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Steve Hackett (live in Leipzig, 2017) © Christian Grube

Mit einem brillanten Konzert im gut gefüllten wie gut gelaunten Offenbacher Capitol demonstriert Steve Hackett eindrucksvoll, warum er weiterhin zu den absoluten Ausnahmegitarristen dieses Globus zählt – und dass die alten Genesis-Klassiker auch heute noch ziehen.

Man mag ja von Steve Hackett halten, was man will. Sich und seiner Linie treu geblieben ist der Engländer über die Jahre hinweg jedenfalls. Während seine alten Genesis-Weggefährten längst in Richtung Weltmusik (wie Peter Gabriel) oder Pop-Rock (wie der Rest der Truppe, Phil Collins, Mike Rutherford und Tony Banks) abgedriftet sind, hält ihr früherer Gitarrist seit Jahrzehnten die progressive, experimentelle Fahne hoch.

Das beweisen nicht nur seine Soloalben mit Eigenkompositionen, sondern auch seine akribisch nachgestellten "Genesis Revisited"-Projekte im Studio und auf der Bühne, die den Saitenhexer in Fankreisen längst zur lebenden Legende gemacht haben. Nun lässt es sich Hackett nicht nehmen, sich mitsamt neuer Platte "The Night Siren" im Gepäck wieder einmal vor Publikum zu zeigen.

Volle, bunt gemischte Hütte

Im Offenbacher Capitol trifft er dabei auf ein volles, gut gelauntes Haus, das ihm und seiner vierköpfigen Begleitband von der ersten Sekunde an gebannt lauscht. Dass der Gitarrist mehr als nur eine Nostalgiefigur aus den 1970ern ist, merkt man an der Zusammenstellung der Zuschauer, unter die sich an diesem lauen Frühlingsabend auch etliche jüngere Semester gemischt haben.

Hackett und seine Mannen beginnen sogleich mit einer gesunden Mischung aus Progressivem und Poppigen. Den bunten Reigen eröffnet "Every Day" aus der Frühphase seiner Solokarriere, der praktisch die komplette erste Hälfte der Show gewidmet ist. Dabei belässt es der Altmeister aber nicht, denn es werden auch mehrere neuere Stücke unter die bereits bekannten Nummern gemischt.

Tosender Schall statt bloßem Rauch

Zu den Songs von "The Night Siren", die es in die diesjährigen Konzerte geschafft haben, gehören das aufbrausende "El Niño", das sphärische wie exotische "In The Skeleton Gallery" und das orientalisch angehauchte "Behind The Smoke", für dessen Flüchtlingsgeschichte Hackett Musiker aus aller Welt um sich geschart hat. Nicht nur sein alter Kumpane Gabriel kann eben Weltmusik – der Maestro an der Gitarre beherrscht es genauso.

Wie sehr der englische Saitenhexer von Multikulturalität und Toleranz geprägt zu sein scheint, beweist auch die optische Zusammenstellung seiner Band. So verwundert es beispielsweise kaum jemanden, dass Drummer Gary O’Toole im Anzug hinter seinem Kit Platz nimmt, während Tieftöner Nick Beggs mit seinem Kilt beinahe so wirkt, als könne er ebenso gut in einer Metalband der 1990er Jahre à la Grave Digger mitwirken.

Das Capitol bebt

Der heimliche Star des Abends ist aber Rob Townsend mitsamt in Offenbach bestens bekannter "Batschkapp" auf dem Kopf. Ob der Multiinstrumentalist nun rasselt, sich diverse Blasinstrumente wie Saxofon, Klarinette und Flöte an den Mund hält, auf elektronische Drumpads drischt oder beherzt in die Tasten greift – er macht bei allem eine gute Figur und verleiht den in der zweiten Hälfte folgenden Genesis-Songs eine eigene, etwas jazzigere Note.

Als der aus der Solokarriere des Gitarristen bestehende Teil der Show mit der zweite Hälfte von "Shadow Of The Hierophant" fulminant endet, bebt das Capitol unter dem drückenden synthetischen Bass von Keyboarder Roger King und dem folgenden Applaus regelrecht. Nach traumhaften Stücken wie dem Hacketts Vater gewidmeten "Serpentine Song" und das an die nordamerikanischen Ureinwohner erinnernde "Rise Again" dürstet das Publikum nun nach klassischem Prog.

