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Gregor Meyle (live in Schwetzingen, 2016) © Beatrix Mutschler

Obwohl der Himmel über Schwetzingen gnadenlos alle Schleusen geöffnet hat, geben sowohl Namika als auch Gregor Meyle bei ihrem Doppelkonzert ihren Optimismus nicht auf. Das Publikum auch nicht.

Noch guter Dinge strömt am Donnerstagabend trotz miserabler Wettervorhersagen das mehrheitlich weiblichen Publikum zu Musik im Park im wunderschönen Schwetzinger Schlossgarten, um für einen Abend eine heile Welt zu genießen.

Namika erfüllt diesen Wunsch bereitwillig mit ihren positiven Songs und auch die Show von Gregor Meyle strotzt nur so vor Harmonie – wenn da nicht immer wieder die Ansagen wären, die seinen Songs unvermittelt eine politische Ebene öffnen.

Zwischen Safran und Hip Hop

Zunächst aber Na-Mi-Ka – ein Name, ein Song, ein Lebensgefühl. Mit ihrem Durchbruchs-Hit "Lieblingsmensch" beschwingte die junge Sängerin aus Frankfurt den Sommer 2015, ihr tatsächlicher Sound lässt sich aber eher unter "Cro in weiblich" einordnen.

Namika heißt eigentlich Hanan und fühlte sich stets gefangen zwischen ihren marokkanischen Wurzeln und ihrer deutschen Heimat, was sie auf Selbstfindungsreise nach Nador führte. Im Song "Nador", nach dem sie auch ihr Debütalbum von 2015 benannte, begibt Namika sich auf die Suche nach sich selbst und entführt die Zuhörer mit bildhaften Beschreibungen und marokkanisch angehauchten Soundelementen in die Heimatstadt ihrer Vorfahren.

"Alles gut so wie es ist"

Auch ihre anderen Songs präsentiert die 24-Jährige auf eine authentisch autobiographische Weise. Da geht es um die "90s Kids" mit Gameboy und Co., um Entschleunigung wie beispielsweise bei "Stoptaste" und natürlich um Liebe und emotionale Leichtigkeit. Man merkt: Namika ist ein Kind ihrer Zeit.

Seit ihrem Erfolg durch "Lieblingsmensch" ist die Sängerin im lässigen Jeans-Chucks-Look "von ihrer Wohnung auf die Autobahn gezogen" und das merkt man ihr an. Sie hat einen anstrengenden Festivalsommer hinter sich und wenn dann zusätzlich das Wetter streikt, muss auch sie sich immer wieder zu ihrem fröhlichen Dauerlächeln zwingen. Vielleicht sollte sie sich ihre eigenen Texte mehr zu Herzen nehmen und gelegentlich auf die Stoptaste drücken.

Wo bleibt die Tiefe?

"Wer von Euch hat die letzten Tage seinen Teller nicht leer gegessen?" Gregor Meyle bricht mit seinen ersten Worten sofort das Eis. Der sympathische Sänger und Songschreiber, der für die meisten Besucher der eigentliche Grund ist, sich in ihre bunten Regencapes zu werfen und sich stundenlang in den Regen zu stellen, beginnt sein Set ähnlich thematisch einseitig wie Namika.

Mit Messages wie "Behalt dein Lächeln im Gesicht" wird es zwar allen warm ums Herz, doch langsam drängt sich immer hartnäckiger die Frage auf: Geht da nicht noch mehr? Hält die deutschsprachige Popmusik nicht doch ein wenig mehr inhaltliche Tiefe und vielleicht sogar politische Statements bereit?

Wir sind nicht die Welt

Neben ehrlichen Liebesliedern und selbstironischen Schlagernummern vor romantischem Berglandschaftsbanner mit Sonnenuntergang finden dann doch immer wieder politische Anklänge den Weg an die fröhlich-harmonische Oberfläche.

Erst eine Woche ist der Anschlag beim Ansbach Open Air her, der während des Konzerts von Gregor Meyle und seiner hervorragenden Band stattfand. Umso wichtiger ist es dem Musiker zu betonen, dass Menschen genauso wenig in eine Schublade gesteckt werden können wie Musik. 

"Musik ist, was die Welt braucht"

Doch er redet nicht nur: Gemeinsam mit dem befreundeten Sänger Charlie Winston aus England besuchte Gregor Meyle im Rahmen der "SaySomething"-Kampagne ein Flüchtlingslager in Mazedonien, was die beiden Musiker veranlasste, den gemeinsamen Benefizsong "Say Something" zu schreiben. 

Als Highlight des Abends bat Meyle den Briten in Schwetzingen als Special Guest auf die Bühne. Charlie Winston, der in Deutschland vor allem für seinen Song "Like a Hobo" bekannt ist, eroberte das Publikum im Handumdrehen mit seinem Charme und vor allem seinem Können.

Nachdem Charlie Winston alles aus der Band und dem Publikum rausgeholt hat, legt Gregor Meyle mit einer Kostprobe seines im November 2016 erscheinenden neuen Albums nach. "Mann im Mond" heißt der nachdenkliche, mit schlichtem Arrangement noch stärker wirkende Song, der als versteckter Aufruf zu einem intensiveren globalen Gemeinschaftsgefühl verstanden werden kann.

Was bleibt

Gregor Meyle muss ein wirklich netter Mensch sein. Neben seinen Texten, seiner komödiantischen Ader und immer den richtigen Worten überrascht er an diesem Abend nämlich vor allem mit seiner Band. Hochkarätige Musiker, die abseits aller Routine tatsächlich Spaß auf der Bühne zu haben scheinen, ist ein recht seltenes Bild. Mit ausgefeilten, geschmackvollen Arrangements verleihen besonders die Bläser und die Solovioline den Songs von Meyle einen individuellen Sound.

"Schenkt denen nicht euren Hass, sondern eure Liebe!". Mit diesen Worten an das durchnässte Publikum endet ein emotional vielseitiger, im wahrsten Sinne des Wortes "feuchtfröhlicher" Abend im Schwetzinger Schlossgarten.

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