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Placebo (live in Frankfurt, 2016) © Mathias Utz

Mit einer brillanten, mehr als zweistündigen Performance versetzen Placebo das Publikum in der gut gefüllten Frankfurter Festhalle in Ekstase und zollen ganz nebenbei einigen ihrer musikalischen Heroen Tribut.

Placebo sind ein echtes Phänomen. Zwanzig Jahre, nachdem sie als eine Art Glam Rock Act mit ihrem gleichnamigen Debütalbum die Musikwelt betraten und die Herzen von Koryphäen wie David Bowie im Sturm eroberten, sind die Engländer aus der Musikwelt weiterhin nicht wegzudenken. Jüngst ist die ausführliche Retrospektive "A Place For Us To Dream" erschienen, die die Vielseitigkeit ihres Schaffens auch im Rahmen ihrer bisherigen Singles noch einmal eindrucksvoll zelebriert.

Ganz im Zeichen des Jubiläums steht dann auch die aktuelle Tour, die Placebo auch in die Frankfurter Festhalle führt. So warten an diesem Novemberabend die Fans darauf, dass die Rocker mit dem androgynen Image Songs zum Besten geben, die sie teilweise schon jahrelang nicht mehr live aufgeführt haben und eigentlich auch nie wieder spielen wollten.

Nicht so formidabler Sound

Als ihre walisische Begleitband The Joy Formidable die Bühne betritt, ist der Saal allerdings noch halbleer. Das ist insofern bedauerlich, da die Musik, die das Trio, bestehend aus Sängerin und Gitarristin Ritzy Bryan, Bassist und Vokalist Rhydian Dafydd und Drummer Matt Thomas, darbietet, eigentlich gar nicht von schlechten Eltern ist. Ihr Alternative Rock wird immer wieder von zahlreichen Synthesizertexturen untermalt, die ihren Sound fetter und vielseitiger machen.

Leider ist das Schlagzeug streckenweise derart dominant, dass alle anderen Instrumente das Nachsehen haben und im Klangbrei untergehen. Ab der Mitte ihres Sets ist leichte Besserung in Sicht. Das dritte Stück "Cradle" weiß mit einem ausgewogenen und schönen Groove sowie diversen Effektspielereien zu begeistern, und auch die beiden abschließenden "The Last Thing On My Mind" und "Maw Maw Song" strahlen eine gewisse Energie aus, die sich langsam, aber sicher auf das Publikum überträgt.

Angeheizt durch Videos

Während der Umbauphase füllt sich die Halle dann so allmählich. Neben einem Videotrailer, der Placebos neues Best of-Album bewirbt, ist "Wish" von Nine Inch Nails vom Band zu hören, und so mancher wundert sich in diesem Moment , ob die rohe Energie des Liedes ein Omen für das sein könnte, was da noch kommen mag. Bevor der Headliner allerdings die Bühne betritt, erscheinen rechts und links von der Bühne Fotos vom jungen und vom alten, kürzlich verstorbenen Leonard Cohen.

Als Intro verwenden Placebo daraufhin das Casino-Video zu ihrem Hit "Every You Every Me" gefolgt von einem schnell geschnittenen Zusammenschnitt aus zwanzig Jahren Bandgeschichte. Blaue, im Rhythmus eines monotonen Synthesizer-Patterns blinkende Strahler leuchten auf, und schon betritt die Band unter großem Jubel zu "Pure Morning" die Bühne. Bereits während des Openers herrscht gute Stimmung in der gesamten Festhalle.

Runder Einstieg

Auf massiven Applaus des Publikum folgt ein rockiges "Loud Like Love", und als Frontmann Brian Molko laut "breathe" ruft, gehen allerorts die Hände nach oben, um mitzuklatschen. Schon mit den ersten beiden Stücken schließt sich der Kreis, repräsentieren sie doch auf "A Place For Us To Dream" den Anfang und das Ende des bisherigen Schaffens von Placebo.

Während Brian Molko alleine auf der Gitarre das Intro zu "Special Needs" anstimmt, darf sich Placebo-Mitbegründer und Multinstrumentalist Stefan Olsdal im Laufe des Stückes mit schönen, rhythmischen Slides am Bass in der Mitte der Bühne auszeichnen. Er rückt so zumindest kurzzeitig einmal den Fokus weg vom charismatischen Molko, der aber irgendwann mit der Gitarre in der Hand vor seinem Verstärker kniet und Feedback-Geräusche produziert. Nach jedem Stück jubelt das Publikum vor Begeisterung.

Musikalische Größe

Irgendwie ist der Größenunterschied zwischen dem kleinen Frontmann und den im Vergleich dazu riesig erscheinenden Olsdal schon bemerkenswert, als sie so nebeneinander stehen. In punkto Ausstrahlung geben sich die beiden aber wenig.

Natürlich ist die Show auf Molko zugeschnitten, aber sein langjähriger Kompagnon überzeugt dafür umso mehr mit seinen Fähigkeiten an verschiedenen Instrumenten. Dazu passt es auch, dass das atmosphärische "Lazarus" mit allerhand Geigenelementen aufwarten kann. Placebo mögen es vielseitig, und so ist es auch kaum verwunderlich, dass außer dem neuen Drummer Matt Lunn alle restlichen Instrumentalisten, Fiona Brice, Nick Gavrilovic und Placebo-Stammunterstützer Bill Lloyd, im Verlauf des Abends gleich mehrere verschiedene Gerätschaften bedienen dürfen. 

