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Tocotronic (live in Mannheim, 2015) © Alex Schäfer

Am 11. Oktober spielten Tocotronic, die Altmeister des deutschen Indie-Rocks vor fast ausverkauftem Haus in der Alten Feuerwache Mannheim. Unterstützung erhielten sie vom Duo Sarah and Julian. Es war ein Konzert ohne Enttäuschungen.

Als pünktlich um 20:00 Uhr die Vorband Sarah and Julian die Bühne der Alten Feuerwache Mannheim betritt, ist der Saal des Veranstaltungshauses bereits gefüllt. Das deutsch-amerikanische Singer-Songwriter-Duo hat sich Live-Unterstützung in Form von Oliver Spielberger an Percussion und Synthie mitgebracht. Sarah Muldoon bedient das E-Piano, ihr Bruder Julian spielt Gitarre, beide singen.

Rundum überzeugend

Sarah and Julian kreieren einen warmen Sound, ein bisschen Folk, ein bisschen Pop. Mal erinnern sie an Radical Face, mal an Of Monsters and Men. Im Vordergrund steht der zweistimmige Gesang, oft von einem überraschend stampfenden Beat begleitet. Der Höhepunkt dieses halbstündigen Teils ist ein Stück, das von den Geschwistern mit Schnipsen, Beatbox-Lauten und Schlägen auf die Brust eine ganz eigene Rhythmik erhält.

Leider ist das Publikum besonders in den hinteren Reihen derart in Gespräche vertieft, dass der Auftritt trotz überzeugender Leistung dadurch nicht unerheblich gestört wird. Aber das scheint das ewige Schicksal der Vorbands zu sein.

Bloch an Adorno

Nach einer weiteren halben Stunde Umbaupause wird das Publikum dann langsam unruhig: "Toco!", erschallt es aus der Menge. Kurz darauf wird dem Ruf stattgegeben, die Band betritt unter lautem Applaus und einem Bläsergeleit aus der Konserve die Bühne. "Guten Abend. Wir sind die Gruppe Tocotronic", begrüßt Frontmann Dirk von Lowtzow die Fans, bevor die Gruppe Tocotronic den Abend mit "Prolog" vom neuen Album standesgemäß ihr Konzert beginnt.

Tocotronic überzeugen von Anfang an durch Professionalität beim Spielen, ohne dabei die Freude verloren zu haben. Der Draht zum Publikum steht. Viele Besucher sind langjährige Fans, für einige dürfte es das erste Konzert sein. Ihr zweites Stück "Du bist ganz schön bedient" wird mit den Worten eingeleitet, es handle sich um einen bisher unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Bloch und Adorno. Konkret ginge es um einen Teil des Wechsels, Bloch an Adorno.

Tschüss, Deutschland

Immer wieder geht von Lowtzow auf die Region ein, etwa wenn es heißt "Hallo Ludwigshafen". Die gezielten Stiche gegen das Delta oder auch die eigene badische Heimat werden mit Humor aufgenommen und mit Applaus und Gelächter belohnt. Überhaupt übt der Frontmann durch seine Mimik, seine Gestik, ja, seine ganze Art auf der Bühne eine nicht zu leugnende Faszination aus, die irgendwo zwischen grenzenlosem Charme und Unnahbarkeit liegt.

Zwar spielen Tocotronic reichlich Songs vom neuen Album, dennoch ist das Konzert keine reine Promoveranstaltung. Die Band spielt sich durch ihr gesamtes Repertoire. "Digital ist besser", "Die Grenzen des guten Geschmacks" oder "Let there be rock" sind ebenso vertreten wie "This Boy is Tocotronic" oder "Macht es nicht selbst". Bei "Aber hier leben, nein danke" bemüht von Lowtzow ein Frage-Antwort-Spiel, das er nach dem ersten Versuch als sehr "sonntagabendlich" beschreibt. Nach drei weiteren Versuchen gibt er sich dann zufrieden, das Stück beginnt.

Ein würdiges Konzertende

Der Hauptteil des Konzertes dauert etwa 75 Minuten und endet mit "Let there be rock". Nach viel Applaus kommt die Band für die obligatorische Zugabe erneut auf die Bühne. Dem Publikum werden weitere zwanzig Minuten vergönnt, die mit einem fulminanten "Explosion" enden, eine indifferente Stromgitarrenwand, durch die nur die Bassdrum durchdringt.

Dennoch haben die Fans nicht genug. Nach weiteren fünf Minuten Applaus kommen Tocotronic ein letztes Mal ins Rampenlicht und geben "Pure Vernunft darf niemals siegen" zum Besten, werden dabei frenetisch gefeiert. Nach der zweiten Zugabe ist dann aber wirklich Schluss. Alles was noch bleibt ist die Rückkopplung der Gitarre, die recht bald vom Roadie leise gedreht wird. Es war ein sehr gutes Konzert.

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