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Sarah Connor (live SAP Arena Mannheim, 2015) © Akis Konstantinidis

Sarah Connor macht vor 7.000 Zuschauern in der SAP Arena in Mannheim deutlich, wie sehr sie sich künstlerisch weiterentwickelt hat. Das aktuelle Album "Muttersprache" mit seinen deutschen Texten steht live im Mittelpunkt, alte Jugendsünden zerrt die Wahl-Berlinerin aber dennoch ins Rampenlicht.

Den Konzertabend in der Mannheimer SAP Arena eröffnet die als "Special Guest" angekündigte Newcomerin Grace Risch. Wobei Newcomerin nicht vollkommen richtig ist, denn das Musikgeschäft kennt die Berlinerin bereits seit längerer Zeit. So hat sie vor einigen Jahren bereits unter dem Künstlernamen "Gretel" das englischsprachige Album "The Big Bad Wolf and the 11 Lost Songs" veröffentlicht und mit Max Herre, Marteria, Peter Fox und Lena Meyer-Landrut zusammengearbeitet.

Auf der Suche nach dem Radiohit

In ihrem minimalen Bühnenbild kommt ihr diese Erfahrung zu Gute. In der Mitte zwischen Schlagzeuger und DJ steht ein gelber Drahtstuhl, den sie auch in ihrem Video zur aktuellen Single "Mücke" prominent platziert – alles andere muss Grace Risch selbst leisten. Gekonnt zieht sie die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich und präsentiert ihre Songs, die im August als EP veröffentlicht werden sollen. Dafür hat sie sich prominente Songschreiber ins Boot geholt: Unter anderem Maxim, Samy Deluxe und Chefket.

Was Grace Risch da aber präsentiert, ist leider ziemlich belanglos und läuft textlich und musikalisch genauso in den letzten Jahren zigfach im Radio rauf und runter. Wenn man Kunst dadurch definiert, dass sie berühren soll, macht Grace Risch leider genau das Gegenteil. Hier tut nichts weh, hier hört keiner auf, hier ist alles Chartgedudel erster Sahne. Also im Prinzip das, wo ihr Songschreiber Samy Deluxe schon vor Jahren angekommen ist.

Konzerte sind wie Fahrrad fahren...

Eine Umbaupause später geht das Licht aus und die Musik an: Nacheinander beginnen die einzelnen Mitglieder von Sarah Connors Band einen treibenden Beat zu spielen. Ehe man sich versieht, ist der Vorhang weg und Frau Connor steht mit Hut mitten auf der Bühne. "Halt Mich" eröffnet ihr Konzert und das größtenteils weibliche Publikum ist von der ersten Sekunde an mitgerissen. Kein Wunder, bei so viel Präsenz.

Im Großen und Ganzen hält sich Sarah Connor mit ihrer nun folgenden Setlist an die letztjährige Tour und das 2015 veröffentliche Album "Muttersprache live – ganz nah". Das geht so weit, dass sogar die Ansprachen ans Publikum teilweise gleich sind wie auf der Liveplatte. Für Fans, die entweder im letzten Jahr bereits dabei waren oder sich das Livealbum gekauft haben, hätte sich die Wahl-Berlinerin gerne auch ein paar neue Tricks einfallen lassen können.

Jugendsünden aus der Mottenkiste

Mit einigen Songs vom Album "Muttersprache" wie "Anorak", "Deutsches Liebeslied" oder "Wenn Du da bist" geht das Konzert deutschsprachig weiter. Schließlich widmet sich Sarah Connor mit einem Medley aber der Sprache ihres Vaters und lässt ein paar alte Hits vom Stapel.

Und spätestens hier muss auch der härteste Kritiker Zugeständnisse machen. Egal, was man von Connors aktuellen Songs hält: "Muttersprache" zeigt eine enorme künstlerische Weiterentwicklung. Was Sarah Connor an Musik vor zehn und mehr Jahren rausgehauen ist, ist dagegen schlecht gealtert und heute nicht einmal mehr aus nostalgischen Gründen hörbar. "Let's Get Back to Bed – Boy!" und "French Kissing" feiern verklemmte (typisch amerikanische) Sexualität und sind schlicht und ergreifend nervig. "Bounce", eine P!nk-eske Frauenpower-Nummer gibt Frauen bestimmt vieles, aber keine Power.

Meister ihres Fachs

Wie man gute englischsprachige Musik macht, zeigt anschließend der Song "Rock With You". Die Nummer stammt aber auch nicht aus der Feder von Sarah Connors früheren ziemlich unfähigen Produzenten, sondern von Michael Jackson und dessen Produzent Rod Temperton. Aber das waren auch Meister ihres Fachs.

Wer in der SAP Arena nicht genug von englischen "Hits" hat, bekommt noch "From Sarah With Love" um die Ohren gehauen. Hier rettet aber die Band, die die Teenager-Schmachthymne der frühen Nullerjahre südamerikanisch angehaucht über die Bühne bringt. Das ist hörbar, und hätte sogar Céline Dions "My Heart Will Go On" wieder erträglich gemacht. Vielleicht.

Aus der Talsohle

Sarah Connors Band holt uns aus diesem Wechselbad der Gefühle heraus. Grandios covert sie "Working Day And Night", wieder einmal im Original von Michael Jackson, und baut energiegeladene Stimmung in der Halle auf. Noch einmal: So geht gute englischsprachige Musik! 

Gäbe es eine große Bühnenshow, würde sich Sarah Connor am Ende des Intermezzos wie James Brown auf die Bühne werfen und die aufgeheizte Stimmung ausschlachten. Zuvor hatte sie aber mehrfach betont, dass es keine aufwändige Bühnenshow geben wird. Und so sitzt sie schließlich mitten im Publikum und singt leise und ruhig "Das Leben ist Schön". Das starke Songwriting steht in starkem Kontrast zu den zuvor dargebotenen Gassenhauern.

Der "neue" Sound steht Sarah Connor ziemlich gut, auch wenn die Vorbilder mit Rosenstolz und Silbermond klar zu erkennen sind. Noch hat die Sängerin zwar keine Hymne über das meditative Aufräumen der eigenen vier Wände wie die Bautzener ("Leichtes Gepäck"), befindet sich aber auf gutem Weg dahin. Zu verdanken hat sie das wohl vor allem Produzent und Ex-Mitglied des Duos Rosenstolz Peter Plate.

Sex? Geht.

Plate hat mit seinem Team Sarah Connor Songs geschrieben, die teilweise wie auf den Leib geschneidert wirken. Das klappt so gut, dass Frau Connor jetzt erstaunlicherweise unverkrampfter über Sex ("Kommst du mit ihr") als in den alten Popnummern singen kann. Vieles von "Muttersprache" hat Hitpotential und das kann man auch live sehen. Selbst das im Radio mittlerweile totgenudelte "Wie schön du bist" fast am Ende des Abends klingt gut. Wunder gibt es immer wieder!

Nach einer Zugabe endet ein netter Abend, der mehrere tausend Frauen zwischen 25 und 45 Jahren angesprochen und glücklich gemacht hat. Mehrere hundert dazugehörige Männer hatten vielleicht auch ihren Spaß, sparen sich dafür aber diesen Monat auf jeden Fall einen Schnulzenfilm im Kino. Und das allein rechtfertigt alles.

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