Sunn O))) haben gerufen – und die Gemeinde hat den Ruf vernommen. Zahllose Fans in Sunn O))) Shirts bevölkern die halle02 in Heidelberg, um sich den extrem lauten Drones der US-Amerikaner auszusetzen.
Auf der Bühne steht – anders als noch 2019 in Frankfurt – eine komplette Band, sondern "nur" die Shoshin Duo Besetzung, bestehend aus Stephen O‘Malley und Greg Anderson.
Laut wie die Swans – und doch ganz anders
Hinsichtlich der Laustärke passt vermutlich am besten der Vergleich mit den Swans. Allerdings ist das Konzerterlebnuis gänzlich anderer Natur. Während die ohrenbetäubende Musik der Swans ohne den Gesang von Michael Gira nicht denkbar wäre, ist die Musik von Sun O))) gänzlich instrumental.
Außerdem fehlt anders als bei den Swans, deren charismastischer wie aggressiv-übellauniger Frontmann Michael Gira alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, ein Fokus auf der Bühne. Dichter Nebel verhüllt die Bühne, die Bandmitglieder sind unter ihren Roben nicht zu erkenen und stehen vor einer Wand von Verstärkern.
"Sind die an?", fragt ein Besucher. Aber ja, die sind alle an und erzeugen neunzig Minuten durchdringende, meistens tiefen Doom-Drone, der sich tief ins Gewebe frisst. Die Musik hat keine erkennbaren Berührungspunkte mit der menschlichen Existenz – auch das ganz anders als bei den Swans, bei denen Nihilismus, die Zerstörung und Auflösung des Individuums im Mittelpunkt stehen.
Musik für den Kosmos
Abgesehen von wenigen Momenten existiert die Musik von Sunn O))) einfach in einem fast kosmischen Raum. Wenn die runden Lichtelemente Strahlen in die Halle entsenden, fühlt man sich an den Todesstern aus Star Wars erinnert, zu denen Sun O)))) den Soundtrack liefern könnten, wenn er denn im luftleeren All ein Geräusch machen würde.
Sun O))) machen Musik für kosmische Proportionen. Es ist als beobachte man im Zeitraffer die Jahrmillionen dauernde Kollision zweiter Galaxien. Der Mensch sieht und staunt und wird von der immensen Lautstärke einfach umschlossen.
Häufig reckt die Band die Fäuste gen Himmel wie Tommie Smith and John Carlos bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico City und das Publikum tut es ihnen gleich – Black Power mal ganz anders.
Wie Neil Young in Zeitlupe
Und doch gibt es einen menschlichen Bezugspunkt, der zum Schluss noch erwähnt werden soll. 1991 veröffentlichte Neil Young sein düsteres Live-Meisterwerk "Weld". Ein instrumentales Album namens "Arc" – von vielen Fans nicht ernstgenommen – erschien als Bonus und bot eine dreißigminütige Collage von Gitarren-Feedback von der gleichen Tour.
Wenn man die Musik von Sun O))) jemandem erklären müsste, könnte man sagen: Stellt euch vor, Neil Young hat ein paar Jahrhunderte schlecht geschlafen und spielt in Zeitlupe sehr sehr laut auf seiner Gitarre. Und genau wie bei Neil Young ist das irgendwie ein eindrucksvolles Erlebnis.
Nach neunzig Minuten Doom-Drone muss man sich erstmal wieder in der Gegenwart zurecht finden. Die Band lässt sich von den Zuschauern noch kurz feiern und verschwindet dann in der Schwärze.