Fabelhaft verdrehte progressive Welt der Wunder

Passend zum 40. Jubiläum des Albums steht der zweite Teil des Abends weitgehend im Zeichen von "Wind & Wuthering", der letzten Genesis-Scheibe unter Mitwirkung des genialen Gitarristen. Das mag zunächst vielleicht etwas überraschen, würde sich die Platte aufgrund ihrer musikalischen Stimmung eigentlich eher für den Herbst als für den Frühling eignen. An der Klasse des Songmaterials gibt es, ungeachtet der Jahreszeit, jedoch nichts zu rütteln.

Glücklicherweise haben sich Hackett und seine Mitstreiter, die jetzt noch Unterstützung durch den von den "Genesis Revisited"-Projekten bekannten, leicht exzentrischen, aber stimmlich einwandfrei passenden kalifornischen Sänger Nad Sylvan erhalten, die besten Nummern von "Wind & Wuthering" herausgepickt. Der phänomenale Doppelschlag "Eleventh Earl Of Mar" und "One For The Vine", der das Album so vortrefflich eröffnet, wird bei glockenklarem Sound im Capitol in all seinem Glanz präsentiert.

Innen und außen heiß wie ein Vulkan

Obwohl die Zuschauer schon jetzt völlig euphorisiert sind und der mittlerweile sechsköpfigen Band zujubeln, belassen es Hackett und Co. nicht dabei und schieben mit dem von Drummer O’Toole gesungenen "Blood On The Rooftops", dem treibenden Instrumental "… In That Quiet Earth" und der wunderschönen Ballade "Afterglow" gleich noch drei weitere Sahnestücke mit Herbstatmosphäre für das jubelnde und klatschende Publikum nach.

Natürlich darf an einem solchen Abend der heiße Ritt "Dance On A Volcano" nicht fehlen, signalisierte der Song doch einst, dass Genesis auch ohne Peter Gabriel in der Lage waren, vortreffliche Musik zu machen. Das insgeheime Highlight des Abends ist aber das folgende, grandiose "Inside & Out" von der "Spot The Pigeon EP", an dessen Stelle unverständlicherweise das bereits die seichteren späteren Genesis andeutende "Your Own Special Way" auf "Wind & Wuthering" Platz fand.

Genesis einer Kultfigur

Den Abschluss des knapp zweieinhalbstündigen Konzerts bilden die deutlich besser bekannten, aber mindestens ebenso brillanten epischen Klassiker "The Musical Box" und "Firth Of Fifth", die mit ihrer jeweils zehnminütigen Spielzeit die Quintessenz der frühen Genesis mit Hackett und Gabriel ganz wunderbar auf den Punkt bringen. Manche im Saal schwelgen wohl in Erinnerungen an glorreiche vergangene Zeiten. Andere wiederum sind heilfroh, diese Stücke endlich einmal live zu hören.

Eine ausgedehnte wie spielfreudige Version des treffend betitelten "Los Endos" stellt die einzige Zugabe und das große Finale eines Abends dar, der eines deutlich gemacht hat: Steve Hackett zählt noch längst nicht zu alten Eisen, sondern ist auch mit 67 Lenzen nach wie vor eine relevante Figur in der Musikwelt, die vor Publikum weiterhin eine äußerst gute Figur abgibt. Bei solch fantastischen Shows des Gitarristen und seinen fünf allesamt exzellenten Mitstreitern wie in Offenbach darf die Band uns in dieser Zusammenstellung auch gerne noch lange Zeit erhalten bleiben.

Setlist

Every Day / El Niño / The Steppes / In The Skeleton Gallery / Behind The Smoke / Serpentine Song / Rise Again / Shadow Of The Hierophant / Eleventh Earl Of Mar / One For The Vine / Blood On The Rooftops / …In That Quiet Earth / Afterglow / Dance On A Volcano / Inside & Out / Firth Of Fifth / The Musical Box // Los Endos

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