Business as usual in Heidelberg. Generationen von Indie-Hörern versammeln sich, um den Urgesteinen der Hamburger Schule die Ehre zu erweisen. Und so steht der ergraute trainingsjacketragende Erwachsene mit schütteren Hosen neben dem aufgeregten Studierenden, der die Band zum ersten Mal live sieht.
Beide lauschen artig Stefanie Schrank, vielen wohl bekannt von Locas in Love, die mit charmanter Vintage-Elektronik einen Einstieg bietet, der sehr gut vom Publikum angenommen wird.
Endlich wieder in Heidelberg
Zum Einstieg nach Prokofjew hochdramatsichem Rittertanz spricht von Lowtzows ausnahmsweise mal nicht die beschwörende Grußformel “Hallo Heidelberg, wir sind die Gruppe Tocotronic” sondern erinnert sich an den letzten Auftritt und betont, wie gerne er hierher zurückkehren.
Mit "Das Unglück muss zurückgeschlagen werden" vom Durchbruch-Album K.O.O.K.aus dem Jahr 1999 arbeitet man sich langsam und in alter Lo-Fi Manier ins Programm. In Wiesbaden stand Anfang 2025 an dieser Stelle noch der leise Opener der damals neuen Platte "Golden Years" auf dem Programm.
Solide neue Platte
In Fankreisen gilt die neue Platte als grundsolide, was durchaus positiv zu verstehen ist. In gewisser Weise sind Tocotronic spätestens seit dem weißen Album ihrem Stil treu geblieben.
Die neue Platte wird mit fünf Stücken ausgiebig gewürdigt und besonders "Wie ich mir selbst entkam", "Bye Bye Berlin" und der Titelsong wissen zu überzeugen. Mit dem politischen "Denn sie wissen was sie tun” positioniert sich die Band deutlich gegen den zunehmenden Rechtsruck, aber ohne den moralischen Zeigefinger zu heben und stattdessen mit ihrem verschrobenen, scharfzüngigen Humor.
Forever Young und Pogo mit den Altvorderen
Es sind aber wie immer die kampferprobten alten "Schlachtrösser", die das Publikum aus der Reserve lockt. "Aber hier leben, nein danke" oder "Digital ist besser" verfehlen ihre Wirkung nicht und sorgen dafür, dass sich vor der Bühne ein Moshpit junger Zuschauer bildet. Tourgitarrist Felix Gebhard bleibt dabei im Hintergrund, spielt aber eine wuchtige Lead-Gitarre und vertritt Rick McPhail großartig.
Es ist schon erstaunlich, wie zwei Norddeutsche und ein Badener seit Jahrzehnten ihr Ding durchziehen und immer den Nerv eines nachwachsenden Publikums treffen. Tocotronic erscheinen jünger als sie sind und wirken dabei authentisch und überzeugend. Das Außenseitertum einer oft abgeschriebenen Band wird dadurch zur glaubhaften Alternative.
Live gibt es bei der Gruppe nach wie vor keine Experimente, keine Keyboarder oder gar Streicher. Die Band schafft eine Wohlfühlatmosphäre, die man in gewohnten Abständen immer wieder gerne serviert bekommt.
Achterbahnfahrt am Ende
Das Acoustic Set sorgt mit "Ich tauche auf" für einen Showstopper Moment, in dem alle gebannt an Dirks Lippen hängen. "Ich hasse es hier" ist ein Überbleibsel aus der “Nie wieder Krieg" Phase ist das archetypische Paradestück des zickigen Chansonniers, der sich über eine Tiefkühlpizza auslässt.
Wen es gegen Ende des regulären Sets bei “Let There Be Rock" nicht packt und sich an seine eigene Jugend erinnert fühlt, wird wohl mit der Band nie mehr Frieden schließen.
Einzig der Set-Abschluss "Das Geschenk" verfehlt seinen Zweck, die Stimmung aufs Maximum zu treiben. Der Song ist ein Relikt aus der Nahtstelle vom Schrammel-Indierock der 90s zu ambitionierten Werken ab den 00er Jahren, mäandert aber zu lang und zu ziellos.
Gefeierte Zugaben
Dafür sind die Zugaben umso brachialer und werden ekstatisch gefeiert. Waren "This Boy is Tocotronic" und "Hi-Freaks" im Studio 2002 noch auf Hochglanz poliert, sind sie live wuchtige Anker, an denen sich viele festhalten und lauthals mitsingen.
Gleiches gilt für das Motto einer ganzen 90s Indie-Generation bei "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen". Zwei Minuten für die Ewigkeit und Tocotronic Sloganeering at it’s very best. Mit dem mächtigen "Explosion" zollt die Band Ihrer "Kapitulation Phase" eine angemessene Referenz.
Als die Hälfte der Zuschauer nach Ingrid Carvens Outromusik "Die weißen Vögel" schon auf dem Weg nach draußen ist, kehrt die Band doch nochmal zurück und haut den unvergleichlichen Stadt-Diss "Freiburg" raus. Kein Wunder, dass er schnell nach Hamburg ging. Was für ein Glück für uns alle.
Setlist
Das Unglück muss zurückgeschlagen werden / Bleib am Leben / Digital ist besser / Aber hier leben, nein danke / Gegen den Strich / Sie wollen uns erzählen / Denn sie wissen, was sie tun / Wie ich mir selbst entkam / Ich hasse es hier / Bye Bye Berlin / Ich tauche auf / Golden Years / Let There Be Rock / Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen / Drüben auf dem Hügel / Das Geschenk / This Boy Is Tocotronic / Hi Freaks / Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst / zutiefst / Die Welt kann mich nicht mehr verstehen / Explosion / Freiburg









