Kaum eine deutschsprachige Indie-Rockband konnte sich über einen Zeitraum von über 30 Jahren eine so bunte und immer noch stetige wachsende Hörerschaft erspielen wie die Gruppe Tocotronic. Aus der Ursuppe der heute so oft zitierten und diskutierten Hamburger Schule der frühen 90s, mit krachigen Trio-Konzerten im Florakeller zu heute ausverkauften 1000er Hallen war es ein langer Weg.
Vor dem Wiesbadener Schlachthof steht der jung gebliebene 50-Something mit Trainingsjacke neben dem Hipster und aufgedrehte Jugendliche warten mit Ihren Eltern auf ihr "richtiges" erstes Konzert. Auch der obligatorische 60+ Rockhörer ist am Start und gönnt sich noch ein Bier vorab.
Grrrl Power zum Warm-Up
Bereits das Berliner Garagen-Duo CAVA heizt mit ihren Noise-Attacken und Fuzz-Distortion die Stimmung mächtig an. Dabei wechseln die beiden problemlos zwischen Gitarre und Schlagzeug hin- und her und setzten den Fokus auf ihren soeben bei Buback-Tonträger erschienen zweiten Longplayer "Powertrip".
Mit Charme "Wir spielen normal in Läden wie dem 'Schon Schön' und nicht vor so großem Publikum wie hier" und klarer politischer Haltung gegen das Wegsehen und die schweigende Mehrheit, spielen sich die beiden in ihrem gut halbstündigen Set in die Herzen der Menge, was für einen Support nicht eben selbstverständlich ist.
Eine Antithese zu Beginn
Der Schlachthof ist randvoll gefüllt und zum gewohnt dramatischen Rittertanz von Prokofiev ziehen Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Tourgitarrist Felix Gebhardt wie Gladiatoren ein. Anders als früher begrüßt von Lowtzow vor dem ersten Song das Publikum und erklärt im Prinzip den unorthodoxen Start des Konzerts.
Der Opener des neuen Albums "Der Tod ist nur ein Traum" behandelt das Ableben und ist ein ruhiger Folksong. Es wäre nicht Tocotronic, wenn nicht mit "Bleib am Leben" danach sofort die "Antithese" vom neuen Album folgen würde und das Tempo merklich anzieht.
Fokus auf "Golden Years"
Die Kritiken zur neuen Platte "Golden Years" fielen sehr unterschiedlich aus. Etwas zu gemütlich und routiniert war u.a. der Tenor der Musikpresse. Davon ist an diesem Abend nichts zu spüren. Wie oft bei ihren Studioplatten kommen die Songs live kantiger und intensiver.
"Denn sie wissen, was sie tun" nutzt von Lowtzow um sich eindeutig gegen die AfD zu positionieren ("AfD ist nicht ok"), was starke Resonanz beim Publikum hervorruft. "Der Seher", ein Lied gegen falsche Propheten und zentraler Song des neuen Albums intensiviert dieses Gefühl noch.
Bei "Wie ich mir selbst entkam" vermisst man etwas die giftigen, an Pavement und Dinosaur Jr. angelehnten Wah-Wah Attacken der Studioversion, die noch vom Amerikaner Rick McPhail eingespielt wurden. Dessen markante Bühnenpräsenz kann Felix Gebhardt nicht ganz auffangen aber er macht als Lead-Gitarrist einen tadellosen Job Seine Leadparts sind kraftvoll und krachig, passen gut zur aktuellen Form der Band.
Neben Grüßen an den aus privaten Gründen aktuell nicht verfügbaren Gitarristen nach Hamburg, erzählt der Frontman, dass man für die Tour einen jüngeren, französisch anmutenden Mann als Reisebegleitung gesucht habe und der Himmel habe ihnen Felix Gebhardt geschickt, der dies alles in seiner Person vereine.
Der neue alte Dirk Von Lowtzow
Überhaupt wirkt der singende Poet aus dem Schwarzwald so gesprächig und unterhaltsam wie nie. Mit Jan Müller und Dr. Arne Zank wirft er sich zwar immer noch fast kindlich Plüschtiere zu. Allerdings ergreift er nun auch viel öfter das Wort als bei früheren Konzerten, als wäre er sich durch das Ausscheiden von Rick McPhail seiner Verantwortung für Tocotronic noch bewusster.
