Mit ihrem Konzert im Leipziger Haus Auensee haben Marillion einen eindrucksvollen Schlusspunkt unter ihre Deutschlandtour 2026 gesetzt. Bevor es für die britischen Progressive-Rocker zu zwei besonderen Konzerten in das legendäre Amphitheater von Pompeji geht, überraschte die Band ihre Fans mit einer außergewöhnlichen Setlist.

Schon vor Konzertbeginn wurde deutlich, dass dieser Abend etwas Besonderes werden sollte. Ein Crewmitglied appellierte an die rund 1.300 Besucher, ihre Handys möglichst in den Taschen zu lassen und den Abend stattdessen bewusst zu genießen. Das Publikum honorierte die Bitte mit Applaus – ein seltener Moment in Zeiten allgegenwärtiger Smartphone-Kameras.

Pünktlich um 20:30 Uhr eröffnete Sänger Steve Hogarth (70) den Abend mit "Splintering Heart". Während dieser Song auf der laufenden Tour gesetzt ist, entwickelte sich alles, was danach folgte, zu einer musikalischen Überraschungsreise. Marillion sind dafür bekannt, ihre Setlists regelmäßig zu verändern – in Leipzig zeigte sich die Band dabei besonders spielfreudig.

Kein "One-Trick-Pony"

Für den wohl größten Jubel des Abends sorgte natürlich "Kayleigh". Nachdem der bislang unveröffentlichte Titel "Ribbon and Lace" verklungen war, legte sich eine düstere Basslinie über den Saal, ehe Steve Rothery (66) die unverwechselbare Gitarrenmelodie anstimmte. Immer wieder wird darüber spekuliert, ob Marillion ihren größten Hit bewusst meiden. Tatsächlich spielen die Briten den Song heute deutlich seltener als früher.

Steve Hogarth hatte mehrfach erklärt, dass die Band nicht auf ihren Ruf als 80er-Jahre-Hitlieferant reduziert werden wolle. Als in Leipzig dennoch die ersten Töne erklangen, war die Bitte des Roadies schnell vergessen – unzählige Smartphones wurden in die Höhe gehalten.

Überraschende Songauswahl

Doch damit nicht genug. Mit "Hotel Hobbies" fand ein weiterer Titel aus der Fish-Ära den Weg in die Setlist. Zusammen mit "Afraid of Sunlight" und "Seasons End" entstand ein Programm, das selbst langjährige Fans überraschte. Eine derart abwechslungsreiche Mischung aus verschiedenen Schaffensphasen ist bei regulären Tourneen eher die Ausnahme.

Nach "Care" vom aktuellen Album "An Hour Before It’s Dark" erhielt das Konzert eine weitere besondere Note. Ein achtköpfiger italienischer Chor ergänzte die Band und verlieh Songs wie "The Space", "Easter", "Lucky Man" und "Living in F.E.A.R." zusätzliche Tiefe. Vor allem die harmonischen Chorstimmen verschmolzen eindrucksvoll mit den sphärischen Keyboardflächen von Mark Kelly (65).

Stetige Neuerfindung

Zum Abschluss gab es mit "Man of a Thousand Faces" lediglich eine einzige Zugabe – weniger als bei den übrigen Deutschlandkonzerten. Vielleicht wollten die Musiker nach dem Auftritt tatsächlich noch einen Blick auf das WM-Halbfinale zwischen England und Argentinien werfen, das die Südamerikaner mit 2:1 für sich entschieden.

Vor allem aber hinterließ der Abend den Eindruck einer Band, die sich auch nach mehr als 45 Jahren immer wieder neu erfindet. Steve Hogarth überzeugte mit einer beeindruckenden Gesangsleistung, Steve Rothery glänzte mit seinem unverwechselbaren Gitarrenspiel und die gesamte Band präsentierte sich in bestechender Spielfreude.

Besser hätte die Generalprobe für die beiden Konzerte im Amphitheater von Pompeji kaum laufen können. Leipzig erlebte einen Abend, der eindrucksvoll zeigte, warum Marillion bis heute zu den wichtigsten Vertretern des Progressive Rock zählen.