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Scorpions (live in Frankfurt, 2016) © Leonard Kötters

Mit achtmonatiger Verzögerung haben es die Scorpions endlich in die Frankfurter Festhalle geschafft und liefern dem Publikum trotz leichter Anfangsprobleme eine gelungene Show an einem Abend, der ganz im Zeichen von Motörhead-Legende Lemmy steht.

Eigentlich sollte das Scorpions-Konzert in der Frankfurter Festhalle ja schon im Frühjahr stattfinden. Aufgrund einer Erkrankung von Sänger Klaus Meine mussten alle restlichen Deutschlandtermine inklusive der Show in der Mainmetropole ausfallen. Nach der Genesung von Meine zeigen sich die giftigen Hannoveraner acht Monate später endlich an den Orten, die sie im März nicht mehr beehren konnten.

Musikalisch hat sich seitdem bei den niedersächsischen Rocklegenden nicht wirklich viel getan, personell dafür umso mehr. Für den langjährigen Drummer James Kottak, der sich bei den Konzerten im Frühjahr noch in bestechender Form präsentiert hatte, sitzt mittlerweile der frühere Motörhead-Schlagzeuger Mikkey Dee hinter dem Kit. Daher darf man auf den aktuellen Shows gespannt sein, wie gut sich Meines Stimme erholt hat und wie sehr der neueste Skorpion inmitten der alten Hasen sticht.

Neues von hinter der Schwärze

Wie bereits bei den ursprünglichen Tourdaten werden die Altrocker bei den Nachholterminen von den Symphonic-Metallern Beyond The Black unterstützt. Für Fans der Gruppe ist es eine der ersten Möglichkeiten, die Gruppe in neuer Besetzung zu erleben. Frontfrau Jennifer Haben und die restlichen Gründungsmitglieder haben sich laut Webseite im Juli einvernehmlich getrennt. Neuerdings sind Beyond The Black mit komplett neuem Line-up unterwegs.

Beim Opener "Lost In Forever" macht sich Ernüchterung breit. Der Sound der Instrumente ist völlig undifferenziert und ähnelt einem einzigen Soundbrei. Dementsprechend ist die Reaktion der Zuschauer zunächst sehr verhalten, obwohl die Halle schon längst gut gefüllt ist. Der Funke mag nicht so richtig überspringen.

Ein wenig Besserung ist in Sicht, als die Sängerin sich selbst ans Klavier setzt und eine stark veränderte Version des Motörhead-Klassikers "Love Me Forever" im Power Ballad-Arrangement anstimmt. Abgesehen von diesem kurzen Intermezzo bleiben die Zuschauer aber weitgehend teilnahmslos.

Ein erster großer Knall

Nach der Umbauphase stürmen die Scorpions zu "Going Out With A Bang" auf die Bühne. Der schwedische Neu-Drummer drischt sofort so derb auf seine Felle ein, dass es so manchem Motörhead-Fan in diesem Moment Tränen in die Augen treiben könnte. Erster großer Jubel macht sich in der Festhalle breit.

Doch schon kurz darauf folgt die erste Schrecksekunde: Beim von schönen Animationen der Band vor Deutschland- und Frankfurt-Fahnen begleiteten "Make It Real" klingt Meines sonst so mächtige Stimme irgendwie leicht daneben. Ist dies etwa eine Wiederholung des Hamburger Konzerts im März, das die Band bereits nach wenigen Songs abbrechen musste, weil es dem Frontmann schlecht ging – nur wenige Tage, nachdem die Band in Mannheim eine wirklich überzeugende Leistung abgeliefert hatte?

Doch noch kein altes Eisen

Bei "The Zoo" mit seinem scheppernden Groove und langem Talkbox-Solo von Gitarrist Matthias Jabs, sieht Klaus Meine auf den Videoleinwänden bereits richtig schweißgebadet aus. Geht es ihm wirklich gut? Als er sich auch beim rockenden Instrumental “Coast To Coast“ nur ganz kurz mit Gitarre blicken lässt, scheint die Sorge berechtigt.

Bald kann jedoch Entwarnung gegeben werden. Meine kehrt zurück, erzählt von schwierigen Zeiten in alten Van in den 1970er Jahren und wie froh die Band war, wenn diese Fahrzeuge den Weg über die Kasseler Berge schafften. Seine Anekdote dient als Einleitung für ein krachendes, mit hippiemäßigen Farben und Animationen untermaltes Medley aus Klassikern der Uli Jon Roth-Phase, das von "Top Of The Bill" bis "Catch Your Train" reicht und vom sehr viel neueren "We Built This House" abgelöst wird.

