© Southern Lord/Javier Villegas

Lange hat es gedauert, bis mit Sunn O))) die wohl bekannteste Band des Drone Doom-Genres mal wieder nach Deutschland kommt. Doch die fast zweistündige Show, die die Band in Wiesbaden liefert, macht die lange Wartezeit mehr als wett.

Das Äußere des Wiesbadener Schlachthofs mag nicht so recht zu dem passen, was sich an diesem Abend im Inneren abspielen soll: Auf dem Vorhof der Location tummelt sich zu lateinamerikanischer Hintergrundmusik ein bunt gemischtes Publikum zwischen den farbenfrohen Ständen des dort stattfindenen Street Food Festivals.

Amplifier Worship

Im Schlachthof selbst wartet hingegen ein größtenteils schwarz gekleidetes Publikum auf eine Band, die seit jeher versucht, das Böse in ihrer Musik zu channeln (und dabei erstaunlich viel Erfolg hat): Sunn O))).

Schon bevor das Konzert beginnt, kann man die Präsenz der Band bereits erahnen: Die nicht gerade kleine Bühne ist völlig ausgefüllt mit der beeindruckenden Backline von Sunn O))), bestehend aus zahllosen Verstärkern und Boxen, u.a. von der namensgebenden Firma Sunn, sowie einigen Synthesizern.

Dreißig Minuten Doom

Bei solch einem Verstärkeraufgebot geht die Vorband Big ‡ Brave beinahe unter auf der Bühne, wäre da nicht ihr Sound: Mit klassischem Power-Trio Line-up servieren die Labelkollegen von Sunn O))) brachialen, schleppenden Doom, der von seinem spannenden Songwriting her stark an (ältere) Swans erinnert.

Neben der wahnsinnigen Präszision der Band fällt vor allem die kraftvolle, an Julie Christmas erinnernde Stimme der Sängerin und Bassistin auf, die mit ihrem Gesang viel zum charakteristischen Sound der Band beiträgt.

Dass der Auftritt nur 30 Minuten dauert ist zwar schade, doch rückblickend betrachtet vielleicht gar nicht schlecht: Für den nach einer kurzen Umbaupause folgenden, beinahe zwei Stunden dauernden Auftritt von Sunn O))) benötigt man dann doch recht viel Ausdauer und Stehvermögen.

What is this that stands before me?

Bevor die Musiker jedoch die Bühne betreten, gehen erst einmal die diversen, auf und hinter der Bühne verteilten Nebelmaschinen an. Zu den stimmungsvollen Klängen von "Black Sabbath" (dem Song) füllt sich der Schlachthof langsam mit dichtem Nebel, und als die Musik schließlich verstummt und Sänger Attila Csihar in schwarzer Robe die Bühne betritt ist er kaum mehr als eine schwach umrissene Figur, die im roten Licht der Bühnenbeleuchtung schwebt.

Die Atmosphäre könnte schon jetzt kaum dichter sein, eine leichte Anspannung ob dem, was nun folgen soll, ist im Publikum spürbar – doch bis das Markenzeichen der Band, jene unglaublich lauten, dröhnenden Gitarren einsetzen, soll es noch etwas dauern. Denn bevor überhaupt ein anderer Musiker die Bühne betritt, liefert Csihar ein beeindruckendes, zehnmintütiges Gesangs-Solo, das von okkult wirkenden, gesungenen Melodiebögen über unglaublich tiefen, ominösen Sprechgesang bis hin zu Kehlkopfgesang reicht – und beinahe wie der Beginn einer schwarzen Messe wirkt.

Sub bass ringing in each last ditch and combe

Als dann schließlich die im dichten Nebel beinahe nicht auszumachenden Gitarren einsetzen, sind sie anfangs nicht mehr als ein Geräusch in der Ferne. Gespielt werden sie von den einzigen festen Mitgliedern von Sunn O))), Stephen O'Malley und Greg Anderson. Sie kommen unaufhaltsam näher, werden lauter, bis sie schließlich mit voller Wucht einsetzen und den Schlachthof mit einem allumfassenden Dröhnen erfüllen, das nicht nur mit den Ohren, sondern dem ganzen Körper wahrgenommen werden kann.

