend. Carbone schöpft stark aus der Musik der 1980er-Jahre und sorgt mit ihrem einerseits poppigen, andererseits düsteren und eindringlichen Sound für eine exzellente Einstimmung.

Das vornehmlich aus Männern und Frauen über 40 bestehende Publikum nimmt den Auftritt wohlwollend auf und spendet reichlich Applaus.

Applaus für den Sound

Als The Jesus And Mary Chain loslegen, erweist sich sogleich: Einer der großen Gewinner des Abends ist der Tontechniker. Anders als ihre Kollegen von My Bloody Valentine – oder noch weitaus krasser: Swans – flutet die Band den Saal nicht mit purer Lautstärke.  

Stattdessen ist der Sound erfreulich ausgewogen und nicht übermäßig laut, so dass man die Feedbackwände der Band auch ganz ohne Ohrenschutz genießen kann.

Gar nicht so distanziert

Optisch hüllt sich die Band in vornehmlich blaues Licht und in dichten Nebel, so dass man selbst von vorne nur wenige Details erkennen kann – haben die Besucher in den hinteren Reihen mehr gesehen als schattenhafte Bewegungen und eine blaue Wand?

Abgesehen von Sänger Jim Reid stehen alle dem Shoegaze-Ethos entsprechend starr auf ihren Positionen. Jim Reid hingegen bewegt sich, dreht sich um die eigene Achse, singt mit dem Rücken zum Publikum, beugt sich nach vorne, neigt seinen Oberkörper beim Singen.

Dadurch, dass er den Zuschauern mehrfach für ihr Kommen dankt und auch immer wieder auf die neuen Lieder aufmerksam macht, sorgt er für mehr Interaktion, als man erwartet hätte. Ein himmelweiter Unterschied zu ihren frühen, drogengeschwängerten Konzerten: Selten performte die Band damals länger als eine halbe Stunde, den Rücken stets dem Publikum zugewandt – ein Konzept, das mehr als einmal in Gewalt eskalierte.

Musikalische Schwankungen

Musikalisch eröffnet die Band mit "Amputation", einem Song von ihrem neuen Album "Damage and Joy". Schon damit zeigt sich ein Trend, der sich im Verlauf des Abends verschiedentlich bestätigen wird: Die neuen Lieder sind nicht schlecht, aber sie lassen diese außergewöhnliche Band ein wenig wie eine gewöhnliche Rockband wirken. 

Wie ungleich besser sind da doch die Klassiker der älteren Vergangenheit. Schon das zweite Lied "April Skies" verfügt über eine ganz andere Eindringlichkeit und als dann "Head On", eines ihrer besten Lieder, erklingt, sind die Zuschauer dem Shoegaze-Nirwana ganz nahe. 

Es geht abwechslungsreich mit Stücken ihrer vier ersten Platten weiter, bis zwei Lieder ihrer neuen LP für einen kleinen Bruch sorgen  – nicht weil sie neu sind, weil sie schlecht wären oder weil der bornierte Altfan nur die Klassiker hören will – sondern weil sie sich musikalisch doch sehr von dem sehr dichten, feedbackgetränkten Sound der übrigen Lieder unterscheiden.

Dass an diesem Abend nicht alles funktioniert, zeigt aber auch eine seltsam zerfahrene Interpretation von "Some Candy Talking". Die Highlights sind dennoch reichlich vorhanden: "Cherry Came Too", eines der besten Lieder von "Darklands", "Halfway to Crazy" und natürlich eine ausladende Version "Reverence" mit seiner unvergesslichen Zeile: "I want to die just like Jesus Christ". Allein "Some Candy Talking" zerfasert etwas und gelingt weit weniger eindrucksvoll als man erwarten durfte.

Die eindrucksvolle Zugabe

"Wir können sehr leicht überredet werden, zurückzukommen", erklärt Jim Reid, als er das letzte Lied des regulären Sets ankündigt. Tatsächlich kehren JAMC schnell zurück und spielen sich durch eine Zugabe, die ganz im Zeichen von "Psychocandy" steht.

Unter den vier Songs ihres legendären Debüts ragt besonders das gewaltige "The Living End" hervor, mit dem die Band wie auf einem Motorrad bei hoher Geschwindigkeit über alles hinweggbrettert. Deutlich poppiger, aber nicht weniger überzeugend ist "You Trip Me Up", das die Schönheit ihrer künstlerischen Vision eindrucksvoll vorführt.

Was ist mit der Aggression?

Dass sich hinter der Musik von JAMC eine Menge Aggression verbirgt, weiß jeder Fan. Aber nur einmal entlädt sie sich beim Gig in Darmstadt – und zwar als Sänger Jim Reid über ein Mikrokabel stolpert und das Mikro aus dem Ständer reißt, das dröhnend auf die Bühne knallt.

Sein folgender Wutausbruch, garniert mit allerlei Flüchen und dem demonstrativen Niedertreten des schuldigen Kabels zeigt, dass es unter der Oberfläche immer noch brodelt. Das ist auch gut so, denn das erlaubt es der Band ihre kompromisslose künstlerische Vision auch im Jahr 2017 noch überzeugend auf die Bühne zu bringen. The Jesus And Mary Chain boten kein überragendes, aber ein sehr gutes Konzert, das nie zu einem Nostalgie-Trip degenerierte. Das ist nur einer von vielen Gründen, der Band dankbar zu sein.

Setlist

Amputation / April Skies / Head On / Far Gone and Out / Between Planets / Blues From a Gun / Always Sad / Mood Rider / Teenage Lust / Cherry Came Too / The Hardest Walk / All Things Pass / Some Candy Talking / Halfway to Crazy / Reverence // Nine Million Rainy Days / Just Like Honey / You Trip Me Up / The Living End / Taste of Cindy / War on Peace

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