Singen statt Rocken

Nach dem rockenden Beginn, bei dem die Scorpions mit Mikkey Dee jede Menge Druck in der Halle erzeugt haben, nehmen sie im Mittelteil dann etwas das Tempo hinaus, ohne aber die Intensität der Show zu reduzieren. Zunächst bekommen Meine und Ur-Skorpion Rudolf Schenker eine kleine Verschnaufpause, während sich Saitenmann Matthias Jabs mit Unterstützung von Dee, Basser Paweł Mąciwoda und Gitarrentechniker Ingo Powitzer bei "Delicate Dance" so richtig in Szene setzen darf.

Als die beiden Veteranen dann auf die Bühne zurückkehren, nimmt sich die Rhythmusgruppe eine kleine Auszeit, während die drei dienstältesten tödlichen Hannoveraner zu einem stimmungsvollen akustischen Medley inklusive überdimensionierter Discokugel übergehen, in dem das neue "Eye Of The Storm" inmitten zweier Klassiker eingebettet wird. Beim finalen "Send Me An Angel" winkt das sehr gut aufgelegte Publikum mit den Händen, singt begeistert beim Refrain mit und feiert die Scorpions anschließend lautstark.

Zartes und Hartes 

Anschließend tauscht Schenker seine akustische Flying V gegen eine sehr viel gewöhnlicher aussehende Akustikgitarre, vom Band erklingt ein markantes Pfeifen und Meine kündigt ein Lied an, das für ihn in der heutigen Zeit weiterhin für Hoffnung steht. Dann pfeift er selbst das Intro zum obligatorischen, von ihm geschriebenen Welthit "Wind Of Change", der mit Bildern der Berliner Mauer auf der Videoleinwand unterhalb Dees Drumkit sowie Wolkenanimationen hinter ihm aufwarten kann.

Die zweite, rockigere Hälfte des atmosphärischen Stückes dient dann gleichzeitig auch als Überleitung in die härtere Gangart. Ohne große Umschweife ziehen die Scorpions das Tempo wieder an, unter anderem mit einem brachialen "Dynamite". Bis hierhin haben sich die Hannoveraner trotz Veränderung im Line-up durch die gleiche Setlist wie im März gekämpft. Nun folgen erste Überraschungen.

Im Zeichen von Lemmy

Frontmann Meine stellt den neuen, vom Publikum frenetisch begrüßten Schlagzeuger Mikkey Dee vor und erklärt, dass dieser ihn gefragt habe, was die Band denn von einem Motörhead-Tribute halte. Offensichtlich relativ viel, denn die Hannoveraner gehen in das vom vor einem knappen Jahr verstorbenen Lemmy Kilmister geschriebene "Overkill" über, bei dem der schwedische Drummer so ungeniert sein Schlagwerk malträtieren darf wie bei seinem alten Arbeitgeber. Die Festhalle bebt unter dem Schalldruck.

Zum Schluss reißt Schenker seine Gitarre nach oben und auf den Videoleinwänden erscheinen Bilder der verschiedenen Legende, woraufhin die restlichen Skorpione sich vorübergehend verabschieden und ihrem Drummer das Feld überlassen. Optisch ist Dees Solo ganz ähnlich inszeniert wie das von Vorgänger Kottak. Er schwebt mit seinem Drum Riser gen Hallendecke, während die Zuschauer seine diversen Einlagen bewundern dürfen. Für seine Bemühungen erhält der Schwede Standing Ovations.

Umjubelte Straßenfeger

Aus dem Solo gehen die Scorpions direkt in das von blauen Glühbirnen und dem schreienden Mann vom Albumcover begleitete "Blackout" über, auf das mit "No One Like You" die zweite Neuerung in der Setlist folgt und in der "Guud Stubb", wie Meine die Festhalle liebevoll nennt, dafür sorgt, dass die Fans während des Refrains lautstark mitmachen. Das reguläre Programm beschließt "Big City Nights" mit Animationen von pulsierenden Großstädten, tanzenden Frauen und einem ausgedehnten Mitsingmoment.

Begeistert werden die Scorpions gefeiert, als sie mit "Still Loving You" zurückkehren. Im Innenraum gehen die Handys nach oben, da zahlreiche Fans den Moment filmisch festhalten wollen, in dem die Menge aus voller Kehle mitsingt. Mit "Rock You Like A Hurricane" fegen die Scorpions die Fans dann aus der Festhalle und erhalten zurecht minutenlange Standing Ovations. Nach dem leichten Anfangsschreck haben sie ihr Publikum regelrecht von den Sitzen gerissen.

Setlist

Going Out With A Bang / Make It Real / The Zoo / Coast To Coast / Top Of The Bill / Steamboat Fever / Speedy’s Coming / Catch Your Train / We Built This House / Delicate Dance / Always Somewhere / Eye Of The Storm / Send Me An Angel / Wind Of Change / Rock ‘n’ Roll Band / Dynamite / Overkill / Mikkey Dee Schlagzeugsolo / Blackout / No One Like You / Big City Nights // Still Loving You / Holiday [a capella] / Rock You Like A Hurricane

 

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