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Seasick Steve (live in Wiesbaden, 2016) © Christian Düringer

Mit einer großen Auswahl selbstgebauter Instrumente beeindruckt Seasick Steve im Schlachthof Wiesbaden und bastelt heftig an der eigenen Legende.

Ein Banjo mit Auspuffrohr, eine Gitarre mit nur einer Saite, eine mit dreien an den falschen Stellen, eine andere aus einer Zigarrenkiste gebastelt und noch eine weitere aus einem alten Washboard.

Seasick Steve fährt im Wiesbadener Schlachthof ein ganzes Arsenal an schrägen Instrumenten auf und feuert damit eine furiose Show ab.

Politische Aussagen

Es beginnt jedoch gediegen. In Holzfällerhemd, Baseballcap und mit einer handelsüblichen Akustikgitarre stapft Seasick Steve auf die Bühne und noch bevor er den ersten Ton spielt, kommentiert er ausführlich den US-Wahlkampf. Mit der Perspektive aus seiner norwegischen Wahlheimat zeigt er sich frustriert. Er könne es kaum glauben, dass das große Amerika nur Clinton und Trump für das höchste Amt im Lande in die Waagschale werfen könne.

Auf der noch spärlich ausgeleuchteten Bühne stimmt er daraufhin leise den alten Dion-Klassiker "Abraham, Martin and John" an. Das Tribut an Abraham Lincoln, Martin Luther King, John F. Kennedy und Zeiten, in denen Amerika noch Visionäre hervorbrachte, gerät zum beeindruckenden und nachdenklichen politischen Statement, das man so gar nicht erwartet hatte.

Musik, die Geschichten erzählt

Dann stößt der schwedische Drummer Dan Magnussen hinzu und Seasick Steve stöpselt seine Gitarre ein. Es wird laut. Mit "Gypsy Blood" vom neuen Album heizen sie dem begeisterten Publikum im Schlachthof ordentlich ein. Die große Halle des Kulturzentrums ist nicht ausverkauft, aber der Stimmung tut das keinen Abbruch.

Zu jedem selbstgebastelten Instrument hat Steve eine launige Story und einen noch eigenwilligeren Sound parat, der von Magnussens stampfenden Punchs getrieben wird. So fressen ihnen die Wiesbadener bei bewährter Melange aus Blues, Boogie, Rock'n'Roll und Folk sofort aus der Hand.

Eine selbsterschaffene Legende

Um Seasick Steves Biografie ranken sich viele Legenden – die meisten davon vom Sänger selbst befeuert. In bester Storytelling-Manier erzählt er darüber gerne auf der Bühne und natürlich in seinen Liedern.

Ob er wirklich der oft besungene streunernde Hobo war und wirklich schon 75 Jahre alt ist, wird inzwischen bezweifelt. Es spielt für sein Publikum aber letztlich auch keine Rolle. Die Geschichten sind gut und sein musikalisches Talent unverkennbar.

Ein Hauch Romantik

Die meisten Songs spielt Steve auf einem alten, braunen Holzstuhl sitzend zwischen Schlagzeug und Verstärkern. Da passt es eigentlich ziemlich gut, dass er sich zur Ballade "Walking Man" ein junges Mädel aus dem Publikum schnappt, und ihr sagt, sie möge sich einfach vorstellen, mit ihm auf einer Veranda zu sitzen.

Nele heißt sie. Ihren Namen wird er an diesem Abend aller Romantik zum Trotz nicht mehr lernen."If you want me to stay, I'll stash my sleeping roll under your bed, That says more than anything, In my life I ever said", säuselt Steve und Nele schmachtet. Für die signierte Schallplatte zur Belohnung muss sie N-E-L-E dann nochmal buchstabieren.

Dröhnender Abschluss

Wie im dazugehörigen Videoclip streift sich Steve zum pulsierenden "Summertime Boy" lässig eine Sonnenbrille über. Die virtuose Performance auf einer einsaitigen, aus einem alten Waschbrett montierten Slide-Gitarre ist anschließend alleine schon das Eintrittsgeld wert. Und wer sich zuvor fragte, warum die Vorband eigentlich ihr Equipment nicht abgebaut hatte, wird schließlich auch noch aufgeklärt.

Zum Finale dürfen die beiden Jungs der belgischen Garage-Rock-Band Black Box Revelation zurück auf die Bühne kommen und gemeinsam mit Steve und Magnussen den Titeltrack der neuen Platte "Keepin' The Horse Between Me And The Ground" spielen. Für die Zuschauer heißt das: Ohrenstöpsel rein. Mit zwei Schlagzeugern und zwei lärmenden Gitarren prügeln die vier gegen Ende alles raus, was geht. Wiesbaden feiert sie dafür ab. 

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