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Die Intensität steigt allmählich

Placebo wissen, wie Spannungsbögen funktionieren. Das demonstrieren sie eindrucksvoll bei "Too Many Friends", das zunächst ruhig mit Klavier, Gesang und Violine beginnt, dann jedoch langsam, aber sicher an Fahrt aufnimmt und am Ende schließlich eine unglaubliche Stimmung und Intensität entfaltet. Das Frankfurter Publikum erscheint noch zweigeteilt in Menschen, die feiern und tanzen wollen, und jene, die in Ruhe die Musik genießen möchten. Was wie ein Widerspruch klingt, funktioniert aber wunderbar.

Gleiches gilt für "Twenty Years", das mit Klavier und einem Elektronik-Loop sowie Videoeinblendung diverser Personen beginnt und schließlich in krachenden Drums, weißen und roten Blitzern sowie beinahe schon ekstatischem Jubel endet. Der einzige leichte Ausfall, sofern man überhaupt davon sprechen kann, ist "Devil In The Details", das nach den grandiosen Stücken vorher leicht verloren wirkt. "Space Monkey" hingegen groovt wesentlich mehr. Auch die Zuschauer zeigen gleich wieder mehr Resonanz.

Melancholie pur

Placebo arbeiten sich weiter durch eine Reihe melancholischer, weitgehend recht elektronisch gehaltener Stücke, die den kompletten Mittelteil des Konzerts ausmachen. Nach dem ausgedehnten "Exit Wounds" mit einem grandiosen Solo von Olsdal gibt es den bislang wahrscheinlich größten Jubel, während Molko in "Protect Me From What I Want" mit seinen von der Decke schwebenden orangenen Videoscreens und seinem fetten, ominösen Beat so richtig aus sich herausgeht.

"Without You I’m Nothing" nimmt etwas das Tempo, aber nicht die Intensität heraus. Auf der Leinwand erscheint David Bowie, schätzungsweise aus den späten 1990ern, mit dem Placebo das Stück einst zusammen aufnahmen. Am Ende lacht der verstorbene Altmeister, während das Publikum klatscht und kreischt. Bei "Lady Of The Flowers" verlegt sich der Frontmann dann auf Sprechgesang, den er allerdings mit einem Pathos und einer Vehemenz vorträgt, dass es eine wahre Freude ist.

Party Time!

Nun verkündet der Frontmann das Ende der Melancholie: "Unsere Geburtstagsparty, also lasst uns ein bisschen Spaß zusammen haben". Die Hits-Sektion beginnt mit einem dynamischen und fulminaten "For What It’s Worth", bei dem auch die bislang sitzenden Zuschauer langsam tanzwütig werden. Das Publikum frisst mittlerweile aus Molkos Hand. Er hat den Saal komplett unter Kontrolle. Als er nach "Slave To The Wage" spaßeshalber die noch sitzenden Teile des Publikums kritisiert, kommt er auch damit durch.

Als die letzten Stücke des regulären Sets ertönen, sitzt fast keiner mehr. Dafür kocht und tobt die Festhalle umso mehr. Schon alleine die ersten Klänge von "Song To Say Goodbye" sorgen für massiven Jubel, und nach dem knüppelharten Ende von "The Bitter End" werden Molko und Olsdal ekstatisch verabschiedet. Der Jubel nimmt auch in der Pause kein Ende mehr. Als die Band dann zurückkehrt, explodiert der Saal fast. Auch bei der langsamen Version von "Teenage Angst" bleiben die Massen in Bewegung.

Finale Dynamik und Ekstase

Olsdal appelliert danach an die Toleranz der Zuschauer. "Wir können sagen, was wir wollen. Wir können lieben, wen wir wollen", ruft er und reckt einen regenbogenfarbenen Bass in die Höhe. Placebo standen schon immer für das Androgyne und besitzen vielleicht auch deshalb so einen großen Appeal. Druckvolle Versionen von "Nancy Boy" und "Infra-red" sorgen für eine vibrierende Festhalle, Party im Publikum und eine geradezu euphorische Stimmung im gesamten Saal, auf die Standing Ovations der Fans folgen.

Bei der finalen Zugabe "Running Up That Hill" gehen schließlich einige, wenige Smartphones nach oben, um den Moment filmisch festzuhalten, die an diesem Abend bisher weitgehend in den Taschen verstaut blieben. Zu sehr waren die Zuschauer damit beschäftigt, wirklich der Musik zu folgen. In der heutigen Zeit ist es eine große Kunst, das Publikum so lange bei Stange zu halten. Es spricht für die Leistung für Placebo, die gute zwei Stunden lang die Festhalle nicht nur begeistert, sondern geradezu gefesselt haben.

Setlist

Every You Every Me [Video] / Pure Morning / Loud Like Love / Jesus‘ Son / Soulmates / Special Needs / Lazarus / Too Many Friends / Twenty Years / I Know / Devil In The Details / Space Monkey / Exit Wounds / Protect Me From What I Want / Without You I’m Nothing / 36 Degrees [slow version] / Lady Of The Flowers / For What It’s Worth / Slave To The Wage / Special K / Song To Say Goodbye / The Bitter End // Teenage Angst [slow version] / Nancy Boy / Infra-red // Running Up That Hill (A Deal With God)

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