Egal ob er, die heute obligatorischen, Herzen ins Publikum sendet, die linke Faust ballt oder zur Umarmung des Publikumsnachbarn aufruft, Dirk von Lowtzow ist der Messias wieder willen, der sich indes vor keinen Karren spannen lässt. Tocotronic standen "plüschophil" immer für den gewaltfreien Widerstand gegen rechts und alle einengenden Konventionen.
Unter den vielen Songs gegen das Establishment und die Normativität trägt besonders "Ich bin zu lange mit euch mitgegangen" diese Haltung und wird an diesem Abend zusammen mit "Drüben auf dem Hügel" als "Golden Oldies" mit starkem Applaus bedacht.
Punkig vs. akustisch
"Ich hasse es hier" ist immer noch der zickige Hit der letzten Platte "Nie wieder Krieg" und wird kongenial vom neuen "Bye Bye Berlin" ergänzt. Der Abgesang auf die Hipster-Metropole lässt sich auch treffend am Merchstand auf Jutetaschen wiederfinden.
In der Mitte des Sets fährt die Band das Tempo runter und mit akustischer Gitarre werden "Ich tauche auf" und "Golden Years" Protestsongs im Stil des klassischen 60er-Folks zum Besten gegeben. Der Titelsong klingt als Roadsong wie eine wehmütige Reminiszenz an bessere Tage und thematisiert auch Routine und Entfremdung in modernen Zeiten.
Die Klassiker brennen lichterloh
Während "Gegen den Strich" abermals die DNA von Tocotronic unterstreich, ist "Sie wollen uns erzählen" von 1997 vielleicht immer noch der besten elektrische Bob Dylan Song der 90s und "Let There Be Rock" entfacht auch in seinem 26sten Jahr das Wohlgefühl bei vielen Berufsjugendlichen, das am besten niemals enden soll. Die clevere Message der Metaebene des Videos mit Kenneth Anger Anleihen, AC/DC-Verweisen ist bis heute unerreicht und wird durch den Teufelsgruß von Lowtzows nur noch unterstrichen.
Die schonungslose Prophezeiung "Digital ist besser" von 1995 lässt das Stammpublikum entzückt zurück und der Schlussakt "Das Geschenk" vom Coming-Of-Age Album K.O.O.K. regnet lavaartig und hypnotisch auf das dankbare Auditorium herab. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt.
Bewährte Bandchemie
Im Rahmen von drei Zugaben Blöcken zeigen Tococtronic nochmals, was sie immer auszeichnete und ihr Alleinstellungsmerkmal ist. "This Boy Is Tocotronic" und "Hi-Freaks" sind die vielleicht größten Hits der Band und stehen für sich: beständige Nonkonformität trifft musikalische Eingängigkeit.
Das Wiesbadener Publikum badet förmlich darin und wer noch kann, ist im Moshpit vor der Bühne dabei. "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen" kennt jeder, der musikalisch mit 90er Musikfernsehen, insbesondere MTV Alternative Nation sozialisiert wurde.
Jan Müller hüpft dazu auch nach gut 110 Minuten in die Luft und schleudert dabei seinen Bass um sich, wie es nur ein "Dorian Gray des Diskurs-Rock" vermag. Schlagzeuger Arne Zank als Ruhepol gibt hingegen unaufgeregt, aber stets songdienlich den Takt vor.
Als die Band nach dem ewigen Outro Ingrid Caven tatsächlich doch noch mal auf die Bühne zurückkehrt, folgt mit "Freiburg" der fast atonale Schlussakkord dieses großartigen Konzerts. Dirk von Lowtzows Versprechen "Wir sind und bleiben die Gruppe Tocotronic" ist in diesen Zeiten mehr denn je ein großer Trost und eine Hoffnung zugleich.
Setlist
Intro Rittertanz (Sergei Prokofiev) / Der Tod ist nur ein Traum / Bleib am Leben / Digital ist besser / Aber hier leben, nein danke / Gegen den Strich / Sie wollen uns erzählen / Denn sie wissen, was sie tun / Der Seher / Wie ich mir selbst entkam / Ich hasse es hier / Bye Bye Berlin / Ich tauche auf / Golden Years / Let There Be Rock / Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen / Drüben auf dem Hügel / Das Geschenk // This Boy Is Tocotronic / Hi Freaks / Die Welt kann mich nicht mehr verstehen / Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst // Explosion / Outro Die großen weißen Vögel (Ingrid Caven) // Freiburg