Diese wahnsinnige Soundkulisse, die noch mehr Fülle erhält durch die vor allem tiefe, oszillierende Sub-Bass Frequenzen spielenden Synthesizer, ist wohl einer der Hauptgründe, weshalb die Live-Auftritte von Sunn O))) als ein solch besonderes Ereignis gelten. Einen solchen Schalldruck, eine so (akustisch) intensive Live-Show hat sonst wohl kaum eine Band zu bieten. Der Lärm, der den Schlachthof erfüllt ist unglaublich, die Wirkung der tiefen Frequenzen auf den Körper jedoch auch. Es fällt leicht, sich in der ungemeinen Tiefe dieses Sounds zu verlieren.

Minimum-Maximum

Dies hängt jedoch vornehmlich mit dem unbestreitbaren Talent der an Sunn O))) beteiligten Musiker zusammen. Auch wenn die Kostümierung in schwarzen Roben natürlich ein wenig dick aufgetragen ist, bildet sie, zusammen mit den nie stillstehenden Nebelmaschinen, der archaisch anmutenden Backline und natürlich dem Sound der Band ein einzigartiges Ganzes.

Die Band verlässt sich weder auf den augenzwinkernden Touch des Okkulten, noch auf die bloße Wirkung ihrer Lautstärke. Das Set, das Sunn O))) zum Besten geben, ist durchdacht und wie aus einem Guss, gleichzeitig jedoch (im Rahmen der Möglichkeiten) ungemein abwechslungsreich. So wechseln vom Maximalismus geprägte und aus purem, drückenden Sound bestehenden Songs wie der zu Beginn gespielte "Aghartha" mit beinahe introspektiv wirkenden, zurückhaltenden Ambientpassagen – für einen ausgedehnten, sehr experimentellen Teil in der Mitte des Sets verlassen z.B. die Gitarristen die Bühne, und es folgt ein weiteres Gesangssolo Csihars, untermalt von wabernden Soundscapes und den apokalyptisch klingenden Tönen einer Posaune.

Dead dove, do not eat

Nahtlos knüpfen O'Malley und Anderson, die nach einem schwer zu bestimmenden Zeitraum wieder die Bühne betreten, dann an diesen zurückhaltenden Teil an. Sie lassen ihre Gitarren langsam lauter werden, um einen der früheren, sehr klassischen Drone-Tracks zu performen, der sich mit seinem sehr simplen, repetetiven Grundriff komplett von der vorangegangenen Passage unterscheidet, und trotzdem perfekt in den Fluss der Show passt.

Zum Schluss des Konzertes kommen schließlich alle Instrumentalisten noch einmal zusammen, um den Auftritt mit Csihar, der inzwischen ein extravagantes, spiegelndes Kostüm trägt, in einem dröhnenden Finale zu beenden – einer ausladenden, langsamen Komposition, die immer mehr in Feedback versinkt, während Csihar vogelähnliche, leidende Geräusche von sich gibt, um letztlich auf dem Boden liegend zu verstummen.

Human Beans

Als dann die Lichter wieder angehen, die Band ihre Kostümierung abnimmt, da mag man kaum glauben, dass sich darunter freudige menschliche Gesichter verbergen – nicht nach dem, was man grade miterlebt hat. Irgendwie schaffen die Mitglieder von Sunn O))) es, einen Sound zu erschaffen, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Es gelingt ihnen, ihre ureigene Vision von Musik umzusetzen und den Zuschauer daran teilhaben zu lassen.

Auf jeden Fall kann man sich beim Verlassen des Schlachthofes des Eindrucks nicht erwehren, in den letzten zwei Stunden irgendwo anders gewesen zu sein. Das Street Food Festival, das vor den Toren langsam zu Ende geht, wirkt in jedem Fall nach dieser Erfahrung noch ein wenig unpassender, als es das zu Beginn des Konzertes schon tat.

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