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Roger Waters in pseudo-faschistischem Outfit © Rudi Brand

Roger Waters Inszenierung des Pink Floyd-Klassikers "The Wall" ist eine gewaltiges, manchmal verstörendes, manchmal überwältigendes Erlebnis. Es ist nicht gänzlich frei von Schwächen, versöhnt aber mit dem vollen Einsatz der Protagonisten und spektakulären Animationen und Videoprojektionen, die alles bisher Gesehene in den Schatten stellen.


Unbedingt ansehen: Unsere Fotostrecke zu Roger Waters "The Wall" in der Frankfurter Commerzbank-Arena


Das Doppel-Album The Wall erzählt die Geschichte von Roger Waters Alter Ego "Pink", einem narzistischen Rockstar, der sich von der Welt mit einer Mauer abkapselt. Roger Waters Inszenierung von The Wall benutzt diese Geschichte, um mit Bildern und Parolen gegen Kapitalismus, Krieg und "Staatsterrorismus" zu polemisieren und agitieren.

Die Mauer, die Pink dazu benutzte, um sich von der Welt abzuschotten, dient in dieser gewaltigen, eindrucksvollen Show als Projektionsfläche unzähliger Bilder und Animationen, die eine Botschaft des Widerstands und des Protests vermitteln. Gegen Überwachung und Entmenschlichung setzt Roger Waters Misstrauen gegenüber dem Staat, das durch die an die Wand projezierten Bilder von Opfern staatlicher Gewalt versinnbildlicht wird.

Trauma und Manifest

Die Liveinszenierung von The Wall fungiert als Manifest der politischen Überzeugungen von Roger Waters. Alles Persönliche besitzt eine politische Dimension: Die Traumata des 2. Weltkriegs, Massenmord, Kriegswaisen und Faschismus, führt Waters in seiner gigantischen Show zusammen. Anders als die Generation seiner Väter, die nicht zu erzählen vermochte, benutzt Waters die Bühne der Commerzbank-Arena dazu, das in den Mittelpunkt zu stellen, was ihn bewegt.

Der Auftakt gelingt sogleich spektakulär. Als eine der wenigen Shows nutzt The Wall "dreidimensionale" Soundeffekte, die aus den hintersten Teilen der Arena zu stammen scheinen. Eine Trompete, Maschinengewehrfeuer, Flugzeuglärm, Bomben und ein (etwas albernes) Flugzeug, das hinter der halb aufgebauten Mauer abstürzt.

Konfrontation mit dem Feind

Die Kindheit von "Pink" bzw. Roger Waters wird durch eine dominante Mutter und brutale, erbarmungslose Lehrer bestimmt. Beide sind in Form gewaltiger aufblasbarer Figuren präsent, deren Augen finster leuchten. Another Brick In The Wall Part 2 schließt mit einem akustischen Teil, das den Tod des Brasilianers Jean Charles de Menezes thematisiert, der in der Londoner U-Bahn von Polizisten aufgrund einer Verwechslung erschossen wurde.

In Goodbye Blue Sky werfen animierte Flugzeuge religiöse (Kreuze, Davidsterne, Halbmond) oder ideologische Symbole (wie Hammer und Sichel und Mercedes-Benz-Sterne) ab. Egal, was man davon hält, es ist technisch eindrucksvoll umgesetzt, wie die gesamte Show.

Durchhänger im ersten Set

Dennoch besteht die mehr als zweistündige Show nicht nur aus Highlights: Besonders die zweite Hälfte des ersten Sets (ab Young Lust) bleibt eher blass. Das hat mehrere Gründe: Zum einen offenbart sich hier die Schwäche des Ausgangsmaterials. Die entsprechenden Songs besitzen schlichtweg nicht die Klasse, um sich in dieser überbordenden Inszenierung zu behaupten.

Zweitens lässt sich das Beziehungs-Thema der Songs nur mühsam mit dem Grundkonzept des übrigen Konzerts in Einklang bringen. Die Projektion eines nackten Frauenkörpers mag da oberflächliche Ablenkung liefern – mehr aber auch nicht. Zum Ende des ersten Sets ist die Mauer fast ganz geschlossen, der Applaus zur Pause fällt aber eher verhalten aus.

Die Mauer im Rücken

Das zweite Set entschädigt für alle Ungereimtheiten. Es ist eine geniale, aber auch gewöhnungsbedürftige Idee Hey You hinter der komplett geschlossenen Mauer zu performen und damit das übliche Konzerterlebnis auf den Kopf zu stellen. Später öffnen sich zwei Platten, die einen Blick auf die Gitarristen erhaschen lassen und für Noboby Home klappt sich ein Wohnzimmer aus der Mauer auf, in dem Roger Waters Platz nehmen kann.

Musikalisch folgen jetzt die Höhepunkte des Abends. Comfortably Numb singt Waters mit höchster Intensität, eilt von einer Seite der Bühne an die andere und animiert das Publikum zum Jubeln. Hoch über der Bühne thront Gitarrist Dave Kilminister, wo er seinen feurigen Gitarrenpart spielt. Eine Bühne erhebt sich vor der Mauer, die Band kehrt zurück und Roger Waters legt Ledermantel und Sonnenbrille an.

Rogers Reichsparteitag

Roger Waters und Band stehen in pseudo-faschistischer Montur auf der Bühne. Flaggenträger schwenken das Hammer-Emblem, ein wilder, trotz seiner aufblasbaren Natur fast bedrohlicher Eber fliegt durch das Stadion (bzw. wird von der Crew durchs Stadion gezogen). Und immer wieder die Kriegsthematik: Bilder von Hitler, Bush, Opfern von Kriegsgewalt im Irak. Roger Waters feuert mit der Imitation eines Maschinengewehrs in die Menge...

Jetzt ist der Zeitpunkt, wo das Publikum mitgerissen wird von der unglaublichen Bilderflut, dem wahnsinnigen Dröhnen und Hämmern der Musik. Im Innenraum erheben sich die Zuschauer, die Roger Waters zum Mitklatschen animiert so wie ein manipulativer Massenprediger. Das ist die Szenerie kurz vor dem Zusammenbruch, der mit den klassischen Animationen von Gerald Scarfe illustriert wird.

Wiedergeburt als Mensch

"Pink", eingesperrt hinter einer Mauer, ist dennoch seinen Dämonen ausgeliefert und wird von ihnen bedrängt. Dann kollabiert die Wand und Roger Waters betritt mit seiner Band auf die Bühne. Gemeinsam spielen sie Outside The Wall mit akustischen Instrumenten. Es ist vorbei. Die Menschheit hat ihn wieder. Und mit ihm sein Manifest.

Setlist

Teil 1: In the Flesh? | The Thin Ice | Another Brick in the Wall (Part 1) | The Happiest Days of Our Lives | Another Brick in the Wall (Part 2) | (The Ballad of Jean Charles de Menezes) | Mother | Goodbye Blue Sky | Empty Spaces | What Shall We Do Now? | Young Lust | One of My Turns | Don't Leave Me Now | Another Brick in the Wall (Part 3) | The Last Few Bricks | Goodbye Cruel World

Teil 2: Hey You | Is There Anybody Out There? | Nobody Home | Vera | Bring the Boys Back Home | Comfortably Numb | The Show Must Go On | In the Flesh | Run Like Hell | Waiting for the Worms | Stop | The Trial | Outside the Wall

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