Kraftwerk (Pressebild, 2012)

Kraftwerk (Pressebild, 2012) © 2012, Peter Boettcher/Kraftwerk/Sprüth Magers

Zum 25-jährigen Jubiläum des ZKM in Karlsruhe spielen Kraftwerk drei restlos ausverkaufte 3D-Konzerte. Ihre Shows beweisen eindrucksvoll, dass die Musik von Kraftwerk immer noch eine geradezu unheimliche Modernität besitzt.

Am Einlass wird es Gewissheit: die personalisierten Tickets sind kein Scherz, jeder Besucher der restlos ausverkauften Konzerte hat sich individuell auszuweisen. Das Ziel ist klar, aber doch höchst ironisch angesichts der Gruppe, die es zu erleben gilt.

Segnungen und Schrecken der Technik

Schließlich haben sich Kraftwerk einen Namen damit gemacht, die Grenzen zwischen Menschen und Maschinen aufzulösen sowie die Segnungen und Schrecken der Technik nicht nur zu thematisieren, sondern konzeptionell umzusetzen. Ihre Musik lebt in ebenso starkem Maß von der Technik, wie sie sich von ihr distanziert.

So spielen Kraftwerk einerseits eine Hymne auf eine der bekanntesten deutschen Errungenschaften, die "Autobahn", feiern aber ebenso die "Tour de France", die ultimative Prüfung für Profi-Radfahrer, die mit reiner Muskelkraft (und Hilfsmitteln) einen Kurs absolvieren müssen, der ihnen körperlich alles abverlangt.

Kraftwerk-Avantgarde

Während "Spacelab" mit der Faszination Weltall spielt, thematisiert "Radioaktivität" vor allem den Schrecken der Kernenergie, nicht ohne daran zu erinnern, dass die Technik in den 1960ern und 1970ern als ultimative Avantgarde galt. Genau wie Kraftwerk.

Musikalisch scheint die Inszenierung etwas an Wärme verloren zu haben. Kalt und hart knallen die Beats, was die feine Melancholie von "Computerliebe" und "Das Modell" nicht unbedingt gut zur Geltung kommen lässt. Ralf Hütters Stimme wirkt in diesen Momenten etwas verloren, lässt die Präsenz früherer Tage vermissen.

Mitreißende Musik

Andere Momente profitieren davon, insbesondere der lange Schlussteil mit "Trans Europa Express", "Tour de France" und "Musique Non Stop" als Höhepunkten, aber auch der Beginn mit "Die Roboter", bei der die Projektionen dank 3D wirken, als ständen sie mitten im Publikum. In den besten Momenten entwickelt die Inszenierung einen unheimlichen Sog, der die Besucher fesselt und zu Begeisterungsstürmen treibt.

Die 3D-Inszenierung ist vor allem ein Gimmick, aber die Umsetzung ist dennoch ganz nett. Bei Spacelab scheinen Raumschiffe mitten im Saal zu fliegen – dafür gibt es dann verdienten Applaus des Publikums. Aber vieles hätte ohne 3D (und diese nervigen Brillen aus der Hölle) genauso gut funktioniert.

Meilenweit ihrer Zeit voraus

Die Videoprojektionen sind jedenfalls sehr gelungen, da sie die Zuschauer nicht mit Eindrücken zu überwältigen versuchen, sondern ihnen in einer minimalistisch anmutenden Inszenierung die Essenz vermitteln. Dazu greifen sie die bekannte Symbolik von Kraftwerk auf, führen sie aber sorgfältig und überlegt fort. Auf der "Autobahn" fahren keine Modelle von heute, sondern aus den 1970ern. Hier wird nichts modernisiert, sondern bleibt in der Zeit der Entstehung verortet – wie der Grünbildschirm bei "Nummern".

Die entstehende Spannung zwischen Entstehungskontext und Aktualität eignet sich gut, um festzustellen wie weit Kraftwerk ihrer Zeit voraus waren. Auch wenn die Begrifflichkeiten sich teilweise geändert haben: Viele der Anfang der 1980er von Kraftwerk thematisierten Aspekte der digitalen Revolution sind immer noch genauso aktuell, auch wenn nur noch die Wenigsten wissen, was Bildschirmtext war. Wo sind die aktuellen Bands, die ein derart feines Gespür haben?

Zwischen Mensch und Maschine

Was die "Operators" Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Falk Grieffenhagen hinter ihren "Keyboards" genau vollführen, bleibt unklar. Die Grenzen zwischen Menschen und Maschinen verschwimmen, genau wie die Musik, deren Ursprung offensichtlich und doch mysteriös ist.

Es gibt einen Grund, warum Kraftwerk in Deutschland, aber noch viel stärker im anglo-amerikanischen Ausland einen legendären Status genießen. Ihre Musik ist ein Mysterium, das sich niemals ganz erschließen wird. Auch noch Jahrzehnte später.

Setlist

Die Roboter | Metropolis | Nummern | Computerwelt | Heimcomputer | Computerliebe | The Man-Machine | Spacelab | Das Modell | Neonlicht | Autobahn | Nachrichten | Geigerzähler | Radioaktivität | Tour de France 1983 | Tour de France 2003 | Trans Europa Express | Boing Boom Tschak | Techno Pop | Musique Non Stop | Zugabe: Aéro Dynamik | Electric Café

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